Erdferkel, Rüsselspringer und woher wir eigentlich kommen

Das Museum für Naturkunde in Berlin Kürzlich sorgte das Berliner Naturkundemuseum mit der Rückkehr seiner spektakulärsten Exponate für Schlagzeilen: Vom weltgrößten Museumsdinosaurier über den versteinerten Archaeopteryx bis zum ausstaffierten Gorilla Bobby. Der eigentliche Schatz findet sich jedoch hinter den Kulissen: In einer der weltweit größten naturwissenschaftlichen Sammlungen gehen täglich über hundert Wissenschaftler ihren Forschungen nach.

In dem Büchlein "Anleitung zum Sammeln, Konservieren und Verpacken von Tieren" fanden all diejenigen praktischen Rat, die vor hundert Jahren Säugetiere, Vögel, Reptilien, Spinnen oder Insekten jagten, um sie den Sammlungen des Zoologischen Museums in Berlin zuzuführen. Einleitend führte der Ratgeber die Instrumente auf, die für das Sammeln und Präparieren unabdingbar waren: Für Säugetiere und Vögel etwa bauchig geschliffene Messer verschiedener Größe oder Staubkämme zum Abkämmen der Läuse und Flöhe. Derart ausgerüst zogen die Sammler in nahe wie in ferne Ländern aus, um die Sammlung des Museums und damit den Ruhm des Vaterlandes, des Kaisers und nicht zuletzt ihrer selbst zu mehren.

Eine der größten naturkundlichen Sammlungen der Welt

Thomas Lehmann
Thomas Lehmann mit dem Schädel eines Erdferkels

Auf diese Weise wurden die zoologischen und paläontologischen Sammlungen des Berliner Naturkundemuseum im Wetteifer mit Städten wie Paris oder London schnell zu den bedeutendsten der Welt. Die Bestände des im 19. Jahrhundert aus dem Anatomisch-Zootomischen, dem Mineralogischen sowie dem Zoologischen Museum hervorgegangen Museum zählten bereits 1875 mehr als 600.000 Objekte. Heute sollen es über 30 Millionen sein, davon Zehntausende von Typusexemplaren, also jenen konservierten Tieren, die der Namensgebung der jeweiligen Art zugrunde liegen. Genau nachgezählt hat bislang keiner. Nicht wenige der Kisten, die heute in dem Neorenaissancebau von 1910 in der Berliner Invalidenstraße lagern, blieben bislang sogar ungeöffnet. So groß ist ihre Zahl, dass die Kustoden des Museums seit hundert Jahren einfach nicht hinterherkommen, alle Objekte zu registrieren.

Seekuh
Enge Verwandte: Seekuh...

An den Sammlungsmethoden der Forscher hat sich seitdem Einiges geändert. So verhindern glücklicherweise internationale Artenschutzabkommen, dass tropenhelmtragende Aristokraten und andere selbsterklärte Sammler mit der Flinte ausziehen können, um die Berliner Bestände zu erweitern. Zwar schicken auch heute noch Paläontologen, Zoologen oder Entomologen – sei es aus Brandenburg oder Burundi – weiterhin Insekten oder Fossilien an das Museum. Dabei sind jedoch strenge Auflagen zu erfüllen. Gerade aber weil das Museum noch Exemplare längst ausgestorbener oder vom Aussterben bedrohter Spezies besitzt, sind seine Sammlungen heute so wertvoll.

Schliefer
...und Schliefer.

Doch warum stellen in Zeiten der Molekular- und Nanobiologie eigentlich noch Fossilien, Knochen oder Insekten einen so hohen Wert für die Forschung dar? Erwarten wir nicht, dass heutige Biologen und Evolutionsforscher in weißen Kitteln und modernen Laboren mit DNS- und Eiweissproben und Computermodellen hantieren, anstatt aus kaiserzeitlichen Schubladen vergilbte Schädelknochen zu holen oder an Fossilien zu schaben? Ja, gehört das Einlegen von Embryos und Fischen in Alkohol nicht sogar noch älteren Zeiten fürstlicher Kuriositätenkabinette an?

