Was ist eigentlich Qualität?

What the hell is quality? Besonders für die Geisteswissenschaften ist diese Frage in Zeiten von Exzellenzoffensiven und grassierender Evaluitis von vitaler Bedeutung. Unter reißerischem Titel versammelt der Campus-Verlag namhafte Autoren - die jenseits von Qualitätsnormen und Akkreditierungsmechanistik Grundlegendes zu sagen wissen.

"What the hell is quality? " lautet der englische Originaltitel des Tagungsbandes zu einem Symposium vorwiegend deutscher Wissenschaftler, Wissenschaftsförderer und -evaluatoren. Meist geistes- oder sozialwissenschaftlicher Prägung, gehen diese mit standesgemäßer Gründlichkeit daran, die Untiefen einer Anwendung quasi-ökonomischer und vor allem quantitativer Methoden auf die Qualitätsbeurteilung in den Geisteswissenschaften auszuloten. Die teilweise weitschweifigen Argumentationen rahmen die Herausgeber durch ein Dreier-Schema, indem zwei Beiträgen zum selben Schwerpunkt jeweils eine kürzere, selbst auch kritische Zusammenfassung hinzugefügt wird.

Inhaltlich pendeln die Beiträge zwischen geistreichen Gedanken zum Qualitätsbegriff und Erörterungen gängiger Bewertungsverfahren, die augenscheinlich auf breiter Erfahrung gründen. So scheut sich Herausgeber und Theologieprofessor Christoph Markschies nicht, mit Aristoteles gegen den unreflektierten Gebrauch des Wortes Qualität ins Feld zu ziehen: Dass Qualität kontextabhängig und subjektiv ist, sei von Alters her bekannt und "führt pfeilgerade auf Probleme, die die Anwendung eines […] ziemlich umfangreich gewordenen wissenschaftlichen Qualitätsdiskurses auf die Universität und insbesondere auf die Geisteswissenschaften macht." (S. 135); allerdings bedarf es hier der kritischen Zusammenfassung durch Wolfgang Kempf, um dem eher an der Gegenwart interessierten Leser deutlich machen, dass sich die heutigen Qualitätshüter mit denselben Problemen herumschlagen wie einst der griechische Philosoph – mit dem Ergebnis, dass "Qualitätsmanagement heute mehr gilt als Qualitätsproduktion" (S. 147), Inhalte also nicht eigentlich geprüft, sondern schlichtweg durch mehr oder weniger komplizierte Verfahren verdrängt werden.

Aufschlussreiche Einblicke in die Mechanismen, die zu Qualitätsurteilen führen, geben die Beiträge von Stefan Hornbostel und Claire Donovan. Während Hornbostel, Leiter des Berliner Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ), sich des Themas eher aus der Perspektive eines Technikers nähert, der das launische Tier Geisteswissenschaft mit geeigneten Werkzeugen, fachpezifischen Indikatoren und zielgerichtetem peer review, zähmen möchte, begreift Donovan das Problem als grundlegendes.
In Verfahren, die sich an den Naturwissenschaften orientieren, würden "Urteile und Interpretationen durch positivistische Lösungen ersetz[t]." (S. 83). Dies gilt für die von ihr und Hornbostel jeweils durchdeklinierten bibliometrischen Verfahren ebenso wie für die Versuche, Drittmittelsummen, Nachwuchsförderung oder gar den "gesellschaftlichen Impact" mit szientometrischen, also quantitativ ausgerichteten Verfahren festzustellen.
Die Schwelle zwischen qualitativen Urteilen und quantifizierbaren Indikatoren stellt sich hier als Hauptproblem heraus: Denn einerseits versteckt sich hinter der "wertvollen" Publikation oder der objektiv scheinenden Vergabe von Drittmitteln bereits das Urteil der peers, das tendenziell subjektiv ist; andererseits müssen am Ende eines Verfahrens auch die Urteile von Mitgliedern einer Kommission quantifiziert und gewichtet werden – offen oder implizit. Es ist sicherlich eine der Stärken des vorliegenden Sammelbandes, die Details dieser Problematik sehr verdichtet vor Augen zu führen, und so den "Mythos der Quantifizierbarkeit" (Braungart, S. 111) in eine wissenschaftstheoretische und praktische Forschungsfrage zu übersetzen.

