Eine schrecklich traurige Familie

Alexander Waugh: „Das Haus Wittgenstein“ Der britische Musikwissenschaftler Alexander Waugh hat eine Biographie des Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben, die sich als psychiatrische Familienakte geriert und darüber hinaus nur wenig Neues zu vermelden weiß.

Das 20. Jahrhundert ist erst ein paar Jahre alt, da teilen sich zwei leicht verschrobene junge Burschen für kurze Zeit denselben Schulhof der kaiserlich-königlichen Oberrealschule in Linz. Obwohl im selben Jahr geboren, trennen sie zwei Klassen voneinander – und weit mehr als das. Die Eltern des einen leben in bescheidenen Verhältnissen in Oberösterreich, die des anderen schwimmen in Geld und pflegen exklusive Verbindungen zur Wiener High Society. Ihre einzige Gemeinsamkeit: Beide bringen schlechte Noten nach Hause und fühlen sich an der Schule, die sie bald wieder verlassen, nicht wohl. Der eine von ihnen wird später zum grausamen Diktator, der andere ein weltberühmter Philosoph. Dass sie sich in Linz kennen lernten, gilt als ausgeschlossen.

Verbürgt dagegen ist, dass auch diese beiden, wie das Sprichwort sagt, sich im Leben ein zweites Mal begegnen. Nun jedoch als Todfeinde. Denn der eine – Adolf Hitler –, inzwischen Reichskanzler in Deutschland und bejubelter Usurpator seiner Heimat Österreich, will die berühmte jüdischstämmige Familie des anderen – Ludwig Wittgenstein – mit Hilfe der Nürnberger Rassegesetze zwingen, große Teile ihres immensen Vermögens an den NS-Staat abzuführen. Man einigt sich schließlich nach langem Tauziehen über mehrere Länder und Kontinente hinweg: Die Nazis erpressen etliche Millionen und Kunstgegenstände von beträchtlichem Wert, die Wittgensteins Vater Karl, Österreichs Andrew Carnegie, sich mit seinen Stahlwerken erwirtschaftet hat. Im Gegenzug können zwei Schwestern Ludwigs – Hermine und Helene – bis Kriegsende unbehelligt in Österreich bleiben. Ihr alter Herr muss diese Demütigungen nicht mehr erleben. Er war schon 1913 im Familienpalais in der Wiener Alleegasse (heute Argentinierstraße) gestorben. Der junge Adolf Hitler ist zu dieser Zeit noch im Männerwohnheim ansässig und das, was man eine gescheiterte Existenz nennt. Brigitte Hamann hat diesen Teil seines Leben in ihrer hervorragend recherchierten und brillanten Studie Hitlers Wien so erschöpfend erhellt, dass (fast) keine Fragen offen bleiben. Legt man Alice Millers Rekonstruktion der Psychopathologie Hitlers – schwer gewalttätiger Vater, hilflose und verzärtelnde Mutter – daneben, erscheint der spätere „Führer“ als gelehriger Schüler des Ungeists seiner Zeit und als erbärmlicher Psychiatriefall obendrein.

Doch auch Karl Wittgensteins Kinder tragen schwer; ihr Erbe ist kein leichtes. Zwar hinterlässt der jähzornige und dominante Vater ihnen etliche Millionen, die ihnen ein materiell sorgenfreies Leben bescheren und viele Türen öffnen, aber offenbar auch so viel neurotisches Potenzial, dass sich die Geschwister zeitlebens bitter streiten. Drei der fünf Söhne bringen sich selbst um, die übrigen zwei – obwohl der eine als einarmiger Pianist und der andere als philosophisches Genie Karriere macht – werden ihr Leben lang mit Selbstmordgedanken spielen und sich in Selbsthass ergehen. Den drei Töchtern (eine vierte stirbt bei der Geburt) geht es zum Teil wenig besser. Dieses düstere Porträt zeichnet Alexander Waugh, selbst Spross einer berühmten Schriftstellerfamilie, in seinem jüngst erschienenen Buch Das Haus Wittgenstein – eine berühmte, steinreiche und schrecklich traurige Familie voller Geistesgestörter und Selbstmörder.

