Der Campus-Knigge: Eine Rezension

Campus-Knigge Wer etwas auf Benimm hält, beruft sich gern auf den Freiherrn Knigge. Wenn also ein Campus-Knigge erscheint, dann scheint es wohl um Benimm-Regeln für den Campus, sprich die universitäre Welt zu gehen, oder etwas nicht? „Jein“, lautet die Antwort.

2008 wurde im Rahmen der Beckschen Reihe der Campus-Knigge von einem Autorenkollektiv der Arbeitsgruppe Manieren der Jungen Akademie herausgegeben. Dabei handelt es sich nicht um einen Roman oder eine Handlungsanweisung, sondern vielmehr um ein Nachschlagewerk. Das Buch listet alphabetisch eine Vielzahl von Begriffen auf, die mehr oder weniger eng mit dem akademischen Leben verknüpft sind: von A wie Abschreiben bis Z wie Zweitgutachten. Eigentlich eine wunderbare Idee: Ein Leitfaden für Studierende, um sich auf das Studium vorzubereiten! Wer erinnert sich nicht mehr an die ersten Tage und Wochen an der Universität? Was heißt NN, und was ct? Warum reden alle vom Schnippelkurs und nur ich weiß nicht, was es ist?

Junge Akademie
Die junge Akademie ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zur wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Die junge Akademie besteht aus 50 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen Raum, die sich mit Themen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft beschäftigen.

Neben den Grundlagen des Unibetriebs, werden aber auch Begriffe wie Queenbee, Nature paper und SCI erläutert. Hier sind nicht Erstsemester und Studierende-to-be die Adressaten, sondern ganz offensichtlich Doktoranden. Also ein Leitfaden für Doktoranden, um sich im Dschungel der akademischen Karriereleitern zurechtzufinden? Leitfaden hin oder her, beides sind gute Ideen, die ihren Sinn und ihre Berechtigung haben. Doch um was genau handelt es sich nun?

Nach der Lektüre des Buches ist man schlauer (oder auch nicht): Es ist leider keine Zusammenstellung von Benimm-Regeln für Studierende. Vielmehr handelt es sich um ein Nachschlagewerk aus einer bunten Mischung von Begriffen, die für sehr unterschiedliche Leserschaften relevant sind, was den Kauf nur schwer empfehlbar macht.

Während einige Erläuterungen durchaus als Hinweis für Erstsemester verstanden werden können, richten sich andere eher an Studierende höherer Semester oder gar Doktoranden kurz vor der Entscheidung über das Für und Wider einer weiteren Karriere. Letztgenannte Entscheidung dürfte übrigens leicht fallen: Wer die vielen sarkastischen und negativen Beispiele und Hinweise auf das post-doktorale Leben gelesen hat, dürfte jede Lust auf eine Karriere an deutschen Universitäten verloren haben. Bei mancher nur allzu treffenden Beschreibung bleibt dem Leser das Lachen im Hals stecken. Allein wer darüber nachdenkt, sich jetzt oder irgendwann auf ein Professur zu bewerben, dem sei die Lektüre der Begriffe Ruf, Berufungsverfahren, BTA und übliche Unterlagen empfohlen.

Studierende, benehmt Euch! – Meine persönlichen Benimm-Wünsche
» ganzer Text

Eine Systematik (außer der alphabetischen Anordnung) hinter der Auswahl der Stichworte ist nicht erkennbar. Was haben Abschreiben, Professorengattin, Sammelfußnote und Schnippelkurs gemeinsam? Auch wäre es schön gewesen, ein Inhaltsverzeichnis zu haben, damit überflogen werden kann, welche Begriffe es wo gibt und man gegebenenfalls schnell den passenden findet.

Akademische Karriere in Deutschland – lieber nicht...
Auszüge aus dem Campus-Knigge

» ganzer Text

Gut drei Seiten nimmt die Liste der Autoren ein. Damit wird beinah jeder Begriff von einem anderen Autor erläutert. Was vermutlich als eine Möglichkeit gedacht war, das Buch abwechslungsreich zu gestalten (oder unter Umständen nur eine Maßnahme gewesen ist, um das Buch überhaupt fertig zu bekommen), macht in der Umsetzung das Lesen schwierig. Bei einigen Begriffen berichtet der Autor lang und breit von persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen, andere wiederum beginnen mit einer allgemeinen Abhandlung der Geschichte des universitären Lebens. Viele der einzelnen Beschreibungen für sich genommen sind interessant und lesenswert. In seiner Gesamtheit aber macht das Buch einen ungeschlossen und inkohärenten Eindruck. Man weiß nicht, woran man ist und was man aus dem Campus-Knigge mitnehmen soll. Schade eigentlich.>

Beitrag von Birgit Milius
Bildquellen in Reihenfolge: Verlag

Links zum Thema

Zur Person

Birgit Milius ist Redakteurin von sciencegarden .

Literatur

  • Milos Vec, Bettina Beer, Eva-Maria Engelen, und Julia Fischer (2008): Campus-Knigge. München. 9,95 €.

Kategorien

Themen: Hochschule | Studentenleben
back print top

Online-Recherche

Suchmaschinen, Infos, Datenbanken » mehr

Rezensionen

Buchrezensionen der sg-Redaktion » mehr

Wettbewerbe

Forschungswettbewerbe in der Übersicht » mehr

Podcasts

Übersicht wissenschaftlicher Podcast-Angebote » mehr