sciencegarden Blog

Titel zweiten Grades

Kristina Köhler heißt die neue Bundesfamilienministerin von der CDU - Dr. Kristina Köhler. Auf die Nominierung des 32jährigen Shootingstars aus Hessen reagierte die Süddeutsche Zeitung heute online mit einem hämischen "Bericht". Köhler, so SZ-Autor Thorsten Denkler unter dem Titel " Das schwarze Netz von Frau Doktor " habe eine - im Wissenschaftsjargon - "klassische Typ-II-Arbeit" verfasst, ein akademisches Werk also, dessen Verfasser, hier: dessen Verfasserin es ausschließlich um den Erwerb des begehrten Titels geht und nicht so sehr um den Fortschritt der Wissenschaft, alldieweil so ein "Doktor" ja viel hermacht vor dem titelehrfürchtigen Wahlvolk. Um neben ihrem 16-Stunden-Tag als Bundestagsabgeordnete überhaupt mit der - so die SZ - "vergleichsweise einfach gestrickt(en)" Dissertation zu Rande zu kommen, habe sich Köhler auf ein ganzes Netz politisch mächtiger Freunde und Förderer sowie hilfswissenschaftlicher Kräfte, zum Teil gegen Bares, verlassen können. Aus Köhlers Dissertationsvorwort zitierend, listet die SZ säuberlich alle diese Helferlein auf - nur um am Ende festzustellen, dass nichts an Köhlers Arrangements anrüchig ist.

Sicher, die meisten Doktorandinnen, die es ernst meinen mit der Wissenschaft, dürften von den Arbeitsbedingungen einer gut vernetzten Abgeordneten nur träumen. Und sehr wahrscheinlich hat Ministerin Köhler mit ihrer 300 Seiten umfassenden Schrift Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten auch keine akademische Glanzleistung vollbracht. Aber das trifft auf viele Nachwuchsforscher, die es mit der Wissenschaft ernster meinen, ebenfalls zu.

Man mag von Arbeiten, die nur um des lieben Titels willen geschrieben werden, wenig halten. Besser wäre es, sie würden nicht geschrieben. Anstößig ist an der ganzen Sache aber vor allem eines: dass und wie die SZ mit lustvollem Eifer und gespielter Seriosität Zweifel an den Kompetenzen einer erfolgreichen (jungen) Frau säht.

Welcher strebsame Nachwuchsparlamentarier hätte denn bitteschön keine - privaten, schwarzen, roten, grünen... - Unterstützer nötig gehabt, um zum Beispiel Kinder großzuziehen, Manuskripte zu verfassen und Wissenslücken zu schließen? Wo bleibt das Feuilleton über die wissenschaftlichen Forschungen unseres Bundesaußenministers? Der hat seinen Doktortitel - womöglich vom Typ II? - vor Jahren an der Fernuniversität in Hagen erworben. Unter welchen Umständen, wird uns die SZ hoffentlich bald zu berichten wissen.

Bericht aus Deutschland 1950

"Unter der Oberfläche hat die Einstellung der Deutschen zur Arbeit einen tiefen Wandel erfahren. Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen nur ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist. Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich -- wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr vergessen habt. Doch die angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit den Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann."

Hannah Arendt: Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes. In: Dies.: Zur Zeit. Politische Essays. dtv, München: 1989.

