Weltanschauung ex machina

„Philomat“ (Hirzel-Verlag) Alle Menschen haben eine Weltanschauung – aber welche? Der „Philomat“, ein Weltanschauungsermittlungsapparat in Buchform, hilft uns, das herauszukriegen. Spielerisch und anspruchsvoll zugleich gibt er dem eigenen Denken einen Namen und führt in die Philosophie ein, ohne sich anzubiedern.

Die Weltwirtschaft kriselt, das Klima randaliert und der Papst spaltet die Gläubigen. Kein Wunder, dass Zeiten wie diese die Suche nach Alternativen und geistiger Neuorientierung intensivieren. Manche klettern deshalb auf Nepals höchste Berge, übernehmen Patenschaften für darbende Kinder in Kenia, andere kaufen nur noch Bio oder buchen Wochenendseminare mit indischstämmigen Yoga-Meistern. Neben Buddhismus, Esoterik und allerlei Obskurantismen steht auch die Philosophie, oder vielmehr das, was postmoderne Sinnsucher landläufig darunter verstehen, wieder hoch im Kurs. Sie gilt vielen Menschen, im deutlichen Kontrast zu den politisch motivierten Kahlschlägen an akademischen Fachbereichen, als unverzichtbare Orientierungshilfe in geistig-spirituell ungeordneten Verhältnissen. Bestseller wie Richard Davids Prechts philosophischer Reiseführer belegen das ebenso wie der Umstand, dass es Peter Sloterdijks Philosophischem Palaver-Stadl im ZDF nach Jahren quälender Kärrnerarbeit am Begriff noch immer nicht gelungen ist, das Fach in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu desavouieren. Im Gegenteil. Vom Gang zur Philosophischen Praxis über die eigene „Lebensphilosophie“ bis hin zur „Unternehmensphilosophie“ des Arbeitgebers – allüberall wird Therapiebedürftiges, Ökonomisches und Banales mit dem Goldrand des großen und ganzen Denkens verziert und aufgehübscht.

Das bringt Geld in die Kassen der notorisch schwer vermittelbaren Absolventen des Orchideenfachs, die nicht an Universitäten unterkommen, und mit Sicherheit auch einige Menschen dazu, sich ernsthaft mit Fragen der Tierethik oder der Gerechtigkeit auseinander zu setzen. Die meisten begnügen sich jedoch mit bunt zusammengemalten Weltbildern, als Leitmotive pragmatisch und irgendwie alltagstauglich, aber im Grunde willkürlich und kaum je durchdacht. Mit Philosophie hat das herzlich wenig zu tun. Umgekehrt taugen akademischen Abhandlungen oft nicht viel, wenn es um Fragen des guten Lebens und Handelns geht. Ein Buch aus dem Stuttgarter Hirzel-Verlag versucht dieses Dilemma aufzulösen und zwischen persönlicher Weltanschauung und philosophisch vertiefter Selbstreflexion zu vermitteln. Das heißt, eigentlich ist es gar kein Buch, sondern eine Maschine, genauer ein „Apparat für weltanschauliche Diagnostik“.

Der „Philomat“, so nennen die drei Autoren beziehungsweise Entwicklerinnen Wolfgang Buschlinger, Bettina Conradi und Hannes Rusch von der Technischen Universität Braunschweig ihren philosophischen Selbsttest in Buchform, soll „die Menge aller grundsätzlichen Überzeugungen einer Person darüber, was in der Welt der Fall ist und was nicht“, durch gezielte Fragen an seine Benutzer ermitteln. In vier Dimensionen, die sich an den berühmten Leitfragen Immanuel Kants orientieren – Was soll ich tun, was darf ich hoffen, was kann ich wissen, was ist der Mensch? – setzt der Philomat diese Menge Stück um Stück zusammen. Jede Dimension besteht aus drei Themenfeldern, für die Frage „Was soll ich tun?“ zum Beispiel „Töten, Lügen, Gerechtigkeit“. Zu jedem Thema gibt es zwölf Fragen mit dazu gehörigen Antwortmöglichkeiten. Und die haben es durchaus in sich. Die Verfasser empfehlen, sie im stillen Kämmerlein zu bearbeiten und dabei keine Spuren zu hinterlassen. Ein guter Rat. Muss man sich doch mit der eigenen Neigung zu lügen oder eine außereheliche Affäre zu verheimlichen befassen. Ob man an die „wahre“ Liebe glaubt oder an die Freiheit des Willens, will der Automat wissen, ob man Vergewaltiger massakrieren sollte oder Gott für ein Hirngespinst hält.
Weniger verfänglich ist da, zumindest auf den ersten Blick, die Sektion „Was kann ich wissen?“ Hier muss man dem Philomat erläutern, warum wir alle ein ähnliches Bild von der Welt zu haben scheinen oder was die Bedeutung eines Wortes ist. Je nach gewählter Antwort zieht man auf dem beigefügten Spielplan in vier unterschiedlichen Reihen jeweils eine bestimmte Schrittzahl nach rechts oder links. Am Ende spuckt der Philomat gemäß der in den vier Reihen ermittelten Punktwerte eine „Diagnose“ aus, das heißt eine Umschreibung dessen, was man grundsätzlich zum Thema „Töten“, „Gerechtigkeit“ oder „Sprache“ denkt. Dazu notieren die Verfasser auch die entsprechende Fachterminologie wie zum Beispiel „Konsequentialismus“, „Deontologie“ oder „Konstruktivismus“. Mit Hilfe des Glossars kann man im Anschluss mehr über diese Begriffe und – im kommentierten Literaturverzeichnis – auch über die dahinter stehenden Schulen und Strömungen erfahren. Wer dem Pfad folgt, kommt so in drei Schritten direkt zu jenen Denkern, die womöglich am besten zur eigenen Weltanschauung passen und diese – Lektüre vorausgesetzt – auf ein neues, eben philosophisches Niveau heben können.