Die Afrotheria

Morphologie
Die Morphologie befasst sich mit Bau, Struktur und Form von Organismen.
Vergleicht man zum Beispiel die Knochen rezenter, also heute noch lebender Säugetiere mit entsprechenden Fossilfunden schon ausgestorbener Vorfahren, kann man die Gestaltänderung im Laufe der Entwicklung nachvollziehen und beschreiben. Die Morphologie bildet dementsprechend eine wichtige Grundlage für die Erforschung der Evolution.

Für Thomas Lehmann ist das keine Frage. Der gebürtige Elsässer ist Paläontologe und Morphologe und seit einigen Monaten als Postdoc am Naturkundemuseum. Dass sein Fach verstaubt sei, will nun niemand gern hören. Lehmann nennt aber überzeugende Gründe, warum auch in Zeiten der Genanalyse sein Forschungszweig noch längst nicht ausgedient hat.
Freilich habe gerade die DNS-Forschung der letzten Jahrzehnte die Forschung revolutioniert. Ganze althergebrachte Klassifikationen und Stammbäume wurden durch neue genetische Erkenntnisse in Frage gestellt. Die Tiere, über die Lehmann forscht, waren vor den neuen Möglichkeiten der DNS-Forschung nicht einmal als artverwandt erkannt worden. Wer hätte auch gedacht, dass so unterschiedliche Wesen wie der Elefant, das Erdferkel, die Goldmulle, der Schliefer, der Rüsselspringer und die Seekuh allesamt nächste Verwandte sind?

Zuvor hatte man beispielsweise den Elefanten wie das Nilpferd zu den Huftieren gezählt und den Rüsselspringer wie den Igel zu den Insektenfressern. Solche Annahmen schienen schon aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit annehmbarer, als zu vermuten, Seekuh und Schliefer wären Vetter (siehe Bilder). Die DNS-Phylogenie dieser Tiere, also ihre Klassifikation als Verwandtschaftsgruppe, als neue Gruppe der Afrotheria , blieb jedoch bislang unbestätigt.

Phylogenie
Die Phylogenie befasst sich mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung (Phylogenese) der Lebewesen im Verlauf der Erdgeschichte.
Zur Erforschung der Phylogenese vergleicht man strukturelle (morphologische), anatomische und physiologische Merkmale von ausgestorbenen und rezenten (heute noch lebenden) Organismen. Auch die Analyse von Erbsubstanz (DNS) kann beim Aufstellen von Stammbäumen und Klassifikationen helfen.

Für Lehmann ist daher entscheidend, dass Erkenntnisse aus der Morphologie sowie der Paläontologie die neuen Befunde der Genforscher stützen, aber eben auch ihrer Präzision dienen können. Der Hypothese, die Afrotheria hätten sich vor 100 Millionen allein in Afrika entwickelt und seien erst nach 20 Millionen Jahren emigriert, widersprechen zum Beispiel Fossilienfunde, die darauf hinweisen, dass diese Säugetiere auch in Nordamerika und Europa beheimatet waren, eventuell sogar dort entstanden. Zudem lassen sich allein anhand dieser Fossilienfunde wichtige geographische Kenntnisse gewinnen: Zu welcher Zeit die Kontinentalplatten überhaupt auseinander- und wieder zusammendrifteten.

Die DNS-Forschung kann hierüber freilich keine Auskunft geben, sie braucht im Gegenteil die Erkenntnisse der Paläontologen für ihre eigenen Hypothesen. Genauso ist sie aber auch uneins über die genauen verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Afrotheria. Auch hier versprechen genauere morphologische Vergleiche neue Erkenntnisse.