Man mag das Bild, das Waugh von den Wittgensteins malt, als überzeichnet, vielleicht auch grob empfinden. Doch gegen den vorurteilslosen Blick in die Seele von außergewöhnlichen Menschen (so wie in die von Massenmördern) ist grundsätzlich gar nichts einzuwenden, auch wenn es dort ungemütlich ausschaut. Im Gegenteil. In seinem Licht fügen Leben, Werk und Handeln sich häufig überhaupt erst zu jener Einheit, die tieferes Verstehen möglich macht. Wer beispielsweise von den bedrückenden Familienverhältnissen und ihren seelischen Folgen absieht, unter denen Friedrich Nietzsche ein Leben lang bis zur geistigen Umnachtung heftigst litt, dem werden wichtige Aspekte seiner leidenschaftlichen Moralkritik vermutlich verschlossen bleiben. Von Seelenqualen schweigen, weil die einen „großen“ Menschen kleiner machen könnten, ist ein schlechter Rat für gute Biographen.

Wie viel hätte Waugh daher aus seinem Familienstoff machen können, mit den genialen Brüdern Paul und Ludwig in der Mitte. Doch das gelingt ihm nicht. Er liebt die steile These, profunde psychologische Analysen und Urteile, ja einen echten Standpunkt, sucht man bei ihm vergebens. Substanzielle Neuigkeiten hat er nicht zu vermelden, es gibt kaum etwas, das man nicht längst aus anderen Quellen weiß; häufig paraphrasiert er einfach nur hinlänglich bekannte Spekulationen. Im Falle Ludwigs sieht das so aus: Der unter seiner Homosexualität – warum? – leidende, sensible Geist gerät in eine tiefe Krise, liest Tolstois Evangelien-Interpretation, wird zum fanatischen Asketen und nummeriert die einzelnen Sätze des für seine Undurchdringlichkeit berühmt-berüchtigten Tractatus logico-philosophicus – gerade so wie Tolstoi in der Kurzen Auslegung des Evangeliums (einige inhaltliche Anspielungen lassen sich ebenfalls belegen). Was soll uns das sagen? Dass der Tractatus , ein höchst kompliziertes, Logik, Sprachtheorie und Ethik vereinendes Buch nur von einem Neurotiker geschrieben werden konnte? Dass es keinen Tractatus ohne Tolstoi gäbe (was nicht ganz falsch wäre)? Oder schlicht, dass sein Autor ein unglücklicher Mensch gewesen war (wie so viele andere Menschen auch)?

Waugh schweigt und unterlässt es, erhellende Verbindungslinien zwischen Leben, Fühlen, Werk und Milieu Ludwig Wittgensteins zu ziehen, geschweige denn zu erhärten. Das allein stehende Tolstoi-Zitat illustriert dieses Manko unfreiwillig. Will man Wittgensteins Abhandlung tatsächlich aus dem Zusammenhang begreifen, hält man sich besser an Allan Janiks und Stephen Toulmins Wittgensteins Wien , das nicht nur im Titel mit Brigitte Hamanns Hitler-Biographie korrespondiert. Kenntnisreich bilden die Autoren das Wiener Fin de siècle ab, erschöpfend legen sie die Einflüsse frei, die Wittgenstein schließlich kongenial in seinem Tractatus zusammenbindet – die moderne Physik, die Sprachkritik eines Karl Kraus und die Architekturrevolution Adolf Loos’ zum Beispiel. Auch die „schwierige“ Persönlichkeit Wittgensteins kommt dabei nicht zu kurz.

