Bibliothek in Not

Eingangstor der British Library Die britische Regierung will bei ihrer renommiertesten Bibliothek sparen. Um die angedrohten Kürzungen doch noch abzuwenden, rief die British Library zur Unterstützung auf. Der internationale Protest ließ nicht lange auf sich warten. Nun hängt es von Schatzkanzler Gordon Brown ab, ob die Bibliothek ihr Weltspitzenniveau halten kann.

In den Beständen der British Library in London , die zu den größten Bibliotheken der Welt gehört, finden sich das Notizbuch Leonardo da Vincis ebenso wie die frühen Beatles-Partituren. So illustre Autoren wie Karl Marx, Virginia Woolf, Wladimir Lenin, Charles Dickens oder George Bernard Shaw profitierten vom reichen Buch- und Archivalienbestand der Bibliothek. Damals wie heute nutzen britische, europäische wie außereuropäische Studenten und Forscher eine Bibliothek, die in Deutschland bislang ihresgleichen sucht.

Die Rolle der Bibliothek als herausragende, internationale Forschungseinrichtung ist nun allerdings durch Sparpläne der britischen Regierung gefährdet. Die rüstet zwar derweil für etwa 20 Milliarden Pfund (etwa 30.000.000.000 Euro) die Atom-U-Bootflotte des Landes auf, will aber nicht das Geld haben, den Haushaltsposten der British Library bei 100 Millionen Pfund zu halten. Und dies, obwohl die Bibliothek seit 2001 bereits 40 Millionen Pfund – vor allem am Personal – einsparte.

Weitere Einsparungen von bis zu sieben Prozent könnten die Bibliotheksleitung demnach schon bald zwingen, die Öffnungszeiten drastisch einzuschränken und erstmals in ihrer Geschichte Bibliotheksgebühren zu erheben. Das ist noch lange nicht alles. Die öffentlichen und vielmals gelobten Ausstellungen der Bibliothek werden für immer schließen, die Lernprogramme für Schüler ersatzlos gestrichen werden, bleibt es bei den Sparplänen.

Hart wird es auch die Sammlung der Bibliothek treffen, die bislang mindestens ein Exemplar eines jeden im Vereinigten Königreich erschienenen Buchs beinhaltet. Wenigstens um 15% wird dieser Buchbestand an Substanz verlieren, wenn die Sparmaßnahmen beschlossen werden, so die Bibliotheksleitung. Auch das nationale Zeitungsarchiv, das immerhin 30.000 Besucher im Jahr zählt, würde für immer geschlossen werden.

Newton-Statue

Newton wacht vor der BL in London: „I can calculate the motions of the heavenly bodies, but not the madness of people.“

Dementsprechend groß ist die Empörung, nicht nur im akademischen Umfeld. Zahlreiche Protestschreiben von Forschern, Journalisten, Schriftstellen und Politikern gingen mittlerweile ein, auch vom Kontinent und aus Übersee. Nichtbriten ist zwar gemäß dem Motto: „No representation without taxation!“ die Beteiligung an der laufenden Petition, die das Sparvorhaben der Regierung stoppen soll, verwehrt. Die Bibliotheksleitung begrüßt aber Unterstützungsbriefe auch ausländischer Staatsangehöriger, die die Verhandlungsposition der British Library verbessern helfen könnten.
Ob dieser Protest letztendlich Erfolg hat, wird von Schatzkanzler Gordon Brown, dem designierten Nachfolger Tony Blairs, abhängen. Er wird zeigen, ob die Wissensgesellschaft in Großbritannien nur Teil politischer Sonntagsreden ist oder ob es wenigstens diese Regierung ernst mit ihr meint. Seine Entscheidung wird auch für die europäische Wissenschaftslandschaft von Folgen sein.

Beitrag von Joachim Jachnow

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Joachim Jachnow schrieb seine Abschlussarbeit in Neuerer Geschichte in der British Library.

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