Reisen gehört zum Beruf des Paläontologen

Thomas Lehmann untersucht daher für die Gruppe der Afrotheria die morphologischen Merkmale etwa an Zähnen oder Schädelknochen von Erdferkel und Schliefern. Beide gehören zu den bedrohten Arten Afrikas. Gerade deswegen sind die Sammlungen in Berlin für den Wissenschaftler von so hohem Wert. Denn hier findet er wie nur an wenigen anderen Orten eine Fülle der raren Untersuchungsexemplare vor.

Erdferkel
Auch unsere Vorfahren? Erdferkel...

Berlin ist nach anderen naturkundlichen Sammlungen, unter anderem in New York, Paris, London, Stuttgart, Nairobi, Kapstadt, Windhoek und Pretoria, eine von Lehmanns zahlreichen Stationen. Tervuren in Belgien wird bald folgen. Zu soviel Forschungselan gehört sicherlich Begeisterung. Letztendlich geht es ja auch um keine kleine Frage. Durch seine morphologischen Untersuchungen an Erdferkeln und Schliefern erhofft sich Lehmann schließlich auch Auskunft über deren Verortung in der Klasse der Säugetiere insgesamt. Es ist nicht auszuschließen, dass sie die Vorfahren aller Säugetiere sind, also auch von uns Menschen.
Dies allein ist eigentlich schon Grund genug zur Begeisterung. Lehmann betont aber auch, dass sein Forschungsprojekt nicht nur der Theorie, sondern auch dem praktischen Artenschutz gewidmet ist.

Organisationen, wie die Weltnaturschutzunion , welcher der Wissenschaftler angehört, machen sich das Wissen der Evolutionsbiologen für ganz konkrete Projekte nutzbar. Erst wenn man weiß, unter welchen Bedingungen eine Spezies sich entwickelt und verbreitet hat, mit welchen anderen sie in direkter Konkurrenz steht oder auf deren Co-Existenz sie angewiesen ist, kann man effiziente Schutzprogramme entwickeln. Dies gilt auch für das Erdferkel und Compagnie.

Ein Fenster für die Öffentlichkeit

Rüsselspringer
...und Rüsselspringer.

Das Projekt von Thomas Lehmann ist nur eines von Hunderten am Berliner Naturkundemuseum, das sich der Erforschung und der Beschreibung von bekannten und noch unbekannten Lebewesen dieser Erde widmet. Nur durch das genaue Beobachten vergangener Zeiten und der Rekonstruktion der Evolution unserer und anderer Arten verstehen Biologen das komplexe Ökosystem mit seiner Biodiversität und seine Mechanismen immer besser. Bei zunehmenden menschenverursachten Gefährdungen des eigenen Habitats wird solches Wissen überlebensnotwendig.

Darum ist es so erfreulich, dass das Naturkundemuseum nun endlich wieder seine erstaunlichsten Sammelstücke zeigt. Eine gut gegliederte, durch interaktive und multimediale Elemente ergänzte, aber nicht überfrachtete Ausstellung führt durch den verschlungenen Weg der Evolution und öffnet die Augen für die atemberaubende Artenvielfalt unseres Planeten.

Thomas Lehmann freut sich besonders über die wissbegierigen Kinder, die mit ihren Lehrern oder Eltern in das Museum strömen. Dass die wissenschaftlichen Sammlungen ohne das Museum nur die Hälfte wert wären, steht für ihn ohnehin fest. Denn was wäre eine Wissenschaft, die ihre Ergebnisse nicht mehr der Öffentlichkeit mitteilt?

Beitrag von Joachim Jachnow
Bildquellen: Museum für Naturkunde Berlin; Joachim Jachnow; Thomas Lehmann (2)

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Zur Person

Joachim Jachnow promoviert in Geschichte und beschäftigt sich üblicherweise nur mit den letzten Jahrhunderten des Jungholozäns.

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Themen: Museen | Paläontologie
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