Kein frommes Pilgerbuch

Notker Wolf: „Wohin pilgern wir?“ Selbstfindung per pedes ist groß in Mode. In seinem Buch „Wohin pilgern wir?“ erklärt Notker Wolf, warum der Weg nicht das Ziel ist, und erzählt von mittelalterlichen Reisenden, denen die Pilgerfahrt als Alibi für ihre Abenteuerreisen diente. Die bewundernswerte Kenntnistiefe des Autors, gepaart mit seinem herzlichen Humor, macht das Buch zu einem Lesevergnügen.

Das Buch „Wohin pilgern wir?“ liest sich nicht gerade so, wie man es vom höchsten Repräsentanten des Benediktinerordens erwarten: Statt pilgernder Nonnen treffen wir junge Burschen, unter denen es auch einmal etwas wilder zugeht, und die sich aufs Essen in der Herberge mindestens genau so sehr freuen, wie auf die Absolution in der Wallfahrtskirche.

Das Besondere an der Pilgererfahrung erklärt Abtprimas Wolf denn auch lieber mit Ansätzen, die einem erlebnispädagogischen Programm alle Ehre machen würden: beispielsweise das intensive Gemeinschaftserlebnis der Pilger, das gute Gefühl nach erduldeten Strapazen oder der „Einklang von Denken und Handeln“ .

Gleichwohl sind Notker Wolf aber auch mythische Pilgerziele wie der Marienwallfahrtsort Lourdes nicht fremd. Die damit verbundenen Hoffnungen und Rituale deutet er mit einer Mischung aus Empathie mit den Heilssuchenden und aufgeklärter Distanz zur vermeintlichen Magie so facettenreich, dass auch der nüchterne Verstandesmensch neugierig auf das, was der Autor noch über das Pilgern als körperliche Erfahrung des geistigen zu sagen hat.

Eine Reise durch Zeiten und Räume

Allerdings sind Lebensweisheit und Tiefgang, in Seitenzahlen gemessen, nicht die Hauptzutaten von „Wohin pilgern wir?“ Vielmehr nimmt Notker Wolf seine Leser mit auf einer Reise durch Zeiten und Räume, in denen er auf unterhaltsame Art geschichtlichen und kulturellen Aspekten des Pilgerns nachspürt. Eine besondere Klammer bildet dabei die Biographie des Autors, die er als Pilgerreise des eigenen Lebens konstruiert: der Schritt, ins Kloster zu gehen, die wachsenden Aufgaben, die man ihm überträgt, aber auch das zwischenzeitliche Scheitern des Lebenstraums vom Missionar in fernen Ländern. Die Tatsache, dass Wolfs Pilgerbuch in weiten Teilen von dessen dienstlichen Reisen in tropische Gefilde berichtet, zeigt aber deutlich, dass es sich zumindest für den Autor gelohnt hat, beharrlich zu bleiben. Exotik und ein Hauch von Abenteuer umgeben die Erzählungen über Haiti, wo Wolf mit dem Esel tagelang von Bergdorf zu Bergdorf gezogen ist, oder aus Indien, wo wildfremde Hindus den in Zivil gekleideten Mönch um seinen Segen bitten. Zur Unterstützung sehnsüchtiger Leser-Phantasien finden sich auf zweimal zehn farbigen Seiten auch fotografische Impressionen dieser Fernreisen.

Sehr fern und fremd erscheint die mittelalterliche Geschichte der englischen Edelfrau Margery Kempe: In weltvergessener Verzücktheit berichtet sie, wie sie bei der Nachtwache in der Jerusalemer Grabeskirche von totaler Extase erfasst wird. Dass sie mit ihrer Affektiertheit schon wochenlang ihre Reisegruppe genervt hatte, geht auch dem modernen Leser ihres Berichts bald auf. Ungefähr zu selben Zeit notiert der deutsche Adlige Arnold von Harff nicht ohne eine gewisse Ironie eine Liste der angeblichen Reliquien, die man ihm in Jerusalem präsentierte. Die „Steinplatte, auf der die Muttergottes in Ohnmacht fiel“ oder ein „lebensechtes Jesusportrait des Evangelisten Lukas“ lassen ihn zwar fasziniert, aber ebenso kopfschüttelnd zurück.