Das Schwellenproblem auch der etablierten Evaluierungsverfahren zeigt Fritz Niessen am Beispiel der DFG-Drittmittelvergabe: Durch die interpretative Kultur der Geisteswissenschaften sei es wesentlich schwieriger, einen Antrag eindeutig als "gute" oder eben "weniger gute" Forschung einzuordnen. Zwar gälten auch hier die Kriterien der Originalität, des erwarteten Erkenntnisgewinns sowie der wissenschaftlichen Bedeutung. Gleichzeitig aber seien die frontiers of science weniger allgemein akzeptiert und im Grunde gar von variabler Geometrie. Dies mache es schwieriger, die wirklich herausragenden Projekte zu bestimmen. Dass die Vergabe begrenzter finanzieller Mittel fast notwendig abschlägige Bescheide mit sich bringt und so ein "mehr oder weniger überzeugend" in ein scheinbares "richtig oder falsch" verwandelt, sei das Drama dieses Vorgehens.

Weitere Beiträge behandeln Berufungen als Teil universitärer Qualitätssicherung oder die Bedeutung von Diskursstilen und Publikationspraktiken für die Qualitätsbewertung geisteswissenschaftlicher Forschung. Der Band wirkt dabei trotz der hohen inhaltlichen Dichte jedes Einzelbeitrags an keiner Stelle schwerfällig. Im Gegenteil beweisen die meisten der Autorinnen und Autoren eine leichte, zuweilen spitze Feder, so Baumgart, wenn er heutigen "Meta-Forschern" (Wilreich) "Findgkeit beim Durchforsten von Ausschreibungen, Klugheit beim Spicken von Projektanträgen mit kurrenten key concepts und nicht zuletzt effektives Projektmanagement" (S. 106) als Qualitätsmerkmale zuspricht oder Ute Frevert, die mit ebenso viel Begeisterung von ihrem Berufungsverfahren im amerikanischen Yale berichtet wie mit nicht versteckter Empörung über einen deutschen Kommissionsvorsitzenden, der sie als "Frauenhistorikerin" abgestempelt habe.

Geradezu zahm nimmt sich demgegenüber die Pointe F. Suders aus, die Antragsteller "erwarten […] eine umfassende, faire und möglichst objektive Bewertung ihrer Projektvorschläge. Gleichzeitig sollen die Förderentscheidungen möglichst schnell und unbürokratisch getroffen werden." (S.252f.) Dies mildert natürlich in keiner Weise die Relevanz der angesprochenen Aspekte, die die Autoren anhand (zu) aufwändiger Begutachtungen ebenso demonstrieren wie anhand (zu) unengagiert organisierter Berufungsverfahren.

Zwischen grundsätzlichen Erörterungen des Titelthemas und einigen wenigen Selbstverständlichkeiten bestellt der vorliegende Band sein schwieriges Feld hervorragend. Dass die Herangehensweise auf knapp 300 Seiten dabei notwendigerweise fragmentarisch bleibt, ist keinesfalls von Nachteil. Sie trägt im Gegenteil mit der zwischen Erfahrungsbericht, Executive Report und wissenschaftlichem Essay changierenden Darstellungsweise entscheidend dazu bei, dass der Leser sich am Ende nicht nur recht umfassend informiert, sondern sogar noch gut unterhalten fühlt. Eine absolute Empfehlung für alle, die sich bisher gewundert haben, weshalb sie sich mit Qualitätsmanagement in den Geisteswissenschaften so schwer tun; und erst Recht für diejenigen, die meinen, so etwas entwerfe sich in einem kurzfristig anberaumten Meeting.

Bibliometrie

Ein Verfahren zur Ermittlung der Bedeutung (Relevanz oder Impact) von Forschungsergebnissen anhand von Publikationen und Zitierhäufigkeiten. Die gängige Praxis zählt dabei Artikel in meist durch peer review qualitätsgesicherten Zeitschriften sowie Verweise zwischen Artikeln dieser Zeitschriften. Ist für die Geisteswissenschaften aufgrund der anhaltenden Bedeutung von Einzelpublikationen als Qualitätsindikator umstritten.

Szientometrie

Sammelbezeichnung für quantitative Verfahren zur Bestimmung der Forschungsqualität. Gängig sind vor allem die Bewertung anhand des Drittmittelvolumens sowie der Promotionen und/oder Habilitationen.

Zur Person

Christiane Zehrer ist Redakteurin dieses Magazins.

Literatur

  • Elisabeth Lack/Christoph Markschies (Hrsg.) 2008: What the hell is quality? Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften. Frankfurt a.M./New York, 24,90 Euro.
Bildquellen in Reihenfolge: Campus Verlag

Kategorien

Themen: Ökonomie
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