Leidest Du noch, oder deprimierst Du Dich schon?

Bei der Depression dürfen wir nicht nur auf das kranke Individuum schauen. Wir müssen auch die gesellschaftlichen Ursachen des Leidens erkennen. Um die Depression zu bekämpfen, fordern viele eine bessere Diagnostik und therapeutische Versorgung. Der psychiatrische Blick übersieht jedoch die gesellschaftlichen Ursachen und die politische Dimension depressiver Symptome. Das darf so nicht bleiben.

Seit gut einem Jahr ist die wirtschaftliche Depression unser Thema. Seit dem Suizid von Robert Enke steht nun die psychologische Depression zur Debatte. Psychiater und Epidemiologen schätzen, mindestens fünf Prozent aller EU-Bewohner seien depressiv. Das entspricht 25 Millionen Menschen. In den USA ist die Zahl ambulant behandelter Depressionen von 1987 bis 1997 um 300 Prozent gestiegen. Manche Forscher meinen, die Depression werde bis 2020 weltweit zweitwichtigste Ursache eines frühzeitigen Todes. Die Rede ist von einer „Volkskrankheit“ mit epidemischen Ausmaßen.

Die Schlussfolgerung dieser Tage lautet: Depressionen dürfen nicht verharmlost werden. Sie sind lebensgefährlich. Und wir müssen Abhilfe schaffen. Durch bessere Angebote der Gesundheitsförderung, höhere Psychotherapeutendichten, kürzere Wartelisten, individuell abgestimmte Behandlungspläne und Medikationen, Anlaufstellen für Angehörige und so weiter. Und durch die aktive Beteiligung des einzelnen, wie uns die Handbücher der kognitiven Verhaltenstherapie lehren. Darunter fallen beispielsweise das Pflegen von Sozialkontakten, Sport, Bewegung und andere Freizeitaktivitäten sowie der Kampf gegen das „negative Denken“, auch durch Beratung und Therapie. Solche Maßnahmen verringern erwiesenermaßen depressive Symptome.

Doch der Blick auf das kranke Individuum sollte nicht blind machen gegenüber den gesellschaftlichen Wurzeln der Depression. Derjenige, der zum Beispiel unter beruflicher Belastung und Stress steht, leidet psychisch besonders. Wer arbeitslos wird, prekär beschäftigt oder überschuldet ist, ebenfalls. Wer in Armut oder sozialer Ausgeschlossenheit lebt, wer eine Trennung, den Tod des Partners oder des Kindes durchlebt oder wer eine körperliche Krankheit bewältigen muss, auch. Was momentan weitgehend ignoriert wird: Psychische Lasten sind nicht gleichmäßig verteilt in unserer Gesellschaft. Daran erinnern uns die derzeit kaum gehörten Gesundheitssoziologen. Die, die unten stehen, trifft es häufiger und es trifft sie härter. Sie haben zudem noch weniger finanzielle, soziale und psychische Mittel, um mit dem Leiden an schwierigen Lebenssituationen fertig zu werden. Niedergeschlagenheit und Verzweiflung fallen nicht einfach so vom Himmel. Sie entstehen in sozialen Zusammenhängen. Und viel häufiger bei den sozial Schwachen als bei den Privilegierten. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern in allen westlichen Wohlfahrtsstaaten.

