Philosophisch fade Gulaschkanone

Richard David Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Richard David Precht hat einen massenmedial gehypten Bestseller geschrieben, der seit über einem Jahr die Philosophie desavouiert. Er verwurstet reißerische Denkerporträts mit Hirnforschung und wettert gegen Uni-Seminare. Ob sich so das Denken lernen lässt? Eine kleine Nachkritik.

„Ein gutes Buch: angetrieben von unbändiger Erkenntnislust und ansteckendem Wissensdurst unternimmt Richard David Precht eine Rundreise ins Reich der Philosophie und Hirnforschung, verzichtet dabei wohltuend auf Originalität um der Originalität willen und hat gerade deshalb etwas sehr seltenes geschaffen: einen kompetenter Ratgeber, der seine Leser nicht für dümmer verkauft als sie sind.“ So lautete das Urteil von Literaturkritiker Dennis Scheck in der ARD-Sendung Druckfrisch vom 2. März letzten Jahres über ein Buch, das sich seit seinem Erscheinen weit über 600.000 Mal verkaufte und wahre Begeisterungsstürme beim Publikum auslöste: Richard David Prechts Philosophieschmöker Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
„Selten schön“ sei das Buch, so ein faszinierter Blogger im Internet. Precht beweise, dass man Marx, Luhmann und andere Philosophen nicht im Original gelesen haben müsse, um mitreden zu können, schreibt ein Amazon-Kunde. Und die inzwischen von ihrem Haussender ZDF geschasste Grand Old Schachtel des Literaturfernsehens, Elke Heidenreich, verstieg sich in ihrer Sendung im Januar 2008 gar zu der Aussage, wer dieses Buch lese, habe „den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan.“
„Unbändige Erkenntnislust?“ „Selten schön“? „Erster Schritt auf dem Weg zum Glück“? Sind die alle noch bei Trost?

Um was handelt es sich bei Prechts Buch wirklich, was will Precht und wo liegt die Grenze seines Unterfangens? Eine Grenze wohlgemerkt, über die man den Autor nicht künstlich hinaustreiben darf, um ihn dann triumphierend totzuschlagen.
Precht will zunächst einmal Freude an der Lektüre philosophischer Gedanken (oder ihrer Derivate) wecken – und das ist gut so! Denn Freude macht es in der Tat, sich einen klassischen Text von Kant, Nietzsche oder Marx vorzuknöpfen. Wer den Griff nach den philosophischen Meisterwerken wagt, wird am Ende reich belohnt. Prechts Buch ist nicht völlig ungeeignet, dazu zu verleiten. Doch leider verschweigt der Autor, dass Philosophie, selbst die außerhalb spröder Uni-Seminare, oft mehr mit Blut, Schweiß und Tränen zu tun hat als mit fröhlicher Wissenschaft. Das liegt gewiss auch daran, dass manche Klassiker an schwerfälliger Diktion kranken. Vor allem aber liegt es in der Natur der Sache selbst. Denken ist ein schweres Geschäft – und kein Trip zur Glückseligkeit à la Heidenreich. Der große Denker George Steiner hat das in seiner Meditation über Schelling ( Warum Denken traurig macht , erschienen 2006 bei Suhrkamp) unlängst noch einmal eindrucksvoll und sprachlich bezaubernd vorgeführt.

Die Einsicht ist nicht neu, und wer einem interessierten, aber akademisch unbelasteten Publikum die Philosophie schmackhaft machen will, der sollte es nicht mit Churchillschen Durchhalteparolen bei Fuß rufen. Aber muss man deswegen aus der Philosophie gleich einen halben Schmierenroman machen? Oder die – natürlich! – völlig abstrusen Macken und charakterlichen Unebenheiten der – natürlich genial verschrobenen! – Protagonisten in Stories verpacken, die nach der Schablone eines SPIEGEL-Artikels zurechtgeschnippelt sind.
Das geht schon in der Einleitung los: Da werden Adorno, Bloch und Sartre als „faszinierende Menschen“ gerühmt, Prechts Kölner Professoren hingegen als erbärmlich langweilige Typen in Busfahreranzügen geschmäht. Die Wirklichkeit sieht – hüben wie drüben – anders aus, aber die Pointe sitzt. Immerhin: Dass in Universitätsseminaren meist mehr auf die exakte Textwidergabe Wert gelegt wird als „auf die intellektuelle Kreativität der Studenten“, ist so wahr wie bekannt. (Dass diese Kreativität ohne exakte und ausführliche Lektüre oft auf sehr dünnen Füßen steht, leider auch.)
Ein Kapitel später wird Friedrich Nietzsche von Precht gönnerhaft als klug und literarisch anspruchsvoll gelobt, ob seiner Moralphilosophie dann aber als armer Irrer karikiert, der „schwiemeligen Kitsch“ produziert habe. Den Kern des oft zitierten und meist missverstandenen Nietzsche-Slogans „Gott ist tot!“ scheint auch Precht nicht begriffen zu haben oder er will ihn seinen Lesern zugunsten einer weiteren Pointe auf Kosten der Philosophie nicht enthüllen. Hauptsache der Effekt stimmt. Deshalb lässt Precht die Phrasendreschmaschine heißlaufen und teilt uns unter anderem mit, dass Jean-Jacques Rousseau – oha! – ein „Querkopf“ war, der aber „mit seinen dunklen Locken und seinen großen braunen Augen“ ziemlich gut aussah.