Familienweihnachten als Pflichtveranstaltung

"Wie kommen Kriegskinder und Friedenskinder miteinander aus? Wie funktionieren die Beziehungen zwischen Generationen, die auf verschiedenen Planeten aufgewachsen sind? Wenn Eltern über die verheerenden Erlebnisse ihrer Kindheit in einer Weise redeten, als hätte ihnen das alles nichts ausgemacht ("Das war für uns normal"), wenn sie ihre frühe Erschütterung und Prägung nicht wahrnahmen, konnte das folgenlos für die nächste Generation bleiben? (...) Wie geht es eigentlich den deutschen Kriegskindern heute? Meine Recherchen bezogen sich nicht nur auf die entsprechenden Jahrgänge 1930-1945, sondern ich wurde genauso hellhörig, wenn mir damals eine Generation tiefer 30 bis 40-jährige von schlechten Beziehungen zu Mutter und Vater erzählten. Dabei tauchte wortgleich immer wieder auf: "Meine Eltern wissen gar nicht, wer ich bin." Es stellte sich heraus, dass die Kinder eine weit bessere Ausbildung als ihre Eltern erhalten hatten und sozial aufgestiegen waren. Doch ein einleuchtender Grund für schlechte Beziehungen ist das nicht. Wenn Ältere und Jüngere nichts mehr miteinander anfangen können, wenn das Familienweihnachten für die erwachsenen Kinder eine reine Pflichtveranstaltung ist, wo nur über Banales geredet wird, wenn keiner mehr dem anderen zuhören mag, dann kann das nicht allein an einer kulturellen Entfremdung liegen ..."

Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart: 2009, S.17

Schnelle Kunst

17 Meisterschüler, 3 Ausstellungen, 2 Wochen. Kein Zweifel, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das Projekt hub:kunst.diskurs hat den Zeitgeist zum Programm erhoben und präsentiert ab Donnerstag, den 27.11.09 in Hannover eine Blitzausstellung herausragender Absolventen der HBK Braunschweig. Dokumentiert und kommentiert wird alles in einem eigenen Blog: http://www.kunst-diskurs.de/

Naturwissenschaft als Klartext

Die Klaus Tschira Stiftung sucht Nachwuchswissenschaftler, die exzellent forschen und anschaulich schreiben. Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft KlarText! wird vergeben in den Fächern Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Neurowissenschaften und Physik.

Wenn Sie in einem dieser Fächer im Jahr 2009 promoviert wurden und ihre Forschungsergebnisse in einem populärwissenschaftlichen Artikel beschreiben möchten – dann bewerben Sie sich um den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft 2010.
Mit seiner Stiftung fördert Dr. h. c. Klaus Tschira seit 1996 Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik.

Die besten Artikel werden mit je 5.000 Euro ausgezeichnet und in einer Sonderbeilage der Zeitschrift bild der wissenschaft veröffentlicht.
Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft wird jährlich ausgeschrieben. Bewerben können sich jeweils Nachwuchswissenschaftler, die im Jahr zuvor promoviert wurden.
Einsendeschluss für den nächsten Wettbewerb ist der 28. Februar 2010.
Hier finden Sie weitere Teilnahmebedingungen .

Massenproteste gegen Depression?

Die Zeit protestierender Massen ist vorbei, wird behauptet. Aber wenn ein Fußballer stirbt, sind sie wieder da. Zehntausende laufen auf die Straße, um der Öffentlichkeit ihre Trauer zu zeigen und auch, um gegen Menschenhandel und Leistungsdruck im Profisport zu protestieren. Das befremdet: Gibt es nichts Wichtigeres als Fußball? Sollten nicht die Menschen auf der Straße sein, wenn die Zahlen der Kinderarmut verkündet werden (oder auch der Manager-Boni)? Früher bewegten die Heiligen die Herzen, dann immerhin noch Philosophen, schließlich Künstler -- heute Autorennfahrer, Fotomodelle und Fußballer.

Jeder Freitod ist ein tragisches Ereignis & das Thema Depression bedarf mehr Aufmerksamkeit. Aber das der Freitod des Torhüters ständig im Zusammenhang mit seiner verstorbenen Tochter durch die Medien geistert, das stabilisiert eine Ideologie. Nämlich die, Depressionen seien eben doch nur eine chemische oder biographische Störung und die Pharmaindustrie sei halt noch nicht so weit. Alain Ehrenberg hat in "Das erschöpfte Selbst" gezeigt, dass eine Gesellschaft, die jeden zur heroischen Selbstverwirklichung zwingt, Depressionen begünstigt. Da hilft kein Arzt. In der Repression des neuen Kapitalismus wird das "authentische Selbst zur Produktivkraft" -- und der Preis dieses "erosion of character" (Richard Sennett) ist die Volkskrankheit Depression. Vielleicht wäre die Unkultur des Profifußballs eine Gelegenheit, darüber eingehend zu debattieren? Der Rest der Gesellschaft scheint nämlich genau diese Struktur zu übernehmen, bald sieht sich jeder -- ob im Web 2.0, an der Uni oder im Betrieb -- den Rankings ausgesetzt. Und erstrebens- und lebenswert ist es natürlich nur die Tabellenspitze. Die ganz oben leben in psychischer Lebensgefahr, die anderen sind Loser. Aber ist das die Gesellschaft, die wir wollen?

Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Mit einem Vorwort von Axel Honneth. Suhrkamp, Frankfurt/Main, Neuauflage: 2009

DAS WEISSE BAND

Der herausforderndste Film der letzten Jahre ist fraglos DAS WEISSE BAND von Michael Haneke: Ästhetisch herausragend; politisch, historisch, psychologisch, pädagogisch, theologisch ein Schwergewicht. Im Perlentaucher ist dazu nun eine heiße Debatte entbrannt, die geschlossene Düsternis von Hanekes Film stößt auf begründeten Protest. Der Film ist einerseits auf die Formel "Hitchcock & Fontane" zu bringen, aber schaut man das Realismus-Konzept von Fontane an, ist sie zugleich völlig falsch. Fontane verweigerte das nur Negative als künstlich und auch fatal in der Wirkung. Die Abneigung gegen die Filme von Haneke beruhen aber -- meiner Meinung -- auf einem ästhetischen Irrtum. Es geht doch in der Kunst nicht vor allem darum, was zwischen den Figuren passiert! Sondern: Was zwischen Kunstwert, dem Film, und dem Zuschauer geschieht. Stellt man sich auf diese komplexere Art der Kunstrezeption ein, fordert der hermetische Pessimismus von DAS WEISSE BAND geradezu heraus. Haneke geht vom distanzierten Zuschauer aus, der weiterhin selbst denkt. Und bedenkt man, das Nietzsche im Pfarrhaus groß wurde und auch Gudrun Ensslin, dann erzeugt der Film ganz neue Sichtweisen. Das würde er nicht, wenn er "nur" Fontanes Konzeption folgte.

Zitat des Tages II

"Der künstliche Charakter der menschlichen Kommunikation (...) ist dem Menschen nicht immer voll bewusst. Nach Erlernen eines Codes neigen wir dazu, seine Künstlichkeit zu vergessen. Hat man den Code der Gesten gelernt, denkt man nicht mehr daran, dass Kopfnicken nur für jene 'Ja' bedeutet, welche sich dieses Codes bedienen. (...) In letzter Analyse ist das der Zweck der uns umgebenden kodifizierten Welt: uns vergessen zu lassen, dass sie ein künstliches Gewebe ist, welches die an und für sich bedeutungslose Natur unserem Bedürfnis gemäß mit Bedeutung erfüllt. Der Zweck der menschlichen Kommunikation ist, uns den bedeutungslosen Kontext vergessen zu lassen, in dem wir vollständig einsam und incommunicado sind, nämlich jene Welt, in der wir in Einzelhaft und zum Tode verurteilt sitzen: die Welt der 'Natur'."

Vilém Flusser: Kommunikologie. (1996)

Zitat des Tages

"Jeder soll für sich selber sorgen. Jeder soll arbeiten. Alle betrachten sich als Bewerber um Preise, die durch Leistung zu erringen sind. Sie müssen zeigen, was sie können, und wenn sie nichts können oder Pech haben, kommen sie eben unter die Räder. So sieht jeder jeden an. Es kann einer aus einem Wohltäter der Menschheit zu einem Nichts werden, einfach weil die Börse schwankend war. Der hoffnungslos Arme hört auf, Subjekt zu sein, bestenfalls wird er Gegenstand der Sozialpolitik. Er fällt zur Last."

Max Horkheimer: Bemerkungen zur philosophischen Anthropologie, 1935.

