Sacharows Vermächtnis

Pilzwolke der Ivy-Mike über dem Eniwetok-Atoll 1952 – die erste Wasserstoffbome (USA) Am 14. Dezember 1989 verstarb der russische Physiker und Friedesnobelpreisträger Andrej Dmitrijewitsch Sacharow. Sein Einsatz für nukleare Abrüstung und Menschenrechte ist auch nach 20 Jahren ein leuchtendes Vorbild.

Im Juli 1945 führen US-amerikanische Wissenschaftler in der Wüste Neu Mexikos den weltweit ersten Kernwaffentest durch, der unter dem Namen „Trinity“ bekannt wird. Sieben Jahre später explodiert die erste Wasserstoffbombe, „Ivy Mike“, welche die Sprengkraft einer herkömmlichen Atombombe um ein Vielfaches übersteigt. Die Sowjetunion – Atommacht seit 1949 – zündet im August 1953 ihre erste Wasserstoffbombe und gleicht so den Vorsprung ihres Rivalen aus: Das nukleare Wettrüsten hat begonnen. Als im Oktober 1961 dann die so genannte „Zar-Bombe“ über der Insel Nowaja Semlja in der Barentsee detoniert, steigt der Atompilz bis auf über 50 Kilometer Höhe. Die Bombe ist mit geschätzten 57 Megatonnen TNT-Äquivalent die mächtigste aller Zeiten.

Aufstieg als Wissenschaftler

Wasserstoffbombe
Die Idee der Wasserstoffbombe leitet sich aus der Äquivalenz zwischen Masse und Energie ab. Auch die Spaltungsbombe beruht auf diesem Prinzip.
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Ihr Erdenker ist Andrej Dmitrijewitsch Sacharow – er gilt als Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einem beispiellosen Aufstieg als Kernphysiker wurde er als jüngstes Mitglied aller Zeiten in die Sowjetische Akademie der Wissenschaften berufen. Ab 1948 gehörte er dort einer Forschergruppe an, die sich in theoretischen Arbeiten mit dem Bau einer Wasserstoffbombe beschäftigte. Der junge Sacharow war damals noch davon überzeugt, dass er als „Soldat des naturwissenschaftlich-technischen Krieges“ (Sacharow) dazu beitragen kann, die Welt in ein nukleares Gleichgewicht zu bringen und sie so letztlich vor der Zerstörung zu bewahren. In einer als seine „Dritte Idee“ bekannt gewordenen Anordnung ersetzte Sacharow das herkömmliche Design der Wasserstoffbombe durch eine zweistufige Konfiguration, bei der Kernspaltung und Kernfusion schnell aufeinanderfolgen. Im Westen arbeiteten Edward Teller und Stanislaw Ulam im Rahmen des Manhattan-Projekts am gleichen Konzept, das deshalb heute meist als Teller-Ulam-Design bekannt ist.
Zusammen mit seinem älteren Kollegen und engen Mitarbeiter Igor Tamm entwickelte Sacharow 1950 auch die heute noch favorisierte Tokamak -Anordnung für thermonukleare Reaktoren. Randnotiz: Die weltgrößte Tokamak-Anlage entsteht derzeit im südfranzösischen Cadarache als gemeinsames Forschungsprojekt von sieben gleichberechtigten Partnern, darunter die Europäische Union.
Trotz seiner herausragenden Stellung wurde Sacharow niemals Mitglied der Kommunistischen Partei. Er genoss allerdings ohnehin alle Privilegien der Nomenklatura. Sacharow war mehrfacher Held der Sozialistischen Arbeit und erhielt die höchsten zivilen Auszeichnungen der Sowjetunion.

