Zitat des Tages: Atemschaukel
"Es war noch Krieg im Januar 1945. Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss, wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half. Weil ich unabänderlich auf der Liste der Russen stand, hat mir jeder etwas gegeben und sich sein Teil dabei gedacht. Und ich habe es genommen und mir gedacht mit meinen siebzehn Jahren, dass dieses Wegfahren zur rechten Zeit kommt. Es müsste nicht die Liste der Russen sein, aber wenn es nicht zu schlimm kommt, ist es für mich sogar gut. Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld. Und ein schlechtes Gewissen, weil die Liste, an der meine Angehörigen verzweifelten, für mich ein angenehmer Zustand war. Sie fürchteten, dass mir etwas zustößt in der Fremde. Ich wollte an einen anderen Ort, der mich nicht kennt. (...)"
Herta Müller: Atemschaukel. Hanser, München 2009.




Kommentare
Nobelpreise 2009
Der Auszug macht Lust auf das ganze Buch. Ich freue mich sehr über diesen Nobelpreis, und auch über die Verleihung von heute aus Oslo.
Literaturnobelpreisträgerin
Unter dem überfüllten Leipziger Rathaussaal (in zugigem Durchgang nur in einer Videoübertragung) habe ich H. M. erlebt. Sie sprach so ungewöhnlich wie sie schreibt und beeindruckte mich nachhaltig. Eine kleine standhafte Person, die sich nicht unterordnen wollte, nicht der Diktatur und nicht der dumpfen Gemeinschaft der deutschstämmigen Landbevölkerung.