Consumo cuidado

Urbanes Monstrum: Caracas Die kapitalistische Megastadt als naturverschlingendes Konsumungeheuer. Zwei venezolanische Künstler aus Caracas zeigen ihre Sicht auf das Stadtinferno der Gegenwart. Ein Videobeitrag zum sciencegarden -Schreibwettbewerb.

Caracas ist ein menschenfressendes und dreckschleuderndes Monstrum, ein politisch wie sozial fragmentiertes Ungetüm, das kurz vor dem totalen Kollaps steht. Seit dem Ölboom der späten 1920er-Jahre wuchs die venezolanische Hauptstadt planlos und wild, nur begrenzt durch den Bergkessel, in dem sie liegt. Nicht wenige ihrer Kontraste erinnern an Fritz Langs Film Metropolis: Avantgardistische Wolkenkratzer der Banken, Finanz- und Ölunternehmen erheben sich hoch über den Armutsvierteln des Proletariats, Autobahnen auf Stelzen verbinden luxuriöse Einkaufs- und Vergnügungszentren, unter ihnen hausen Landflüchtlinge in ihren dürftig zusammengezimmerten Baracken.

Caracas Mehr als die Hälfte der nahezu zehn Millionen Einwohner leben und sterben im informellen Sektor von Großcaracas, dessen Barrios auf keiner Karte verzeichnet und von keinem Stadtplaner erfasst sind. Reiche und rasant schrumpfender Mittelstand wappnen sich gegen Überfälle und Einbrüche der Armen – nahezu achtzig Prozent der Stadtbewohner: Mit Mauern, Stacheldrahtzäunen, Überwachungskameras und schwer bewaffneten Wachen. Seit die „bolivarianische Revolution“ des Präsidenten Chávez den sozialen Hass systematisch aufstachelt, gibt es mehr Tote als je zuvor. Durchschnittlich 26 Mordopfer am Tag zählt die Statistik.

Vanessa Rodriguez und Octavio Van Praag sind diesem Monstrum entflohen. Sie ertrugen ihre Heimatstadt nicht mehr länger, sie ertrugen nicht länger die tägliche Gewalt, den Smog, den politischen Hass zwischen Chavistas und Anti-Chavistas , das von Tag zu Tag unerträglichere Verkehrschaos, die wachsende Armut, die grassierende Korruption.

Metropolis „Ich habe meinen Stadtteil Chocó nur noch zum arbeiten verlassen”, erklärt Vanessa. „Nur dort fühlte ich mich noch einigermaßen sicher und konnte auch mal zu Fuß gehen.” In einer Stadt, in der Trinkwasser teurer ist als Benzin, bewegen sich fast alle motorisiert: Die Reichen in Luxusjeeps, die Armen in Schrottkarren und alten Bussen. Die wenigen und stets vollgestopften Metrolinien lindern das Chaos kaum. „Es ist zum Verrücktwerden,” sagt Octavio, “nicht mal mehr ein Moped kann sich durch die Staus quetschen, und die Leute kaufen immer noch neue Autos – oft auf Schulden.”

Vanessa verkaufte ihr Auto und machte sich gemeinsam mit ihrem Freund auf nach Bogotá, in die Hauptstadt des kolumbianischen Nachbarlandes. Auch die ist das Gegenteil gelungener Stadtplanung. Verpestete Luft, zubetonierte Flüsse, lähmender Verkehr machen auch Bogotá nicht unbedingt lebenswert. Doch Octavio und Vanessa haben hier ein kleines Eldorado für sich gefunden: in einem kleinen Häuschen im Altstadtviertel Candelaria. „Hier ist das Leben noch menschlich”, sagt Vanessa. „Man kennt die Nachbarn, braucht kein Auto um einzukaufen, abends geht man in die Kneipe nebenan,” stimmt Octavio zu.

