Die Promotionskrise. Vom Leidensweg einer Doktorandin

Dass die Promotion kein Spaziergang werden würde, war unserer Autorin von vornherein klar. Doch das Ausmaß der Krise, in die sie an der Seite ihres Doktorvaters geriet, hätte sie beinahe auf Abwege gebracht. Promovierenden möchte sie deswegen ein paar Tipps auf den steinigen Weg zum Doktorhut geben.

Fast wäre aus meiner Absicht, über den Frust des Promovierens zu schreiben, nichts geworden. Denn vor wenigen Tagen habe ich der Publikationspflicht meiner Dissertation entsprochen und somit die Promotionsurkunde erhalten, die mir endlich das Führen des lang ersehnten Titels gestattet. Ich wusste, dass mich das Erreichen dieses Ziels in einen Zustand gnädiger Verklärung versetzen könnte, der es mir schwer machen würde, mit angemessener Grimmigkeit auf die vergangenen Jahre zurückzublicken.

Wer, wie ich, in die Wissenschaft will, für den ist eine Promotion Pflicht. Da ich die Zeit, zu der ich an meiner Examensarbeit schrieb, als willkommene Herausforderung und beinahe in Trance erlebt hatte, ging ich unmittelbar nach Abschluss meines Studiums – meinen Lebensunterhalt auf einer halben Mitarbeiterstelle sichernd – das „Wagnis Promotion“ ein. Vom heutigen Tag an betrachtet, liegt dies fünfeinhalb Jahre zurück.

Mein Doktorvater, der zugleich auch mein Vorgesetzter war, ist ein in meiner Disziplin renommierter Wissenschaftler. Bei ihm promovieren zu dürfen, erschien mir als sehr großes Glück, und so machte ich mich rasch ans Werk. Anfangs hing ich auch noch der Idee an, in knapp drei Jahren fertig sein zu können.

Die ersten Jahre verliefen mal so, mal so – also vermutlich recht typisch für eine mehrjährige Promotionsphase. Neben regelmäßigen Treffen aller Promovenden mit dem Doktorvater fanden bedarfsorientiert, also in unregelmäßigen Abständen, Gespräche unter vier Augen statt. Keine Frage: Alle Beteiligten waren engagiert!

Doch es war paradoxerweise gerade das „Engagement“, das zu Problemen führen sollte: Mein Doktorvater zählte zu jenen außerordentlich kreativen und inspirierten Betreuern, die seinen Doktoranden immer wieder mit guten Ideen begegneten. Für vermeintlich zündende Ideen empfänglich und nichts Böses ahnend, wie ich war, folgte ich ihm und seinen Empfehlungen auf Schritt und Tritt. Seine stets neuen Vorschläge überzeugten mich zudem. Ich kann es auch ihm Nachhinein nicht anders sagen. Zielgewiss arbeitete ich Idee für Idee in meine Arbeit ein – und mich daran ab.

Nach viereinhalb Jahren trat ich mit der aus meiner Sicht fertigen Dissertation an ihn heran. Ich rechnete zu diesem Zeitpunkt lediglich mit ein paar handhabbaren Veränderungsvorschlägen seinerseits: hier eine Straffung, da eine Präzisierung.

Ich war also guter Dinge, als mein Betreuer mich nach Durchsicht meiner Doktorarbeit zum Gespräch bat. Schließlich hatte ich doch alles „wie vereinbart“ erledigt.

Umso größer war mein Entsetzen, als er mir gleich zu Beginn des mehrstündigen Gesprächs eröffnete, er sei der Ansicht, ich sei noch nicht fertig! Es ging ihm nicht um „Handwerkliches“ in theoretischen Ausführungen, methodischer Herangehensweise oder empirischen Befunden, sondern es ging ihm um das große Ganze: Meine Arbeit sei unspektakulär. Er wisse sehr wohl, dass zahlreiche Aspekte meiner Arbeit auf seinen Vorschlägen beruhten, doch im Gesamtarrangement überzeugten sie ihn nicht (mehr). Ich könne getrost das Meiste davon ersatzlos streichen. Zudem sei die forschungsleitende Fragestellung, das falle ihm jetzt (erst) auf, wesentlich zu weit gefasst. Mit meinen empirischen Befunden und einer deutlich enger gefassten Frage sei ich in der Lage, einen der angesehensten Forscher meiner Disziplin zu widerlegen – und das werde in der Scientific Community Aufsehen erregen!