„Eine Frühform des Pauschaltourismus“

Einen kritischen Abstand zu dem Treiben, das er anhand zeitgenössischer Berichte nacherzählt, wahrt auch Autor Notker Wolf. Die rege Reisetätigkeit nennt er unumwunden „eine Frühform des Pauschaltourismus“ , und entdeckt in der Beschreibung einer damaligen Pilgerherberge Anklänge an den „Werbeprospekt einer Wellness-Hotelkette“ . Jedoch beschränkt sich Wolfs Darstellung nicht auf einen augenzwinkernden Blick auf das mittelalterliche Pilgerwesen. Anhand der Geschichte des Reliquienkultes lässt er seine Leser durchaus verstehen, weshalb die damaligen Menschen Objekte und Orte brauchten, durch die und an denen sie die Nähe Gottes im Diesseits erfahren konnten. In einer Welt voller Armut, Analphabetismus und Aberglauben stillten sie an den Wirkstätten ihrer Heiligen ihren „spirituellen Erfahrungshunger“ durch weltliche Nähe und körperliche Berührung von deren Besitztümern. Entsprechend war auch das Ziel das Ziel – und nicht der Weg.

Eingeholt vom „religiösen Kram“

Doch woher kommt die Faszination des Pilgerns heute? Was suchen all die modernen, nach eigenen Angaben nicht einmal gläubigen Menschen, die jetzt wieder die alten Pilgerwege bevölkern? Das lässt sich so einfach natürlich nicht sagen. Aber viele werden auf dem Weg eingeholt vom „religiösen Kram“ , wie etwa Bruno, dessen Geschichte Wolf ebenfalls in seine Pilgererzählung einflicht. „Ohne religiöse Motivation“ ist der Mann aus München aufgebrochen und hat doch bald „kaum eine Kirche am Weg ausgelassen“ . Vor allem aber erlebt auch ein Mensch des 21. Jahrhunderts beim Pilgern wortwörtlich am eigenen Leib wie es ist, wenn alles auf dem Weg – Gehen, Essen, Schlafen – auf ein einziges großes Ziel ausgerichtet ist.

Dabei ist das Streben nach diesem großen Ziel Notker Wolf zufolge, „hoffnungslos unzeitgemäß“ . Während der Zeitgeist mit seiner „Inflation von Zielen“ uns dazu bringe, irgendetwas möglichst schnell und mühelos anzusteuern, ist eine selbst auferlegte Reise zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Rad mühsam. Allerdings scheint es gerade durch diese Mühsal zu sein, die dazu beiträgt, dass sich „die Pilgererfahrung sich gewinnbringend auf das Leben übertragen“ lässt. Aufbruch und Weg lehren mehr Mut, Beharrlichkeit und Geduld, die Angewiesenheit auf fremde Menschen Anpassungsfähigkeit. Wer erkennt darin nicht die Anforderungen des modernen Lebens?

Dabei muss man weder am wesen unserer Zeit teilnehmen wollen, noch Rat suchen, um „Wohin pilgern wir?“ zu lesen. Mit der ausgewogenen Mischung aus abendländischer Kulturgeschichte, exotischen Reiseberichten und Autobiographie lohnt sich die Lektüre auch ohne konkreten Drang zum Aufbruch. Dass Notker Wolfs Buch diesen auslöst, ist allerdings nicht ausgeschlossen.

Beitrag von Christiane Zehrer.
Bildquellen in Reihenfolge: Rowohlt

Zur Person

Christiane Zehrer ist Redakteurin von sciencegarden .

Literatur

  • Wolf, Notker (2009): Wohin pilgern wir? Hamburg.

Kategorien

Themen: Gesellschaft | Religion
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