Die europäische Herausforderung Amerikas

Gert Keil Über den Reichtum einer entwickelten Gesellschaft entscheidet heute in erster Linie das Netzwerk von Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft. Das amerikanische Netzwerk ist anders verdrahtet als das Europäische. Es ist schneller, effizienter, muskulöser. Das europäische ist träger und stabiler.

Die amerikanische Organisation der Wissenschafts- und Technologieentwicklung hat in den letzten Jahrzehnten ihre Überlegenheit über die deutsche und die europäische nachhaltig unter Beweis gestellt. Dies gilt für die naturwissenschaftlichen Disziplinen und ihre Derivate: Apparatephysik, Computertechnologie, Robotik und Nanotechnologie. Diese Frontforschung ist in Amerika eindeutig an weitesten entwickelt. In den Kultur- und Reflexionswissenschaften hingegen ist man auf europäische Entwicklungshilfe angewiesen, die man durch eine Politik der „offenen Türen“ wirksam unterstützt.

Ein Grund für diesen Entwicklungsvorsprung ist die pragmatische Tradition der amerikanischen und angelsächsischen Wissenschaft, die die vorherrschende Mentalität der amerikanischen Wissenschaftler prägt und die strikte Ergebnisorientierung ihres Vorgehens nachhaltig unterstützt. Zwei Beispiele: Die Friedensforscher des Max-Planck-Institutes waren nicht wenig erstaunt. Warum, so fragten sie sich vor einigen Jahren, war die Software sowjetischer Machart so viel sorgfältiger aufgebaut als die entsprechende amerikanische? Bald glaubten sie eine Antwort gefunden zu haben. Da die Rechenleistung der amerikanischen Computer in der Regel um Vieles höher lag als die der sowjetischen, verzichtete man in den Vereinigten Staaten einfach auf die Sorgfalt des Denkens. Die superschnellen Rechner würden ohnehin die unbrauchbaren Resultate aussortieren.

Der Erfolg von Craig Venter scheint dieser pragmatischen Auffassung von Wissenschaft und Technik Recht zu geben. Er hat das menschliche Genom mit Hilfe seiner Superrechner schneller entschlüsselt, als selbst die Optimisten unter seinen europäischen Kollegen vorhersagten. Das heißt: die Europäer stecken die doppelte Zeit in den Versuchsaufbau, und deshalb bleibt ihnen weniger Zeit für die Versuche. Ein weiterer Grund für den Vorsprung der USA ist ein gut funktionierendes Netzwerk von Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie. Es sichert – auch langfristig gesehen – diese technologischen Vorsprünge ab.Immer mehr Europäer bewundern diese Pragmatik des „American way of Life“. „Angebot und Nachfrage“, „Versuch und Irrtum“, das sind die magischen Zwillingspaare, die das amerikanische Netzwerk von Wirtschaft und Wissenschaft charakterisieren. Und wir Europäer sehen mit Erstaunen zu, wie die Verflechtung von Wissenschaft und Kapitalismus, von technologischer Entwicklung und Kommerz die Welt in atemberaubender Geschwindigkeit verändert. Während noch in den 60er Jahren in erster Linie der Staat für die Grundlagenforschung verantwortlich war – das US-Mondlandungsprogramm war der relativ bescheidene Ertrag einer „konzentrierten Aktion“ – ist seit den 90er Jahren das private Kapital zum Motor der wissenschaftlichen Erneuerung geworden. Die Wissenschaft wird in und durch den globalen Wettbewerb gezwungen, ständig neue Wagnisse einzugehen. Sie ist gleichzeitig Produzent und Konsument einer gesellschaftlichen Kultur faszinierender Risiken.

Das amerikanische Steuerungsmodell der „wechselseitigen Durchdringung“, das heißt der gleichgerichteten kommerziellen und wissenschaftlichen Belohnung, breitet sich zusehends auch in Deutschland und Europa aus. Neuerdings in Form von gestrafften, auf Rentabilität und Arbeitsmarkttauglichkeit getrimmten Bachelorstudiengängen und einer schleichenden Verschulung der Universitäten. Der Grund ist nicht alleine der Rückzug des Staates als bloße „Zeitgeistmode“. Bei weitem wichtiger ist, dass nicht mehr die Natur, sondern vom Menschen hervorgebrachte Produkte Gegenstand der wissenschaftlichen und technologischen Aufmerksamkeit werden. Der Übergang von den Natur- zu den Technologie- und Erfindungswissenschaften wird fließend. Der in seiner Informationsverarbeitung „träge“ Staat hat kaum mehr die Möglichkeit, den raschen und explosiven Veränderungen eigene Steuerungskapazitäten entgegenzustellen.