Kampf gegen Kernwaffentests

Pilzwolke der Ivy-Mike über dem Eniwetok-Atoll 1952 – die erste Wasserstoffbome (USA)
Pilzwolke der Ivy-Mike über dem Eniwetok-Atoll 1952 – die erste Wasserstoffbome (USA)

1955 zählt die Sowjetunion die ersten beiden Toten in unmittelbarer Folge eines Kernwaffentests nahe der Stadt Semipalatinsk (heute Kasachstan). Sacharow ist bestürzt und beschäftigt sich daraufhin erstmals intensiv mit den Risiken der nuklearen Forschung und den Auswirkungen der Tests auf Mensch und Umwelt. Er warnt vor allem vor atmosphärischen Tests, also vor Tests, bei denen die Bombe in der Atmosphäre gezündet wird und die wegen des radioaktiven Niederschlags kaum abschätzbare Risiken bergen. Um diese Tests zu stoppen, nimmt er mehrmals Kontakt zur Parteileitung unter Nikita Chruschtschow auf. Seine Einwände finden kein Gehör. Im Jahr 1958 bricht die Sowjetunion mit der Wiederaufnahme ihrer Atomtests ein zwischenzeitlich beschlossenes Moratorium, nachdem auch die USA bereits die Aufgabe der Vereinbarung signalisiert hat. Chruschtschow bezeichnet Sacharow später zwar als einen „Kristall der Moralität“ unter den Wissenschaftlern des Landes, teilt ihm aber mit, dass er mit Rücksicht auf die Interessen der Sowjetunion die Tests weder stoppen könne noch wolle.
Das Jahr 1963 bringt Sacharow endlich einen Teilerfolg. Seine Bemühungen, die Atomwaffentests gänzlich zu stoppen, schlagen zwar fehl. Dennoch wird im August der Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser ( Limited Test Ban Treaty, LTBT ) von den USA, Großbritannien und der Sowjetunion unterschrieben. Chruschtschow ist bereit, ein Abkommen zu unterzeichnen, das eine alte Idee Eisenhowers beinhaltet, unterirdische Tests aus dem Vertrag auszuklammern. Sacharow hatte diesen Vorschlag einer seiner Mitarbeiter an das Politbüro weitergeben. Frankreich und China sind die einzigen Atommächte, die den LTBT nie ratifiziert haben. Bis heute ist der LTBT nicht durch ein allumfassendes Verbot von Kernwaffentests ( Comprehensive Test Ban Treaty, CTBT ) ersetzt worden, obwohl ein solches bereits seit 1993 verhandelt wird und ein entsprechendes Abkommen bereits von 150 Staaten ratifiziert wurde.

Dissident

Samizdat bezeichnete in der Sowjetunion, später auch in anderen sozialistischen Staaten, die Verbreitung von nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen (durch Handschrift, Abtippen oder Fotokopie) und das Weitergeben der so produzierten Exemplare.
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Sacharow äußert sich weiterhin kritisch gegenüber der Politik der Sowjetunion. Zunächst bleibt sein Engagement gegen das Demokratiedefizit in seinem Land weitgehend unbeachtet. Im Juli 1968 aber steht er erstmals im Licht der Weltöffentlichkeit. Die New York Times druckt seine „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“, die der Zeitung durch dissidentische Kanäle, den Samizdat , zugespielt werden. In diesem Aufsatz klagt Sacharow die inneren Missstände der Sowjetunion an. Ebenso verurteilt er die Außenpolitik der US-Regierung in Vietnam und setzt sich für eine weltweite Abrüstung ein. Die Sowjet-Regierung entzieht ihm daraufhin sämtliche Privilegien und vertraulichen Projekte. Sacharow gilt fortan als „Dissident“ und findet sich unter anderem in der Gesellschaft Alexander Solschenizyns („Archipel Gulag“, Nobelpreis für Literatur 1970) wieder. Dieser schlägt Sacharow trotz erheblicher privater Differenzen für den Friedensnobelpreis vor. Sacharow erhält den Preis tatsächlich im Jahr 1975. Seine Frau Jelena Bonner nimmt ihn stellvertretend entgegen, denn er selbst darf nicht ausreisen. Jelena Bonner ist seine engste Mitstreiterin im Kampf für Menschenrechte. Die beiden arbeiten in Moskau für den Internationalen Helsinki-Verein („Moskauer Helsinki-Gruppe“), der über die Einhaltung der Menschenrechte gemäß der KSZE-Schlussakte von 1975 wacht.