Ich war fassungslos, und irgendwie fühlte ich mich auch etwas verraten: Wir hatten in den vergangenen Jahren alle wesentlichen Arbeitsschritte besprochen – und natürlich kannte er all die Jahre meine („weit gefasste“) forschungsleitende Fragestellung! Es erschien mir absolut unfair, mich gegen Ende meiner Arbeit dafür zu kritisieren. Ebenso erschien es mir unredlich, jahrelang sorgsam durchdachte Empfehlungen auszusprechen, um sie schließlich größtenteils zu verwerfen.

Dieses und ein paar weitere, dem ersten Gespräch folgende Diskussionen machten mir deutlich, dass ich meine Arbeit grundlegend neu konzipieren müsste, um mein Ziel zu erreichen. Ich schätzte den verbleibenden Zeitbedarf auf ein bis zwei Jahre ein. Und woher sollte ich die Zuversicht nehmen, nicht ein weiteres Mal enttäuscht zu werden? Das Ende erschien mir unangenehm offen.

Es dürfte der (promovierenden) Leserin und dem (promovierenden) Leser nicht schwer fallen, sich in meinen Gemütszustand während dieser elendigen Wochen und Monate hineinzuversetzen. Es waren diese und ähnlich gelagerte Fragen, die mich quälten: Wozu das alles? Darf man so etwas einem promovierenden Menschen, der ja auch nicht jünger, sondern zusehends älter wird, antun? Wie konnte es passieren, dass mein Betreuer und ich ganz offensichtlich so unterschiedliche Vorstellungen vom Sinn und Zweck einer Doktorarbeit hatten? Während er mir (und wahrscheinlich auch sich) einen „großen Wurf“ wünschte, definierte ich meine Arbeit als eine Art „Gesellenstück“ – eine Auffassung, die im Wissenschaftssystem recht verbreitet ist. Bei weitem nicht jede Dissertation wirbelt die Fachöffentlichkeit auf! Und selbstverständlich sah ich mich mit der alles entscheidenden Frage konfrontiert, ob ich für diese merkwürdige (Wissenschafts-)Welt überhaupt geschaffen wäre.

Was dann geschah, geht mir noch heute nahe. Ich begann, mich im Geiste vom langjährigen Wunsch, in die Wissenschaft zu wollen, zu verabschieden. Frustration und Trotz gingen eine bemerkenswerte Allianz ein. Ich fühlte die Sehnsucht nach etwas völlig Anderem. Und es brauchte auch nicht lange, bis ich glaubte zu wissen, was ich nun wollte: ein Handwerk erlernen! Mich in weitaus höherem Maß als in meiner an sich sehr geschätzten, ja privilegierten Rolle als Nachwuchswissenschaftlerin ein- und unterordnen zu müssen, entsprach einem neuen unvorhergesehenen Bedürfnis nach Klarheit. Ein Handwerk – das bedeutet doch, dachte ich mir damals im Zustand wissenschaftlicher Ermüdung: Entweder du machst es richtig oder falsch. Und ich wollte endlich alles richtig machen!

Systematisch und konzentriert nahm ich dieses Vorhaben in Angriff. Ich vereinbarte einen Beratungstermin bei der Arbeitsagentur (Stichwort „Umschulungsmöglichkeit?“), und bezeichnenderweise wurde ich einer Beraterin des örtlichen Hochschulteams zugeteilt: „Machen Sie doch wenigstens etwas aus Ihrem Diplom!“ Ich verabredete mich mit zwei Berufsschullehrern und freute mich zu erfahren, dass ich, deutlich über 21 Jahre alt, nicht mehr berufsschulpflichtig sein würde. Ich besorgte mir den Lehr- und Ausbildungsplan meines neuen „Traumberufs“ und las ihn neugierig und ziemlich aufgeregt unter Einsatz fünf verschiedener Textmarker. Ich schaute mich um, wo ich – heimlich, still und leise – neben meiner halben Mitarbeiterstelle ein Praktikum absolvieren könnte. Außerdem verfasste ich einen ersten Entwurf meiner zynisch-feierlichen Abschiedsrede aus der Wissenschaft. Diese Rede, so malte ich es mir aus, würde ich an meinem letzten Arbeitstag an der Uni vor den (hoffentlich überraschten) Mitgliedern unseres Instituts halten.