Absurder Nobelpreis

Der renommierte amerikanische Historiker und Politologe Howard Zinn empfand die Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten als schockierend . Bevor er sich entsann, dass Obama nur ein weiterer Preisträger unter vielen ist, der Frieden verpricht, während er Kriege führt. Angesichts dessen sollte sich das Preis-Komitee am besten in den Ruhestand begeben:

I was dismayed when I heard Obama was given the Nobel Peace Prize. A shock, really, to think that a president carrying on two wars would be given a peace prize. Until I recalled that Woodrow Wilson, Theodore Roosevelt, and Henry Kissinger had all received Nobel Peace prizes. The Nobel Committee is famous for its superficial estimates, won over by rhetoric and by empty gestures, and ignoring blatant violations of world peace.

Yes, Wilson gets credit for the League of Nations -- that ineffectual body which did nothing to prevent war. But he had bombarded the Mexican coast, sent troops to occupy Haiti and the Dominican Republic and brought the U.S. into the slaughterhouse of Europe in the first World War -- surely among stupid and deadly wars at the top of the list.

Sure, Theodore Roosevelt brokered a peace between Japan and Russia. But he was a lover of war, who participated in the U.S. conquest of Cuba, pretending to liberate it from Spain while fastening U.S. chains on that tiny island. And as president he presided over the bloody war to subjugate the Filipinos, even congratulating a U.S. general who had just massacred 600 helpless villagers in the Phillipines.

The Committee did not give the Nobel prize to Mark Twain, who denounced Roosevelt and criticized the war, nor to William James, leader of the anti-imperialist league.
Oh yes the Committee saw fit to give a peace prize to Henry Kissinger, because he signed the final peace agreement ending the war in Vietnam, of which he had been of the architects. Kissinger, who obsequiously went along with Nixon's expansion of the war, with the bombing of peasant villages in Vietnam, Laos, and Cambodia. Kissinger, who matches the definition of a war criminal very accurately, is given a peace prize!

People should not be given a peace prize on the basis of promises they have made (as with Obama, an eloquent maker of promises) but on the basis of actual accomplishments towards ending war, and Obama has continued deadly, inhuman military action in Iraq, Afghanistan, and Pakistan.

The Nobel Peace Committee should retire, and turn over its huge funds to some international peace organization which is not awed by stardom and rhetoric, and which has some understanding of history.

Zitat des Tages: Atemschaukel

"Es war noch Krieg im Januar 1945. Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss, wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half. Weil ich unabänderlich auf der Liste der Russen stand, hat mir jeder etwas gegeben und sich sein Teil dabei gedacht. Und ich habe es genommen und mir gedacht mit meinen siebzehn Jahren, dass dieses Wegfahren zur rechten Zeit kommt. Es müsste nicht die Liste der Russen sein, aber wenn es nicht zu schlimm kommt, ist es für mich sogar gut. Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld. Und ein schlechtes Gewissen, weil die Liste, an der meine Angehörigen verzweifelten, für mich ein angenehmer Zustand war. Sie fürchteten, dass mir etwas zustößt in der Fremde. Ich wollte an einen anderen Ort, der mich nicht kennt. (...)"

Herta Müller: Atemschaukel. Hanser, München 2009.

"Es ist Deutschland hier"

Noch nicht im Amt, beweist der künftige deutsche Außenminister bereits souveräne Weltläufigkeit . Noch unklar ist hingegen, wie das wirtschaftspolitische Profil der neuen Bundesregierung aus sozialdemokratisierter Merkel-CDU und marktradikalen Freidemokraten aussehen wird. Ginge es allein nach der FDP, dürfte sich die Bevölkerung wohl auf verschärfte "Deregulierung" und Entstaatlichung in puncto Bildung und Wohlfahrt einstellen - und auf neue Freifahrtscheine für die entfesselte Weltwirtschaft.

Wer immer noch rätselt, wie kurz nach Ausbruch der größten Wirtschaftskrise seit den 1920er Jahren eine neoliberale Partei in diesem Land mit derartigem Aplomb an die Macht kommen konnte, dem sei die spannende, nicht nur stilistisch ansprechende Lektüre der von Christoph Buterwegge, Bettina Lösch und Ralf Ptak unter Mitarbeit von Tim Engartner verfassten Kritik des Neoliberalismus - für 12,90 Euro inzwischen schon in der 2. Auflage erhältlich - sehr ans Herz gelegt.