Im Exil

Im Dezember 1979 marschiert die Sowjetunion in Afghanistan ein. Ein Stellvertreterkrieg beginnt, der zehn Jahre dauern wird. Sacharow protestiert und wird im Januar 1980 vom KGB verhaftet. Er steht von nun an unter Hausarrest im entlegenen Gorki (heute Nischni Nowgorod). Der KBG überwacht jeden seiner Schritte und geht im Haus der Sacharows ein und aus. Bis zum Rückruf Sacharows nach Moskau durch Michail Gorbatschow vergehen sieben schwere Jahren, während derer sich der Bürgerrechtler rastlos für Freunde und Mitstreiter einsetzt. Eine medizinisch unbedingt notwendige Auslandsreise für seine Frau erzwingt er durch einen Hungerstreik. Erst 1988 wird sein Ausreiseverbot aufgehoben. In New York trifft Sacharow noch im selben Jahr mit Präsident Reagan zusammen - und versucht vergeblich, diesen zur Aufgabe der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) zu bewegen.

Mitglied im Volksdeputierten-Kongress

Danke, Andrej Sacharow. East Side Gallery, Berlin
Danke, Andrej Sacharow. East Side Gallery, Berlin

Im April 1989 wurde Sacharow in das neue Parlament der Sowjetunion gewählt. Er trat seine Arbeit als Abgeordneter im Mai an. Zu Gorbatschow hielt er wegen dessen „halbherziger“ Entscheidungen Distanz. Das Parlament war mit dem Entwurf einer neuen Verfassung betraut worden, an dem sich Sacharow als Fürsprecher einer konstitutionellen Demokratie maßgeblich beteiligte. Am 14. Dezember 1989 kam Sacharow nach hitzigen Debatten im Parlament nach Hause, um sich kurz auszuruhen und sich anschließend auf den folgenden Tag vorzubereiten. Kurz darauf sollte ihn seine Frau Jelena tot auffinden. Im Alter von 68 Jahren erlag Andrej Sacharow einem Herzinfarkt.

Sacharows Vermächtnis

Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) war eine Folge von blockübergreifenden Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konfliktes.
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Das Europäische Parlament beschloss 1988 die Einrichtung des Sacharow-Preises für Geistige Freiheit, mit dem seither jährlich Einzelpersonen oder Organisationen gewürdigt werden, die sich in besonderem Maße für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen.
2009 ging der Preis an die russische Bürgerrechtsorganisation Memorial und insbesondere an deren Mitarbeiterin Alexejewa, letztere selbst eine Weggefährtin Sacharows und Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe. Memorial klagt an: Kritische Stimmen werden auch im heutigen Russland schnell zum Verstummen gebracht.
Darüber hinaus scheint die Abrüstung ins Stocken zu geraten: Der Vertrag zur Verringerung der Strategischen Nuklearwaffen START I ist am 5. Dezember ausgelaufen. Ein Nachfolgevertrag war lange von den Partnern USA und Russland angekündigt worden, konnte aber bisher noch nicht abgeschlossen werden. Diplomaten sprechen von einem möglichen Vertragsschluss vor Ende des Jahres - unklar bleibt aber, wann die Präsidenten unterzeichnen werden. Auch hatte Barack Obama während seines Wahlkampfes die noch ausstehende Ratifizierung des CTBT zu einem seiner vorrangigen Ziele erklärt. Diesem Versprechen müssen nun Taten folgen.
Dennoch: Befürworter der nuklearen Abrüstung sind offensichtlich weiterhin gute Kandidaten für den Friedensnobelpreis.


Beitrag von Friederike Brendel.
Bildquellen in Reihenfolge: Wikipedia Commons, Public License; Wikipedia Commons (Quelle Bundesarchiv, Autor: Thurn, Joachim F.)

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Zur Person

Friederike Brendel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Mikroelektronik und Photonik in Grenoble, Frankreich. Sie ist außerdem Mitglied von Euroscience, einer interdisziplinären europäischen Vereinigung von Wissenschaftlern mit Sitz in Straßburg.

Literatur

  • Andrej Dimitrijewitsch Sacharow: Mein Land und die Welt . Molden, Wien/München/Zürich 1975
  • Andrej Sacharow: Mein Leben . Piper, München 1991
  • Jelena Bonner: In Einsamkeit vereint. Meine Jahre mit Andrej Sacharow in der Verbannung . Piper, München 1986
  • Richard Rhodes: The Making Of The Atomic Bomb . Touchstone, New York 1986
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