Je ernsthafter ich diesen Ausstieg aus der Wissenschaft und damit den Einstieg in ein völlig anderes Leben theoretisch und auch praktisch vorbereitete, desto entschiedener wurden die zweifelnden Äußerungen meines Lebensgefährten, der ebenfalls in der Wissenschaft tätig ist. Obgleich er ein ausgesprochener Verfechter des Mottos „leben und leben lassen“ ist, warnte er doch vor radikalen Entscheidungen. Was aber natürlich noch viel wichtiger war: Er war von der Qualität meiner Arbeit überzeugt.

Seinen Ermutigungen verdanke ich es, dass ich letztlich doch noch – mit dem Einverständnis meines langjährigen Doktorvaters – an einer anderen Hochschule mit „magna cum laude“ promoviert wurde. Trotz dieses „Happy Ends“, das es mir ermöglicht, an meinem alten, beinahe schon abgehakten Wunsch, in die Wissenschaft zu gehen, anzuknüpfen, gruselt es mir bei dem Gedanken, wie viel Entscheidendes im Leben von Zufall und Zuspruch abhängen kann.

Bevor ich nun meinen Bericht vom Leidensweg einer Promovierten beende, möchte ich versuchen, ein paar (nicht erschöpfende) Antworten auf die Frage zu geben, welche Ratschläge ich nun meinen Proovierenden geben kann:

  • Wer eine Promotion in Angriff nimmt, sollte auf (temporäre) Krisen auch gravierender Art gefasst sein.
  • Neben robuster Psyche und ausgeprägter Krisenresistenz ist es äußerst hilfreich, (wenigstens) einen Menschen an seiner Seite zu wissen, der nicht müde wird, an einen zu glauben. Was möglicherweise wie eine Binsenweisheit klingt, kann im drastischsten Fall von lebenswegentscheidender Bedeutung sein!
  • Mit Blick auf das Betreuungsverhältnis gelten selbstverständlich die vermutlich hinlänglich bekannten Empfehlungen, klare Abmachungen zu treffen, feste Strukturen einzuführen, transparente Bewertungskriterien zu vereinbaren und regelmäßige Gespräche zu führen. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass man diese Leitlinien befolgen kann, ohne dadurch auch tatsächlich echte „Garantien“ zu bekommen.
  • Ein Betreuerwechsel stellt die letzte potentiell gangbare Lösung dar. Niemals jedoch sollte dieser Weg vorschnell gegangen werden, denn er ist mit allerhand Leid verbunden. Doch bevor man die Brocken hinschmeißt, sollte auch diese Möglichkeit in Erwägung gezogen werden.
  • Und wenn alles geschafft ist, stellt es sich als ratsam heraus, nach vorne zu blicken. Zähfließende Gedanken, wie es zu diesem „akademischen Super-GAU“ kommen konnte, und wie es sein kann, dass ein und dieselbe Arbeit mal als „noch nicht fertig“ und mal als „sehr gut“ beurteilt wird, sind zwar allzu menschlich, aber sie bringen leider nicht viel.
Beitrag von Jana Hohenfeld
Bildquellen in Reihenfolge: Aaron Jacobs; Kevin-Dooley [M]

Links zum Thema

Literatur

  • Engel, Stefan/Preißner, Andreas (Hrsg.) (2001): Promotionsratgeber. München/Wien: Oldenbourg. 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage.
  • Gunzenhäuser, Randi/Haas, Erika (2006): Promovieren mit Plan. Ihr individueller Weg: von der Themensuche zum Doktortitel. Opladen: Barbara Budrich. 2. Auflage.
  • Knigge-Illner, Helga (2009): Der Weg zum Doktortitel. Strategien für die erfolgreiche Promotion. Frankfurt/New York: Campus. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage.
  • Messing, Barbara/Huber, Klaus-Peter (2007): Die Doktorarbeit: Vom Start zum Ziel. Leit(d)faden für Promotionswillige. Berlin/Heidelberg: Springer. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage.
  • Meuser, Thomas (Hrsg.) (2002): Promo-Viren. Zur Behandlung promotionaler Infekte und chronischer Doktoritis. Wiesbaden: Gabler. Unveränderter Nachdruck von 1994.
  • Münch, Ingo von (2006): Promotion. Tübingen: Mohr Siebeck. 3. Auflage.
  • Stock, Steffen/Schneider, Patricia/Peper, Elisabeth/Molitor, Eva (Hrsg.) (2009): Erfolgreich promovieren. Ein Ratgeber von Promovierten für Promovierende. Berlin/Heidelberg: Springer. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage.
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