Die Autoren rekonstruieren geistige Grundlagen, Geschichte und das gesellschaftspolitische Programm der weltweit heute vermutlich wirkungsmächtigsten Ideologie, deren Ziel nicht weniger als die "Entthronung der Politik" (Friedrich August von Hayek) ist . Sie erklären, wie es zur globalen Hegemonie des Neoliberalismus gekommen ist, obwohl bereits dessen Prämissen wirklichkeitsfremd und obskur sind, und führen anhand zahlreicher Beispiele aus, wie Privatisierung, Deregelierung und Flexibilisierung aus demokratischen Gemeinwesen postfeudale und repressive Konkurrenzgesellschaften machen.

Das Buch der Kölner Forscher ist ein Musterbeispiel kritischer und engagierter Wissenschaft und ein wertvoller Navigator für die kommende Legislaturperiode und darüber hinaus.

Déjà-vu...

"Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs."

Walter Benjamin - Über den Begriff der Geschichte (1939)

Die Realität der Massenmedien

Es gibt keine Politikverdrossenheit -- sondern nur falsche Mediennutzung. Die Politiker reden nicht so, weil sie so reden: sie reden IM FERNSEHEN so, weil das Fernsehen die boulevarleske Struktur vorgibt. Wer sich bequemt gute Bücher oder eine überregionale Zeitung zu lesen oder sogar den Deutschlandfunk einzuschalten, der wird eine ganz andere Medienrealität teilen. Das ist noch immer nicht die Realität, aber auch Medienkonstruktionen kennen gewaltige Niveauunterschiede. Die erste Wahl findet also nicht an der Wahlurne statt, sondern zwischen Medienrealitäten. Wer Schimpfen will, der halte sich ans TV, wer etwas über Politik erfahren will, lieber an gute Tageszeitungen oder das Qualitätsradio.

Politiker mühen sich ab an der Steuerung komplexer Systeme; diese Aufgabe ist wesentlich schwieriger als die Fernbedienung eines Fernsehens. Auf vielen Ebenen ist Politik konsensorientiert, sachlich, bedacht und fachlich. Die Unterhaltungsmedien nennen das "langweilig". Aber ist Politik eine Unterhaltungssendung? Politikern wird hierzulande alles vorgeworfen, aber auf welcher Grundlage? Ist die bundesdeutsche Demokratie so schlecht? Gibt es Alternativen zur Demokratie? Ein Blick ins Geschichtsbuch oder in viele andere Länder mahnt zur Zurückhaltung. Die fortgeschrittene Demokratie braucht Kritik, keine wohlständige Verdrossenheit. Sie braucht auch Zuspruch. Und vor allem: anspruchsvolle Medien, die anspruchsvoll genutzt werden -- und das sind bisher die "alten Medien" und weniger Fernsehen und Internet.

Filmgeschichte

Einen kompakten Einstieg in die Filmgeschichte gibt Werner Faulstich in seinem gleichnamigen Band der UTB-basics. Das Buch hat 348 Seiten, einen Umfang, den man angesichts der üblichen 90-Seiten-Bändchen für den BA ausdrücklich loben muss! Wer das Lehrbuch durcharbeitet, der hat also einen Überblick. Die Kapitel sind klar strukturiert: chronologisch, oft nach Filmemachern, nach Nationalitäten oder Genres; wie es dem Autor sinnvoll erscheint. Die vielen, und nicht immer sinnvollen "Merksätze" und Kontrollfragen sind oft überflüssig, stören aber den Lesefluss auch nicht. Sehr hilfreich sind die weiterführende Literatur und die Filmtipps. Ähnlich wie Faulstichs Mediengeschichte ist auch dieser Band gelungen und lesenswert.

Werner Faulstich: Filmgeschichte. UTB basics, Stuttgart: 2005.

http://www.utb.de/katalog_suchen_detailseite.jsp?buchid=1404

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