Wir Bildungsoldies

* Die Deutschen sind lernfaul und starten viel zu spät ins Berufsleben - so singt uns eine Leier, die in der Presse regelmäßig ihre schiefen Töne spielen darf. Höchste Zeit für den Einspruch eines Bildungsoldies.

Junge Deutsche starten erst spät, als "Bildungsoldies", ins Berufsleben. So "berichtete" vor einiger Zeit Spiegel Online . Das Alter, in dem eine Ausbildung oder ein Studium aufgenommen werde, sei ebenso nach hinten verschoben wie das Studienende. Der späte Einstieg ins Studium sei der Tatsache geschuldet, dass immer mehr junge Menschen noch eine Ausbildung absolvierten, bevor sie an die Uni gingen, die sie dann teilweise und im Durchschnitt nur knapp unter der "heiklen Dreißiger-Schwelle" (O-Ton Spiegel Online ) erst wieder verlassen.
Der knappe Spiegel-Text hinterlässt ein komisches Gefühl. Man ist irritiert. Warum? Ein Wirtschaftsinstitut veröffentlicht unter Berufung auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes Zahlen, die deutlich machen sollen, dass junge Deutsche erst spät – das heißt natürlich: zu spät – in ihre jeweiligen Berufe einsteigen. Spiegel Online legt nach und schreibt angesichts von langen Studienzeiten dramatisierend und kryptisch von einer kritischen Schwelle, als handele es sich beim Dreißig werden um eine ansteckende Krankheit. Das stößt vielleicht unangenehm auf, wenn man selbst bald dreißig Jahre alt wird. Aber das ist es nicht, was stutzig macht.

Es kommt einem nämlich so vor, als habe man das alles schon lange gewusst oder zumindest erst kürzlich schon (wieder) gelesen. Nein, als hätte man es genau so auch selbst schreiben, meinen oder befürchten können. Der Spiegel-Text ist ein Befund ohne Neuigkeitswert. Dafür aber mit einer Extra-Portion Meinungsmache. Die Signalwörter und Schlüsselsätze darin sind uns allen bereits wohl vertraut, weil wir beinahe täglich damit konfrontiert und indoktriniert werden. Die Vokabeln, mit denen wir seit Jahren auf eine flexibilisierte Weltwirtschaft eingestimmt und getrimmt werden, haben allesamt etwas mit unserem Alter oder eben mit unserer Lebenszeit zu tun. Damit, dass wir entweder "zu alt" oder "zu spät" oder "zu langsam" sind. Dass wir unsere Zeit vergeuden. Und damit bares Geld. Geld, das wir immer schon zu alten, zu langsamen, zu wenig konkurrenzfreudigen "Bildungsoldies" der Wirtschaft, dem Staat und der Rentenkasse entziehen, indem wir bummeln. Beim Studienabschluss und beim Berufseintritt, bei der Weiterbildung, beim Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz. Vom Kinderkriegen ganz zu schwiegen.
Zeit ist Geld. Deshalb sollen wir jetzt auch bis 67 arbeiten (schließlich leben wir ja auch immer länger), wofür wir im Endeffekt aber noch weniger Rente bekommen als früher, weil wir bereits mit 55 zum alten Eisen gehören und gekündigt werden. Meist ohne realistische Aussicht auf erneute Beschäftigung. Zu Beginn des Berufslebens sieht es – auch für Akademiker – oft nicht besser aus, besonders in den Geisteswissenschaften, wo über sechs Prozent der Absolventen auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind.

Kein Wunder also, dass viele Abiturientinnen und Abiturienten vor dem Studium zur Sicherheit noch eine Ausbildung machen. Man weiß ja nie. Friseure werden immer gebraucht. Soziologinnen, Biologen oder Kunsthistoriker nicht. Dumm nur, dass man dann beim Berufseinstieg schon an der "heiklen Schwelle" kratzt...
Die ist nun vor allem deshalb heikel, weil ältere Berufsanfänger teurer sind. Sie verdienen mehr, und auch die Abgabenlast ist für die Arbeitgeberseite höher. Jung heißt also vor allem billig. Jung heißt nicht automatisch gut. Von den üblichen Ausnahmen abgesehen, gibt es keinen plausiblen Grund, warum jüngere Menschen mit einem berufsqualifizierenden Abschluss älteren grundsätzlich vorzuziehen sind. Alter ist kein absolutes Kriterium für Leistungsfähigkeit. Weder zu Beginn, noch am Ende einer beruflichen Laufbahn.