Anders bei Waugh, dem außerdem – wovon einige sachliche Schnitzer zeugen – schlicht die nötige philosophische und historische Fachkenntnis fehlt, um einen wirklich stimmigen und nuancierten Einblick zu vermitteln. Dazu hätte er der Methode Hamanns folgen müssen, die Adolf Hitlers heranreifende Persönlichkeit mit verblüffender Akribie im sozialen, kulturellen Kontext ihrer Zeit verankert. Oder der von Bertrand Russell, Ludwig Wittgensteins berühmtem Lehrer und – wenig später – Schüler in Cambridge, der in seiner History of Western Philosophy jeden Denker als Menschen zu schildern weiß, „in whom were crystallized and concentrated thoghts and feelings which, in a vague and diffused form, were common to the community of which he was a part.“ Nichts davon bei Waugh. Auch kein Wort zum problematischen Verhältnis von Genie und Wahnsinn, ja zur Problematik von psychologischen Ferndiagnosen überhaupt. Eine psychiatrische Akte Wittgenstein existiert schließlich nicht – ganz abgesehen davon, dass die weniger begabten Wittgenstein-Kinder kaum neurotischer gewesen sein dürften als der durchschnittliche Nachkomme wohlhabender Familienpatriarchen.

Selbst das Leben und Schaffen Paul Wittgensteins, der die berühmtesten Komponisten der Zeit – Hindemith, Prokofiew, Richard Strauss, Benjamin Britten oder Maurice Ravel – beauftragt, spezielle Klavierstücke für seine Linke zu schreiben, bleibt in Waughs 400-Seiten-Schmöker merkwürdig blass – und das, obwohl dem Leser rasch dämmert, dass er gar keine Familienbiographie in Händen hält, sondern die metastasierende Lebensgeschichte des international erfolgreichen Klaviervirtuosen, der im Krieg seinen rechten Arm verliert und fortan bravourös mit dem linken spielt. Ihm gibt Waugh den größten Raum. Dennoch bringt er auch Pauls seelische Stürme in keine nachvollziehbare Verbindung zu seiner Kunst, seiner Epoche. Die übrigen Familienmitglieder werden um den Musiker herum gruppiert, manche lediglich mit einer Statistenrolle bekleidet, zusammengehalten durch das effekthascherische, aber farblose Motiv der Familienpathologie. Das hinterlässt den Leser ratlos, selbst den psychologisch interessierten, auf den Waughs Diagnosen einfach zu thetisch, zu holzschnittartig wirken.

So verfestigt sich der Eindruck, der Musikwissenschaftler Waugh habe sich des Familienmythos wie des Pathologiemotivs nur deshalb bedient, um seinem inzwischen längst vergessenen Protagonisten – es existieren nicht einmal mehr nennenswerte Tonaufnahmen von Pauls Konzerten – posthum erneute Aufmerksamkeit zu bescheren. Und die ist beim Namen Wittgenstein garantiert, vor allem im Schatten Ludwigs, dem von seinen Anhängern bis heute kultisch verehrten Mastermind. Wirklich spannend wird das Buch nur gegen Ende, wo Waugh die abenteuerliche Geschichte der Vermögensrettung rekonstruiert. Um sie nachzuvollziehen, muss man die ganze Familie kennen. Nur hier macht die Gesamtschau, die Waugh verspricht, tatsächlich Sinn. Ansonsten hätte er sich besser nur auf seinen heimlichen Helden konzentriert und ihm eine Monographie gewidmet.

Beitrag von Christian Dries
Bildquellen in Reihenfolge: Fischer-Verlag

Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Alexander Waugh (2009): Das Haus Wittgenstein. Geschichte einer ungewöhnlichen Familie. Frankfurt/M.: Fischer, 439 Seiten, 24,95 Euro.
  • Brigitte Hamann (2008): Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, 10. Auflage. München: Piper, 15 Euro.
  • Alice Miller (2008): Am Anfang war Erziehung. Neuauflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 10 Euro.
  • Allan S. Janik/Stephen E. Toulmin: Wittgensteins Wien, mehrere Ausgaben (auch in englischer Sprache), nur noch antiquarisch erhältlich.
  • Bertrand Russell: History of Western Philosophy; deutsch: Philosophie des Abendlandes, mehrere Ausgaben und Auflagen, im Handel ab 15,95 bzw. 9,95 Euro.

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