Deshalb haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die entwickelten Gesellschaften des Westens die gesellschaftliche Evolution den kognitiven Disziplinen Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie anvertraut. Der Zusammenhang dieser nur analytisch getrennten Bereiche beschleunigt all jene Veränderungen, die der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß dem Begriff der „Leonardo-Welt“ zurechnet. Wir sind zunehmend von Produkten, und immer weniger von der Natur umstellt. Diese Emanzipation von der Natur bekommen in der Wirtschaft gerade die früher reichen Kohle- und Stahlstandorte zu spüren, die heute mehr oder weniger darben.

Die bisherigen Revolutionen in den Wissenschaften waren europäische Revolutionen. Sie haben sich in der Regel im Bereich der Naturwissenschaften abgespielt. Obwohl die Naturwissenschaften auch auf technische Verfügbarkeit angelegt waren, waren sie gerade durch ihre Berührung mit der Natur nicht frei in der Verfolgung ihrer Ziele. Diese Revolutionen waren zugleich „Revolutionen der Denkungsart“: nicht nur neue Dinge wurden gesehen, sondern die Dinge wurden neu gesehen. Kopernikus entdeckte die Planetenbahnen und rückte, wider den bloßen Augenschein, die Erde aus dem Zentrum der Welt. Darwin entdeckte die Gesetze der Evolution – und strafte damit, nach klassisch katholischer Auffassung, die Schöpfungsgeschichte lügen. Freud – der sich als Naturwissenschaftler verstand – entdeckte die „Grammatik des Unbewussten“.

Alle wissenschaftlichen Revolutionen waren gewagte Konstruktionen, die erdacht, nicht aber „gesehen“ werden konnten. Ihre Berührung mit der Natur – die klassische Physik war keine Naturwissenschaft, sondern eine Laborwissenschaft – konnte nur durch fragile Beobachtungsszenarien gesichert werden. Dass es einen solchen Berührungspunkt gab, hat es ermöglicht, gerechtfertigte von ungerechtfertigten Konstruktionen zu unterscheiden. Es hat die Anmaßung verhindert, der Mensch werde zum Ingenieur seines Wissens und zum Ingenieur der Welt zugleich. Die technische Manipulation unserer Umwelt, sei es im Labor, sei es in der Industrie, musste deren Naturgesetze in Rechnung stellen. Diese „Unberührbarkeit der Naturgesetze“ führte in der Regel zu einem gewissen Respekt vor der Natur. Und die Kenntnis der Geschichte der eigenen Disziplin führte zu einer gewissen Skepsis. Wusste man doch um ihre Irrtümer, und von der Erfahrung, dass jedes gelöste Problem immer wieder neue Probleme gebiert.

Das amerikanische Steuerungsmodell der Wissenschaft und Technologie steht derzeit im Zenit. Aber wie bei vielen kulturellen Entwicklungspfaden ist auch dieser Erfolg nicht auf Dauer garantiert. Bereits jetzt sind erste Risse zu sehen. Die ersten, die sie bemerkt haben, waren amerikanische Frontforscher. Sie kündigten eine weitere Revolution der Wissenschaften an. Diese Frontforscher eint eine Sicht auf die Zukunft der Netzwerkwissenschaften Apparatephysik, Computertechnologie, Robotik, Gentechnologie. Ihre Bewertung aber fällt vollkommen unterschiedlich aus. Anders als die Naturwissenschaften, die ihren Wert sozusagen in sich selbst tragen, bedürfen die Artefaktwissenschaften einer expliziten gesellschaftlichen Bewertung.
Dieser gesellschaftliche Diskurs beginnt in Amerika bereits Form anzunehmen. Er kann sich aber auf keine philosophische Tradition stützen. Denn allzu leichtfertig wurde im Rahmen der US-amerikanischen Denktraditionen die europäische Zögerlichkeit als „irrelevante Reflexion“ abgetan.
Einer der bekanntesten amerikanischen Frontforscher ist der amerikanische Computerpionier Ray Kurzweil. Kurzweil hat den Flachbrettscanner erfunden, zahlreiche Aufsätze und Bücher geschrieben; er wurde über sein praktisches Talent zum Milliardär. In Deutschland wurde er durch sein 1999 erschienenes Buch „Homo Sapiens – Leben im 21. Jahrhundert“ bekannt. Kurzweil treibt den methodischen Reduktionismus der Naturwissenschaften konsequent auf die Spitze. Er beschreibt den Menschen als datenverarbeitendes System, das, im Gegensatz zu einem Computer, zufällig auf einem biophysischen Betriebssystem beruhe. Grundlage seiner Überlegungen ist das Mooresche Gesetz. Dieses besagt, stark vereinfacht, dass sich die Rechengeschwindigkeit der Computer alle 18 Monate verdoppelt. Betrachtet man das menschliche Gehirn als datenverarbeitendes System mit eingebauten Erfahrungszuwachs, so wird der Computer schon in wenigen Jahrzehnten dem Menschen an Intelligenz überlegen sein. Kurzweil verkündet die optimistische Botschaft: „Und er sah, dass es gut wird“.