Doch genau das wollen uns die Tempofanatiker aus Wirtschaft, Politik und Medien weismachen. Nur wer husch-husch in verschulten Bachelorstudiengängen paukt, seinen Abschluss in sechs Semestern durchpeitscht, seine freie Zeit mit Power-Point- und Rhetorik-Kursen füllt, brav seine soft skills trainiert und nebenbei noch fix ein paar Praktika einlegt oder Sprachen lernt, ist wirklich fit für den Arbeitsmarkt. Vorausgesetzt, er ist nicht älter als vier-, fünfundzwanzig.
Was die Jugendwahnsinnigen sich erträumen, ist der permanent leistungshungrige, multifunktional und global einsetzbare, rundum flexible und vielfach zertifizierte Jungarbeitskraftunternehmer mit vorberuflicher Berufserfahrung, erworben zum Praktikums-Nulltarif.
Die Realität dieser Vision gleicht häufig einer Horrorvorstellung: Finanzielles Existenzminimum oder dauernde Jobwechsel, gelegentliche Arbeitslosigkeit, Fernbeziehungen – der neue Mensch entpuppt sich in Wirklichkeit als entkerntes Wesen mit erodierendem Charakter. So hat es der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Bestseller vom "flexiblen Menschen" unter Rückgriff auf zahlreiche Beispiele lebensnah beschrieben.

Sicher, manch einer hat es sich im wärmenden Schoß der Alma Mater ein wenig zu lange bequem gemacht. Nicht jeder gehört an die Hochschule. Es muss nicht immer ein Magister-, gar ein Doktortitel sein. Aber sind wir denn wirklich alle zu alt, zu langsam und – Subtext – damit auch zu schlecht? Ein Volk der Bummler und Leistungsverweigerer, der Sofortrententräumer – nur mit der Tempo-Keule im Nacken zur Spitzenperformance fähig?

Der im Mai dieses Jahres verstorbene Detlev Albers, Politologe und ehemaliger Asta-Vorsitzender in Hamburg, bezweifelte das. Zumindest für die Wissenschaft. In einem Spiegel Online-Interview fragte ihn Jan Friedmann, was sich der "Apo-Veteran" auf die Fahnen schriebe, wäre er noch einmal Studentenvertreter: "Begünstigung von Eigensinn, Kritik gegenüber oberflächlichen Leistungsstandards." Und weiter: "Wissenschaftliches Arbeiten setzt Kreativität voraus, und die kann nicht entstehen, wenn Studenten durch einen verpflichtenden Kanon von 180 Credit Points in sechs Semestern Bachelorstudium gejagt werden."

Mehr Zeit und Ruhe, speziell für Geisteswissenschaftler, fordert auch Ulrich Herbert. Im ZEIT-Interview beschreibt der Freiburger Historiker und Leiter der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Geisteswissenschaften die Lage so:
"Wir haben einerseits Studierende, die kaum ein Buch zu lesen vermögen. Auf der anderen Seite eine breite Leistungsspitze, die so gut ist wie niemals zuvor. Unsere Doktoranden sind in Harvard oder Oxford außerordentlich erfolgreich. Die bessere Hälfte der Studierenden schreibt heute Examensarbeiten auf dem Niveau der Doktorarbeiten der siebziger Jahre. Solche Leute finden überall einen Job."

Zu alt? Zu lahm? Zu schlecht? Oder gilt nicht vielmehr, dass gute (Aus-)Bildung immer noch Weile braucht und keinen permanenten Zeitdruck; dass kritische Distanz eine Produktivkraft ist; dass man Höchstleistung nicht mit Geschwindigkeit verwechseln darf und Jugendlichkeit nicht mit Erfahrung; dass man menschliches Leben nicht allein mit der Uhr und der Logik der Wirtschaft synchronisieren darf, wenn es lebenswert sein soll und Früchte abwerfen?
Und was ist mit denen, die Mühe beim Bücherlesen haben? Sind nicht auch sie der Mühe wert? Es geht um interessierte Menschen, die etwas werden wollen, auch wenn sie dafür etwas länger brauchen als andere. Die also unsere Unterstützung brauchen, wo vielleicht Elternhaus und frühes Umfeld versagt haben.

Wer diesen wie allen anderen Menschen ständig ihre Lebenszeit vorrechnet, ihr Alter vorhält wie ein Vergehen, sie zu Höchstleistungen antreibt und zugleich immer wieder mit ihrem vermeintlichen Ungenügen konfrontiert, ihrem Hinterherhinken, ihrer Bummelei – es könnte und müsste ja alles noch viel schneller gehen; man hätte aber noch dies und das tun sollen! –, der bekommt keine lebendige Wirtschaft und keine kreativen Wissenschaftler, von einer lebendigen Gesellschaft ganz zu schweigen. Der bekommt am Ende, neben den üblichen "Gewinnern" des salonfähig gewordenen Geschwindigkeits- und Jugendwahns, eine große Masse demotivierter, ängstlicher und getriebener Arbeitsnomaden, die zwar das übliche Neusprech von "After Hour" bis "Workload" beherrschen, für die lebenslanges Lernen aber nur noch ein Synonym für "Hamsterrad" ist.

Zur Person

Christian Dries ist alt und noch bis zum Jahreswechsel Chefredakteur dieses Magazins.

Literatur

  • Richard Sennett (2002): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.
Bildquellen in Reihenfolge: Christian Dries
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