Überhaupt, „die Philosophie“ – ein Kollektivsingular, den der Autor hemmungslos verwendet, wo er ihn braucht –, sie diskutiert laut Precht nur das, was nicht durch ihr Gedankenraster fällt. Durchs Raster aber fällt – bei Precht – die Philosophie: Von Aristoteles’ Seelenlehre, von Platons Symposion, von Descartes und Hume, aber auch von modernen Klassikern wie Ronald de Sousas The Rationality of Emotion (erscheint in diesem Jahr auf Deutsch bei Suhrkamp), liest man auf 377 Seiten nichts. Laut Precht ist „die Philosophie“ aber nahezu blind für Gefühle. Dasselbe Schicksal widerfährt später auch noch der Sprache, nach Precht angeblich bis Ludwig Wittgenstein, der 1951 starb, ein „Stiefkind“ der Philosophie. Platon, Schleiermacher, Humboldt, Benjamin, Cassirer...? Autsch!
Wie der pointenhungrige Autor Precht einige Seiten später über Sigmund Freud schreibt, ist dann regelrecht verwerflich. Den sicherlich umstrittenen, aber großen Gelehrten charakterisiert er grob verfälschend so: „Er war ein schwer zugänglicher Mensch, er nahm Kokain, vernachlässigte seine Kinder, hatte ein fürchterliches Frauenbild, duldete von seinen Anhängern keinen Widerspruch, und seine wissenschaftlichen Studien erwiesen sich im Nachhinein als alles Mögliche, nur nicht wissenschaftlich.“ (S. 85) Das kann man, minimale Kenntnisse von Leben und Werk Freuds vorausgesetzt, schlicht nicht mehr nüchtern kommentieren. Gibt es denn heutzutage gar keine Lektoren mehr? Zehn Seiten später heißt es übrigens, dass „Freud sehr weitgehend Recht hatte“ und seine Einsichten heute ausgerechnet in der von Precht durchweg gehypten Hirnforschung Anklang finden.

Die Wissenschaft vom menschlichen Hirn – sie ist das eigentliche Thema Prechts, der munter und ziemlich kritiklos auf jener aktuellen Welle reitet, die bisher noch jedem Autor hohe Auflagenzahlen bescherte. Wie dünn die Ergebnisse sind, auf denen sich der Ruhm der überschätzten Disziplin begründet, spielt kaum eine Rolle. Ob man damit seine Leserinnen und Leser zum – philosophischen – Denken anstiften kann, muss man jedenfalls bezweifeln. Im Grunde ist das halbe Buch überhaupt keine „philosophische Reise“, sondern eine Zusammenfassung entwicklungsgeschichtlicher und hirnphysiologischer Forschung. Letztere wird, gewürzt mit einer Prise abgestandener Biophilosophie, von Precht deshalb auch gleich auf Seite 50 zu der Disziplin promoviert, von der – verglichen mit „der Philosophie“ (...) – „heute viel mehr spannende Impulse“ ausgehen. Warum dann, fragt man sich, überhaupt noch Philosophie?

Eine überzeugende Antwort gibt Precht vor allem im zweiten Teil des Buches. Dort gelingt Precht zum Beispiel im Kapitel über Sterbehilfe eine anschauliche, zugleich präzise und klare Zusammenfassung des Problems und der Debatte. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass er sich eine eigene Meinung erlaubt und selbst klar Stellung bezieht. Das folgende Kapitel unter der Leitfrage „Dürfen wir Tiere essen?“ ist, abgesehen von der kalauernden Überschrift ( Jenseits von Wurst und Käse ), ebenfalls ein Lichtblick, der auch durch erneuten Rekurs auf die Hirnforschung nicht verschattet wird. Auch in diesem Fall kennt Precht sich aus. In seinem Buch Noahs Erbe (2000), das der Autor zur Zeit für eine Neuauflage überarbeitet, hat er sich dem Thema schon vor Jahren intensiv gewidmet.

„Nebenbei gesagt“, heißt es bei Adorno einmal, „ist die Unterscheidung in leichte und schwierige Philosophen [...] ganz untriftig.“ Was auf den ersten Blick stimmig und eingängig erscheint, erweist sich auf den zweiten als waghalsig. So wie Dunkles, Schweres nicht immer auch unverständlich und verdreht sein muss, ist umgekehrt manch vermeintlich klarer Satz schlichtweg banal. Und der begabte Journalist Precht – der sich im Vorwort rühmt, die hohe Kunst des Denkens gelernt zu haben – liefert neben einer Handvoll matt glänzender Stücke und viel lässig verpacktem Feuilleton wild zusammengewürfelte Klischees am Fließband. Wie man damit glücklich werden soll, bleibt bis auf Weiteres das Geheimnis von Elke Heidenreich. Zumal gerade die letzten Kapitel des Buches über Glück – für Precht in beispielloser Ignoranz ein philosophisch weitgehend geklärtes Problem – an Plattheit kaum zu überbieten sind.
Fazit: Auch wenn nicht alles schlecht ist an diesem Buch, kann man es guten Gewissens niemandem empfehlen, der einen echten Hunger nach philosophischer Kost verspürt. An Prechts fader Gulaschkanone lässt sich nicht gut das Denken stärken. Eher verdirbt man sich den Appetit.

Beitrag von Christian Dries

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Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Theodor W. Adorno (2006): Theorie der Halbbildung. Frankfurt/M.
  • Richard David Precht (2007): Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München, 397 Seiten, 14,95 Euro.
  • George Steiner (2006): Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt/M.

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