Basisdemokratie als ethische Zwickmühle

In der Schweiz hat eine demokratische Mehrheit etwas entschieden. Dass die Mehrheit von Emotionen und weniger von Argumenten geleitet ist, ändert das nicht. Leider! Oder? Die gegenwärtigen Studierendenstreiks führen zur Solidarisierung, die Dekane bitten vielerorts die Dozentenschaft, die Studierenden von Seminaren freizustellen -- wegen der Streiks. Sucht man die besetzen Räume der Unis auf, begegnet man vielen Emotionen und beeindruckendem Durchhaltewillen, aber wenigen konkreten Forderungen, Streikzielen oder gar ernsthafte Konzepten. (Die Parolen sind oft die der 70er Jahre, in denen wir nicht mehr leben.) Vor allem begegnet man aber: einer Minderheit! Ich lasse meine Seminare zwar ausfallen, weil auch ich Kritik am BA-Schulsystem habe, aber auch, weil mein Dekan darum bittet. Die Bildungspolitik hat wahrlich Streiks verdient, aber das ändert die demokratischen Regeln nicht. Wer schwarz-gelb will, soll die Folgen tragen. Ich richte mich hochschulintern aber nach Minderheiten! Darf ich das? Die Mehrheit streikt nicht, sondern käme lieber zum Seminar, geht arbeiten oder ist froh über die gewonnene Zeit. Und nun? Sage ich dieser Mehrheit, sie hätte unrecht? Oder gehe ich zu meinen vorgesetzten Professoren und sage: Sie solidarisieren sich mit einer Minderheit! Meine Seminare fallen aus -- eine ethische Zwickmühle.  

 

Kommentare

Lehrenden-Rechte und Verantwortungsfähigkeit

Herr Berzbach, da sie Erziehungswissenschaftler sind, können sie mir vielleicht beantworten, was ich mich schon etwas länger Frage:
Wie nämlich _könnte_ es überhaupt legitimierbar sein, dass sie für Minderheiten (ein)stehen (wollen) dürfen, die gegen die Institution, wie sie augenblicklich ist, arbeiten ("Streik")? Ist das denn nur ein Problem von "demokratischer" Politik oder ist es nicht ein Problem von Politik in Institutionen, wobei das Demokratische nur für zusätzliche Effekte sorgt (die freilich nicht unabhängig sind von der Institution)?
In einem ähnlichen Kontext, nämlich dem der Notengebung in der Schule, fragte ich mich letztens, wie ein Lehrer denn die Noten, die er gibt, überhaupt vollständig verantworten _könnte_; ich meine nämlich, dass das schlicht unmöglich ist: Noten haben bekanntlich weitaus weitreichendere Folgen als bloß die in der Schule (oder der Universität, aber hier stellt sich das Problem ja ganz anders!). Lehrer _können_ aber nur für die Effekte in der Schule Verwantwortung tragen und selbst hier nicht einmal vollständig, wenn es mehr als einen benotenden Lehrer gibt (was Regelfall ist). Liegt damit auf den "Schultern" und in der Macht der Lehrer nicht etwas viel größeres, als sie überhaupt zu bestimmen und kontrollieren selbst in der Lage sind? Der Fall der bayrischen Lehrerin, die allen Schülern nur noch einser gab und dafür strafversetzt (sic!) wurde, warf diese Frage für mich auf.

Stellt sich ihr Problem, trotz der institutionellen Unterschiede, nicht auf ähnliche (aber nicht-adäquate!) Weise? Ist es ihnen nicht nach demokratischen Regeln erlaubt, zu partizipieren, aber aufgrund eines darüberliegenden, fast despotischen Rechts (dem der Institution selbst) nicht verboten, dieses Recht wahrzunehmen bzw. ihre demokratische Freiheit in rechtsmäßige Praxis umzusetzen?

Wie gesagt, meine Frage ist (bezogen auf pädagogische Kontexte), ob es sich bei der Problemstellung wie der ihren um eine Frage demokratischer Politik handelt, oder ob es nicht "darunter" um die Politik in der/den Institutionen geht (gegen die die Studenten ja streiken?)

fragende Grüße

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