Bologna unter der Lupe

Seit der Bologna-Erklärung 1999 hat das Wort "Qualität" Konjunktur in der Lehre. Was es damit tatsächlich auf sich hat, erkundeten zwei Studierende der Universität Chemnitz an ihrem eigenen Lehrstuhl.

Anne Sanders und Tobias Lemke gehören zu denen, die genau hingucken und noch genauer hinhören. Die beiden 23 und 24 Jahre alten Pädagogik-Studierenden mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung haben für ihr Forschungsprojekt im 4. Semester den eigenen Lehrstuhl unter die Lupe genommen. "Ich bin studentische Hilfskraft am Lehrstuhl und habe in Gesprächen mit den Mitarbeitern immer wieder gehört, wie wichtig ihnen Qualität ist", erläutert Sanders die Motivation für das Projekt.

Und weil in ihrem Bundesland Sachsen weder regelmäßige Lehrevaluationen noch eine Akkreditierung für Bachelor- und Masterstudiengänge verpflichtend sind, organisierten Tobias Lemke und Sanders diese eben selbst. Die Fragebögen, die sie an ihre Kommilitonen ausgaben, erfassen die Studierendenzufriedenheit in den Kategorien Allgemeines, Arbeits- und Lehrbedingungen sowie Beratung und Betreuung. "Wir haben uns natürlich intensiv überlegt, was denn Studierendenzufriedenheit ausmacht" , erklärt Sanders. Die Vielfalt der Fragen spiegelt dies wieder. So sollten die Mitstudierenden Auskunft geben, welche Informationsquellen es gebe, aber vor allem auch, welche sie nutzen. Sie hatten Gelegenheit, die Fach- und Sozialkompetenz der Lehrenden zu beurteilen und mitzuteilen, welche Beratungsangebote vielleicht noch fehlen. "Sogar danach, ob die vermittelten Qualifikationen dem entsprechen, was sich die Studierenden von ihrem Studium erhoffen, haben wir gefragt" , ergänzt Tobias Lemke.

Anne Sanders
Anne Sanders
Tobias Lemke
Tobias Lemke

Das Forscherglück, in ihren Ergebnissen überraschende oder völlig neue Erkenntnisse zu entdecken, blieb dem dynamischen Duo allerdings verwehrt. Nachdem sie selbst Zeugen einer Verzehnfachung der Studienanfängerzahlen wurden, waren Beschwerden über überfüllte Veranstaltungen "ja zu erwarten". Mit den Dozentinnen und Dozenten sind die Studierenden dagegen ganz überwiegend zufrieden. Jeweils mehr als zwei Drittel gaben gute Noten für Fach- und Sozialkompetenz sowie die Einbeziehung der Studierenden. Nur mit der Motivationskraft scheint es ein wenig zu hapern: 65 Prozent der Befragten waren damit eher nicht zufrieden. Und dann befördert Sanders doch noch ein eher überraschendes Ergebnis zutage: Die Studierenden verwenden deutlich weniger Zeit auf ihr Studium, als es die Workload-Berechnungen nach dem European Credit Transfer System (ECTS) (s. Infokasten) erwarten ließen: "Multipliziert man die Anzahl der Credits mit dem offiziellen Arbeitsaufwand, kommt man auf ca. 8 Stunden pro Woche für die beiden Lehrveranstaltungen aus unserem Schwerpunkt. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden gab allerdings einen Durchschnitt von 5 Stunden an."

Welche Konsequenzen leiten die beiden angehenden Erwachsenpädagogen aus diesen Ergebnissen für ihre künftige Arbeit ab? "Die Kurse nicht zu groß werden lassen" , lautet die Antwort nach kurzem Schweigen. Nicht sicher sind sich Sanders und Lemke, ob Motivation eigentlich Aufgabe der Lehrenden ist oder nicht vielmehr mit der Einstellung der Lernenden zum Fach zu tun hat. "Das wäre vielleicht eine Idee für eine weitere Studie, zu fragen: woran liegt’s?" meint Lemke.
Und am Lehrstuhl, welche Reaktionen gibt es dort auf die Umfrage? "Leider keine" , sagt Sanders ziemlich schnell. Die beiden Studierenden wussten von Anfang an, dass das Geld knapp sei an der Hochschule. "Mehr Dozenten für die vielen Studierenden wird es also vorerst nicht geben." Trotzdem können sie stolz sein auf das Erreichte, denn bei weitem nicht jeder Lehrstuhl und jede Fakultät an der TU Chemnitz evaluiert seine Lehre und Betreuung. Um die Entwicklung zu beobachten, soll die Befragung nun regelmäßig wiederholt werden. Und noch einen Lichtblick gibt es: "Die Dozenten interessieren sich sehr für die Ergebnisse, einige überlegen schon sehr intensiv, wie sie ihre Lehre weiter verbessern können" , weiß Sanders zu berichten. Damit sind sie dann also doch einen Schritt in die richtige Richtung gegangen. Und wenn man den beiden so zuhört, wie sie eifrig ihre Ergebnisse kommentieren und reflektieren, dann werden sie wohl in Zukunft weitere Aspekte des Studiums unter die Lupe nehmen – auch mit überraschenden Ergebnissen!

European Credit Transfer System (ECTS)

Ein im gesamten Europäischen Hochschulraum gebräuchliches System zur Beschreibung des zeitlichen Aufwandes (nicht der Qualität) von Studienleistungen. Das System beruht auf der Vergabe von Leistungspunkten (LP, auch: Credits). 1 LP entspricht einem Arbeitsaufwand von 30 Arbeitsstunden, Bachelor-Studiengänge umfassen in der Regel 180 LP, zweijährige Masterstudiengänge 120 LP. Im Unterschied zu den in Deutschland bislang üblichen Semesterwochenstunden (SWS) erfasst ECTS auch den Arbeitsaufwand für die eigenständige Vor- und Nachbereitung von Lehrveranstaltungen.

Quellen: Artikel European Credit Transfer System. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Oktober 2008, 14:04 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=European_Credit_Transfer_Syste... (Abgerufen: 10. November 2008, 19:11 UTC)

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Christiane Zehrer ist Redakteurin dieses Magazins.

Bildquellen in Reihenfolge: Anne Sanders, Tobias Lemke

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Themen: Hochschule
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