Anders als bei den meisten populärwissenschaftlichen Philosophiebüchern und Einführungen, die allgemein um Grundsatzfragen kreisen und große Denker auf leicht bekömmliche Häppchengröße einkochen, wirft der Philomat die Grundkoordinaten der ganz persönlichen Weltanschauung seiner Benutzer aus und stellt sie im zweiten Schritt in einen größeren Zusammenhang. Und genau das ist der Vorteil und auch der Reiz dieses außergewöhnlichen Philosophiebuchs: die direkte Verbindung von eigenem Denken und (fach-)philosophischer Reflexion. Am meisten profitiert man daher von der Lektüre, wenn man seine jeweilige Position zu den einzelnen Fragen möglichst klar und umfassend in eigenen Worten formuliert, bevor man eine der angebotenen Antworten auswählt. Der Gewinn ist ein doppelter: Man klärt sich selbst über die eigenen Anschauungen auf und schärft, modifiziert oder ändert sie im Vergleich mit den im Buch gebotenen Alternativen.
Den Weg in die Philosophie ausgerechnet über einen Automat zu bahnen, ist nicht nur eine gewitzte, zeitgeistige und provokante Idee, die an Erfolge wie die der diversen „Wahl-O-Maten“ anknüpft und die philosophische Frage, ob Maschinen denken können, in eine neue Form bringt. Das Resultat ist erstaunlich anspruchsvoll. Der Philomat demonstriert im Rahmen eines vergnüglichen Spiels, wie vertrackt und folgenreich philosophische Fragen sind und wie voraussetzungsvoll die eigene, unreflektierte Weltanschauung. Er gibt dem eigenen, oft diffusen Denken und Handeln Namen und weist den Weg zu Gleichgesinnten aus der Reihe der großen Philosophen. Er eignet sich deshalb auch bestens für den Schulunterricht. Als eine Art Technikspielzeug im Buchgewand dürfte er zudem bei Lesemuffeln gut ankommen. Unter www.philomat.de kann man sich einen ersten Eindruck im Internet verschaffen.

Natürlich hat aber auch dieser Automat seine Tücken. Ganz ruckelfrei läuft er nicht. Das liegt vor allem an der philosophischen Sozialisation seiner Konstrukteure. Man sieht dem Philomat nämlich allzu deutlich an, wes Geistes Kind seine Eltern sind. Das lässig kommentierte Literaturverzeichnis wimmelt von Autoren der analytischen Philosophie. Auch der Braunschweiger Doyen und evolutionäre Erkenntnistheoretiker Gerhard Vollmer scheint auf die Entwicklung so manchen Bauteils eingewirkt zu haben. Mit Religion, Metaphysik und Lebensphilosophie können die drei Braunschweiger Philosophietechniker eher wenig anfangen. Das spiegelt sich leider auch in den gestellten Fragen wider.

Dass man unter den vorgegebenen Antworten nicht immer die exakt passende findet, ist allerdings nicht nur den philosophische Vorlieben der Autoren zuzuschreiben, sondern liegt in der Natur der Sache. Buschlinger und Co. weisen ausdrücklich darauf hin. Sie hätten selbstbewusster deutlich machen können, dass es sich bei dieser notwendigen Unschärfe um eine besondere Stärke handelt. Gerade weil die Antworten nie ganz genau zutreffen, fühlt man sich zum Nach- und Überdenken angeregt.
Am Ende ist man regelrecht verblüfft, wie präzise der Automat die eigene Überzeugung zusammenfasst, aber auch, wie falsch das eigene Selbstbild möglicherweise ist. Der überzeugte Hedonist, dem bisher nichts wichtiger schien, als das eigene Wohlergehen, erkennt plötzlich seine metaphysische Seite. Der gestrenge Moralist lernt sich durch die Arbeit an der Philosophiemaschine als pragmatischen Lebemann kennen. In diesen Fällen, die die moralischen Grundüberzeugungen betreffen, ist die produktive Irritation am größten und fruchtbarsten. So schafft es dieser merkwürdige Weltanschauungsapparat tatsächlich, den, der sich auf ihn einlässt, zum Staunen zu bringen. Und eben das gilt bekanntlich seit der Antike als erste Voraussetzung aller Philosophie.

Beitrag von Christian Dries
Bildquellen in Reihenfolge: Hirzel-Verlag

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Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Wolfgang Buschlinger/Bettina Conradi/Hannes Rusch (2009): Philomat. Apparat für weltanschauliche Diagnostik. Stuttgart: Hirzel, 232 S., 24 Euro.
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