Metropolis Octavio studierte Architektur an der Universidad Central de Venezuela und an der Technischen Universität Cottbus . Nach dem Studium arbeitete er eine Zeit lang in einem Architekturbüro. Die Auftragsarbeiten vertrieben ihm schnell die Lust. „Sie waren genau das Gegenteil von dem, was ich unter vernünftiger und nachhaltiger Stadtplanung verstehe. Irgendwann hatte ich es einfach satt, energiefressende Hochhäuser zu entwerfen, die uns ins ökologische Desaster führen.” Auch Vanessa, die sich an einer privaten Designhochschule graduierte (staatliche gibt es in Venezuela nicht), wollte nicht länger ihr Können in den Dienst privater Werbeagenturen und des chavistischen Staatsfernsehens stellen.

Seitdem schlagen sich die beiden Caraqueños in Kolumbien mit dem Verkauf selbstdesignter T-Shirts ihres Labels bipolaroid durch. Als sie von einem Zeichentrick-Wettbewerb im Rahmen des Festival de México , eines der größten Kunstfestivals Lateinamerikas erfuhren, waren sie begeistert. Der Wettbewerb Animasivo hatte das Natursterben als Leitthema ausgeschrieben. Die beiden Venzolaner begriffen das als Chance, mit künstlerischen Mitteln auf die katastrophalen Zustände der lateinamerikanischen Großstädte und das naturzerfressende Konsumverhalten ihrer Bewohner aufmerksam zu machen.

„Wenn ich in Caracas vor meine Haustür trat, schlug mir jedes mal ein solcher Gestank von Müll und Abgasen entgegen, dass mir schlecht wurde. Die meisten Menschen sind jedoch vollkommen abgestumpft und kennen gar nichts anderes mehr”, erzählt Vanessa. „Unsere Mittel sind bescheiden, aber es wird Zeit, das Bewusstsein der Leute zu verändern”, ist Octavio überzeugt.

Bilder aus Caracas

Vanessa und Octavio arbeiteten einen knappen Monat Tag und Nacht, um die Wettbewerbsfrist noch einzuhalten. In Aquarellen beschreiben sie ein unberührtes Paradies, bevor die kapitalistische Produktionsmaschine über es hinein bricht. „Wir haben versucht, mit verschiedenen Techniken den Kontrast zwischen Natur und Megastadt hervorzuheben.” Die Natur haben sie handgezeichnet und -gemalt, die apokalyptische Konsumstadt mit ihren Müllbergen ist im Computer entstanden. „Für die Hochhäuser haben wir vor allem Abbildungen von Gebäuden aus Manhattan verwendet. New York ist das erste Beispiel eines ungeplanten, dem freien Kapitalmarkt überlassenen Stadtwachstums”, erklärt Octavio. „Eine menschenwürdige und umweltgerechte Stadtplanung kann und darf aber ökonomischen Interessen nicht überlassen werden.”

Gegen Ende des Videoclips zerstört das konsumgelenkte Stadtmonstrum sich selbst durch seine überhandgenommenen Müllberge. Auch dieses Motiv hat einen realen Hintergrund: In Bogotá explodierten vor einigen Jahren im armen Süden der Stadt die giftigen Gase einer Mülldeponie: Müll und Dreck regneten auf die Armenviertel hinab. „Solange Geld und Gier die Menschen treiben, können wir nicht auf wirkliche Veränderungen hoffen”, sagen die beiden Künstler. „Wir müssen alle unsere Lebensweise ändern.”

Vanessa Rodriguez und Octavio Van Praag gewannen mit ihrem Beitrag „consumo cuidado“ (zu deutsch etwa: „Vorsicht vor dem Konsum!“) den dritten Preis von Animasivo . Im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Die Stadt in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“ zeigt sciencegarden das Video dem deutschsprachigen Publikum.

Beitrag von Joachim Jachnow
Bildquellen in Reihenfolge: Octavio Van Praag (2), wikipedia, Joachim Jachnow, Octavio Van Praag (3)

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Zur Person

Joachim Jachnow ist Redakteur dieses Magazins und arbeitete drei Monate lang in Caracas. Zur Zeit lebt er in Bogotá.

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