Die pessimistische Botschaft vermittelt Bill Joy. Er ist einer der wichtigsten amerikanischen Frontforscher, Mitbegründer und Chefwissenschaftler des amerikanischen Computer- und Software-Unternehmens Sun Microsystems. Er verfasste im Jahr 2000 einen im Wissenschaftsmagazin „Wired“ erschienenen Artikel, der es in sich hat. Das amerikanische Magazin fällt gewöhnlich nicht gerade durch eine technikkritische Grundhaltung auf. Und amerikanische Frontforscher neigen gewöhnlich nicht gerade zur alteuropäischen Tugend der Sorge und Zaghaftigkeit. Joy, der immer wieder betont, er sei kein Maschinenstürmer, fordert in diesem Text: „Wir müssen auf die Entwicklung allzu gefährlicher Technologien verzichten und unserer Suche nach bestimmten Formen des Wissens Grenzen setzen.“ Der „Täter als Theoretiker“, so kann man in Umkehrung eines auf die modernen Naturwissenschaften gemünzten Wortes von Hans Blumenberg diese paradoxe Intervention bezeichnen. „Versuch und Irrtum“, „Angebot und Nachfrage“ sind vermutlich keine zu verantwortenden Steuerungstechniken, die dem gewaltigen Veränderungspotential der neuen technischen Möglichkeiten Herr werden können.

Joy forderte, und es haben sich ihm bereits viele Amerikaner angeschlossen, einen breiten gesellschaftlichen und moralischen Dialog über die Wissenschafts- und Technologieentwicklung. Das heißt er forderte der amerikanischen Gesellschaft etwas ab, was ihr – auf einer institutionell verbindlichen Ebene – weitgehend fremd, ja eine Zumutung ist. Kurz gesagt: Er fordert implizit die Europäisierung der amerikanischen Wissenschaftsdiskussion, auch wenn er das seinerzeit vielleicht nicht wusste. In Europa sind wesentlich zeitgleich oder im Nachvollzug mit der Entwicklung der Wissenschaften Verfahren der Selbstbeobachtung und der Selbstbeschreibung entstanden. Das, was man im klassischen Sinne Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftstheorie oder Wissenschaftsreflexion nennt. Diese Selbstreflexion hat die Entwicklung der europäischen Wissenschaft von Anfang begleitet. Sie hat der methodischen Sicherung der gewonnen Erkenntnisse gedient, und zugleich auch der Selbstversicherung unserer kulturellen Entwicklung.
Europa, insbesondere die europäische Philosophie, reagiert immer noch mit großer Ignoranz auf die Ergebnisse der Hirnforschung und der Computertechnologie. Diese Ignoranz in Bezug auf die amerikanische Frontforschung könnte die Europäer teuer zu stehen kommen.
Das ist die an die Europäer gerichtete Herausforderung Amerikas.
Amerika hingegen reagiert mit Arroganz auf das europäische Zögern und Zaudern. Es betrachtet die Reflexion auf die Wissenschaften als diesen eigentlich nicht zugehörig. Das Zögern und Zaudern mag bisher ein Nachteil für die Europäer sein. Angesichts der Veränderungsdimensionen der neuen „Apparatewissenschaften“ könnte aber aus diesem Nachteil schon bald ein Vorteil entstehen – wenn sie ihn nicht durch Überanpassung an vermeintlich amerikanische Erfolgsmodelle (Stichwort Bachelor) und eine allzu stromlinienförmige Ökonomisierung der Universitäten wieder verspielen.Das Netzwerk von Technologien, Wissenschaft und Gesellschaftsordnung entscheidet über die Zukunft unserer Spezies. Die skeptische europäische Tradition der öffentlichen Selbstversicherung unseres Wissens und Könnens, ist ein besserer Begleiter dieses Netzwerkes, als die Eigenlogik der Märkte, der Superhirne und der Supertüftler. Das ist die europäische Herausforderung Amerikas.


Beitrag von Gert Keil
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Zur Person

Dr. Gert Keil war von 2002 bis 2008 Lehrbeauftragter für Soziologie an der Universität Freiburg. Seit 2009 lebt und arbeitet er als Politikberater in Berlin.

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