Philosophie ohne Sinn

Aristoteles Um die Philosophie ist es an den Universitäten schlecht bestellt. Die akademischen Philosophen von heute eifern nicht mehr den existentiellen Fragen des Lebens nach, sondern ECTS-Punkten und Drittmitteln. Die Ökonomisierung der Universitäten macht der wirklichen Sinnsuche den Garaus.

Die Philosophie beginnt, so Aristoteles, mit einem „Staunen und Sich-Wundern“ über die Welt: Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was ist das Schöne? Wie ist der Kosmos entstanden? Warum gibt es überhaupt einen Kosmos? Seit Jahrhunderten geht die Philosophie diesen Fragen nach. Doch die Ökonomisierung der Universitäten hält diesen Entdeckergeist auf Sparflamme.

Kant
Kant lernt man heute in Modulen

Die Zahl der Philosophiestudenten ist in den letzten 15 Jahren fast um die Hälfte zurückgegangen, die Abbrecherquote liegt bei 90 %. Und das in einer Zeit, die dringend der Philosophie bedarf: Hirnwissenschaftler verkünden, dass wir Biorobotor ohne freien Willen sind. Die ökologische Krise zerstört die Umwelt und die ökonomische Krise zerstört soziale Gefüge.

Philosophen deuten die Welt, geben Orientierung oder Anlass zum Diskutieren. Doch gegenwärtig gibt es eine Schieflage. Die Notwendigkeit eines autonomen, zeitentschleunigten Denkens weicht dem Takt eines rationalen Strebens nach Effizienz – eine Entwicklung, die sich vom Studenten über den Assistenten bis hin zum Professor beobachten lässt.

Der Student

Das Dasein des heutigen Philosophiestudenten beschränkt sich entgegen liebgewordener Klischees keineswegs auf die Frage: „Und was macht man damit?“ Längst weiß er, dass Wirtschaftsberater und PR-Agenturen um seine Dienste buhlen. Den kapitalistischen Impetus bekommt der heutige Student denn auch gleich im ersten Semester: Er geht nicht mehr den altehrwürdigen Kantschen Fragen nach: „Was kann ich wissen, was darf ich hoffen, was soll ich tun?“ Er fragt: „Wie bekomme ich meine 120 ECTS-Leistungspunkte?“ Durch Bachelor und Co. fällt dem Studenten manchmal gar nicht auf, dass er nun an einer Universität und nicht mehr an der Schule ist (s. „Die Generation Dr. Golf geht in Rente“ ).

Die Studienordnungen bieten eine schablonenhafte Philosophie nach Maß und verunmöglichen dem Studenten, seine individuellen Interessen zu entfalten und thematisch zu gewichten. Noch schlimmer: In den Seminaren sollen die Studenten keine denk- und rechercheintensiven Hausarbeiten mehr verfassen, sondern in kleinen fünfseitigen Essays bekömmliche Gedanken-Häppchen verdauen, die den Denkapparat schonen, das ECTS-Konto aufpolieren und den ohnehin überarbeiteten Korrektor entlasten.

Der heutige Student blättert nicht mehr in den Werken Platons, sondern googelt munter drauf los und kreiert ein merkwürdiges Patchwork aus dem Gefundenen. Gehirngymnastik light . Die Statistik der Plagiatsversuche spricht hier Bände: In anonymen Befragungen geben über 50 % der Studierenden an, schon einmal längere Textpassagen übernommen und als eigene Gedanken ausgegeben zu haben.

Einst besuchten Studenten Seminare, um Referaten der Kommilitonen beizuwohnen. Und an glücklichen Tagen gingen sie mit der Gewissheit nach Hause, neue Gedanken und Ideen gehört und diskutiert zu haben. Der heutige Bachelor-Student kann sich das häufig sparen – bei Wikipedia lässt sich alles bequem und zeitsparend nachschlagen.

Und in der Tat: Zeit ist ein rares Gut.

Während der Magister-Kandidat noch drei Seminare besuchte und sich auf die jeweiligen Themen konzentrieren konnte, muss der Bachelor-Anwärter einen bunten Salat aus vielen kleinen Veranstaltungen belegen: Der Uni-Tag beginnt um 8.15 Uhr mit antiker Ethik und endet um 18.45 Uhr mit moderner Logik. Meist muss er bloße „Sitzscheine“ absolvieren: Er ist zumindest physisch anwesend und bestätigt dies mit einer Unterschrift. Gelernt hat er in dieser Zeit nichts Ganzes und nichts Halbes. Ergebnis: Für das Studium benötigt er statt der vorgesehenen sechs Semester genauso lange wie der Magister-Student (neun Semester).

Der Assistent:

Der Assistent hat fleißig seine ECTS-Punkte eingesammelt und einen Universitätsabschluss in der Tasche. Er hängt weiter an der Nabelschnur der gelehrten Welt, hat Jargon und Habitus der akademischen Welt verinnerlicht und hangelt sich nach der Promotion von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Hamburg, Frankfurt, Basel, Wien in vier Jahren: Burnout-Syndrom und Kinderlosigkeit inklusive. Die Gefahr des sozialen Abstiegs sitzt ihm stets im Nacken. Eine erschreckende Konsequenz zeigt sich darin, dass immer mehr Akademiker das Gehirndoping (Stichwort: Neuro-Enhancement ) für sich entdecken, Aufputschpillen schlucken und mitten in der Nacht auf den Fluren der Universität herumgeistern.

Aus (durchaus berechtigter) Zukunftsangst schreibt der Assistent sogenannte „Qualifikationsarbeiten“. Im Mittelpunkt steht nach der Doktorarbeit die Habilitation. Wessen Namen nicht ein „habil.“ schmückt, hat kaum eine Chance, später als Professor berufen zu werden: Solche zeitraubenden Habilitationsschriften haben meist einen Umfang von 500 oder mehr Seiten und lassen daher jeden nur ansatzweise wirtschaftlich denkenden Verlagslektor schaudern.

Dementsprechend häufig beflügelt die Habilitationsschrift nicht den wissenschaftlichen Fortschritt, sondern verkommt als Staubfänger in den Universitätsbibliotheken. Nebenher soll der Assistent auch noch etliche Fachaufsätze verfassen und bei renommierten Zeitschriften unterbringen. Diese Kreativität auf Zwang führt dazu, dass in diesen Schriften „keine philosophische Motivation“ zu erkennen ist, wie der Philosoph Peter Bieri treffend feststellt. Ihr einziger Zweck besteht darin, die Karriere voranzutreiben – koste es, was es wolle. Das ist ungefähr so, als wenn ein talentierter Fotograf tagtäglich Waschmittelverpackungen ablichten muss, um sich über Wasser zu halten – das Foto seines Lebens wird er so nicht schießen.

Bieri, der die akademische Welt kürzlich mit lautem Protest verlassen hat, nennt auch das Kennzeichen und die Intention solcher Schriften: „Sie sind leicht auszumachen, denn sie sind einfach unendlich langweilig . Man sieht sofort: Der Aufsatz wurde vor allem geschrieben, weil jemand eine berufliche Identität brauchte und eine Stelle haben wollte.“

Die Welt von Corporate Identity und Gewinnmaximierung hat den homo academicus also längst erreicht. Denn einen unbefristeten Job bekommt nur derjenige, der den Gepflogenheiten des Mainstreams entspricht. Schafft der Assistent dies nicht, droht ihm das akademische Aus. Doch aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seiner „speziellen“ Ausbildung gilt er der Arbeitsagentur als „schwer vermittelbar“.

Der Professor

Auch der Professor hat ein schweres Los. Statt darüber grübeln zu können, was die Welt im Innersten zusammenhält, schlägt er sich mit der Einwerbung von Drittmitteln herum, konzipiert „Forschungsprojekte“ und befasst sich nicht selten mehr mit der Bürokratie als mit der Philosophie. „Publish or perish“ heißt die Maxime: Veröffentliche oder gehe zugrunde (s. „Haltet ein, Kollegen!“ ). Wer das Produktionsziel nicht erreicht, dessen Aktien fallen in den Keller.

Sobald sich an den Universitäten die leistungsbezogene Besoldung erst richtig durchsetzt, wird sich diese Sachlage noch verschärfen. Ein Fülle von Lehrveranstaltungen kommt erschwerend dazu: Jedes Semester wollen drei Hauptseminare abgehalten werden, in denen zum Teil 80 Studenten oder mehr versorgt werden müssen. Und wenn ein Professor jeden Tag fünf Stunden Schlaf abbekommt und 40 E-Mails zu beantworten hat und nebenbei seine Doktoranden fördern soll, dann fragt man sich, ob nicht vielleicht ein Nachtwächter mehr Zeit hat, eine philosophische Monographie zu verfassen.

Das Fach

Wie bei anderen Wissenschaften kommt es auch in der Philosophie zu einer zunehmenden Spezialisierung. Wenn Naturwissenschaftler, Theologen oder Soziologen kein Wort mehr von dem verstehen, was Philosophen sagen, stört das nicht nur die vielbeschworene Interdisziplinarität. Es verhindert auch, dass überhaupt noch jemand eine zeitgenössische philosophische Abhandlung verstehen kann. Wodurch die gesellschaftliche Bedeutung des Faches insgesamt bedroht ist.

Die Ursache hierfür liegt in der häufig hochgradig abstrakten Sprache. Entweder wird der Text in logischen Kalkülen ertränkt oder mit unnötigen Fachtermini und Fremdwörtern aufgeplustert. Verständlichkeit und Lesbarkeit werden einer grotesken Vorstellung von gelehrtem Habitus geopfert. Auch der von der Uni geflüchtete Ex-Professor Bieri moniert, „dass Philosophie manchmal auszusehen begann wie Schach oder Hobbymathematik und dass die Fragestellungen wie Logeleien klangen. Studenten wurden dadurch abgeschreckt. Nicht, weil sie die formalen Dinge nicht verstanden. Der Grund war ernster: Sie erkannten sich mit ihrer Motivation , die sie zur Philosophie gebracht hatte, in den Texten nicht mehr wieder.“

Es ist also leicht zu erkennen, weshalb in über 90 % der Philosophie-Studenten die „Liebe zur Weisheit“ erlischt. Zwar muss auch der Philosoph sein nötiges Handwerk erlernen. Doch Studierenden ausschließlich Sekundärliteratur vorzuwerfen und ihre interessierten Fragen mit logischen Analysen zu ersticken, kann nicht der richtige Weg sein. Die Freude am Entdecken und Grübeln darf in der Philosophie nicht verloren gehen, ebensowenig wie die Bereitschaft zu anstrengender Kopfarbeit.

Die Ökonomisierung der Universitäten könnte hierfür nicht desaströser sein.

Beitrag von Patrick Spät
Bildquellen in Reihenfolge: Patrick Spät, Wikipedia

Zur Person

Patrick Spät promoviert über das Leib-Seele-Problem an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Literatur

  • Peter Bieri (2007): „Was bleibt von der analytischen Philosophie?“. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 55 (3), S. 333-344.
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