Wenn wir die Depression angemessen begreifen wollen, müssen wir also über das Individuum hinaus denken. Die historische Zunahme depressiver Symptome hängt mit tiefgreifenden Prozessen des sozialen Wandels zusammen. Mit der Auflösung von traditionalen Gewissheiten und Werten, mit der Individualisierung der Biographien, mit der spätmodernen Notwendigkeit zur Identitätsarbeit. Wir dürfen diese Veränderungen nicht allein als Problem des Individuums betrachten. Sondern als ein Problem unserer Zeit und Gesellschaft. Soll sich grundlegend etwas ändern, brauchen wir sowohl ein Auge für die individuelle Behandlung als auch eines für das gesellschaftliche Handeln. Beispiele: Die massiven Schwierigkeiten, vor denen viele Jugendliche heute beim Übergang in Ausbildung und Job stehen, sind nicht allein durch Berufsinformationszentren und Online-Tools zu lösen. Wir müssen auch neue Wege gehen, um die Chancengleichheit in Bildungsbiographien zu erhöhen und die Identitätsbildung junger Menschen zu fördern. Die psychischen Beschwerden von vielen Arbeitslosen sind nicht allein durch bessere Maßnahmen der Gesundheitsförderung einzudämmen. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Arbeit in unserer Kultur definieren und wie unsere Institutionen und Medien diejenigen behandeln, die keine haben. Die Selbstmorde alleinstehender Senioren in Altersheimen sind nicht allein durch eine verbesserte Verordnung von Antidepressiva zu verhindern. Wir müssen auch neue Wege finden, wie wir die Alten, Kranken und Behinderten auf eine gesunde Weise in unsere Gesellschaft integrieren. Die psychosozialen Belastungen Alleinerziehender sind nicht allein durch mehr Kurse zum Selbstmanagement zu lindern. Wir müssen auch die Anforderungen von Arbeitgebern und Gesellschaft überdenken und bessere Formen institutioneller Unterstützung finden. Kurzum: Dem historischen Anstieg depressiver Symptome müssen wir als Gesellschaft begegnen weil er tief in den sozialen Verhältnissen unserer Zeit wurzelt.

Es wäre fatal, diese Aufgabe allein Gesundheitssystem und Psychiatrie zu überlassen. Nach der Devise: „Damit sollen sich die Experten befassen.“ Denn das Gesundheitssystem wie die Profession der Psychiater und Therapeuten sind leider oft betriebsblind für den Anteil der Gesellschaft am individuellen Leiden. Ziel der Psychiatrie ist, den einzelnen Patienten zu heilen und nicht die Gesellschaft. Sie definiert zudem, was überhaupt eine Depression ist. Und in den letzten 30 Jahren erklären Psychiater menschliches Leiden immer häufiger zur „Krankheit“, immer öfter werden auch verständliche Sorgen zu „psychischen Störungen“ gemacht. Dies liegt an den aktuellen psychiatrischen Klassifikationssystemen, die viel mehr als früher auch normales Leid als Krankheit betrachten. Niedergeschlagenheit und Trauer werden auf diese Weise immer rascher mit dem Etikett „depressive Störung“ versehen und therapeutisch behandelt. Soziologen wie Alan Horwitz und Jerome Wakefield sprechen darum auch vom „Verlust der Traurigkeit“. Es ist natürlich richtig und moralisch geboten, leidenden Menschen zu helfen – und mehr Menschen als je zuvor sind hilfsbedürftig. Aber ist jedes Leiden eine psychische Krankheit? Wenn ich wegen dauerhaften Mobbings auf dem Arbeitsplatz extrem niedergeschlagen bin, wegen Arbeitslosigkeit apathisch, wegen einer Trennung zwei Monate lang voll Trauer – bin ich dann „psychisch krank“? Wie „gestört“ ist es, an einer Lebenslage zu leiden? Und wie „normal“? Häufig pathologisiert der psychiatrische Blick somit eigentlich normale Reaktionen auf soziale Belastungen. Therapeuten heilen dann den einzelnen Patienten. Und übersehen, dass sein Leid sozialen Ursprungs ist.

Die Arbeit von Psychiatern und Therapeuten ist lebensrettend. Doch sie ist nicht genug. Wie die wirtschaftliche Depression fordert auch die psychologische Depression unsere Gesellschaft als Ganze – und damit die Politik. Die Psychiatrie macht sich mit ihrer Pathologisierung nolens volens zur politischen Akteurin. Denn je kränker sich eine Gesellschaft selbst erscheint, desto mehr ist sie politisch ruhiggestellt. Wenn wir unsere Probleme allein unserer gestörten Psyche zuschreiben, gehen wir zum Therapeuten und nicht auf die Straße. Wenn wir unser Seelenheil nur bei uns selbst vermuten, kümmern wir uns um die private und nicht um die öffentliche Sphäre. Die Pathologisierung des einzelnen führt auf diese Weise zur Entpolitisierung des Ganzen. Wir benötigen aber auch eine Diagnose und Therapie unserer Gesellschaft.

Beitrag von Benedikt Rogge.
Bildquellen in Reihenfolge: Kevin-Dooley [M]

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Zur Person

Benedikt Rogge , Soziologe und Psychologe, forscht an der Universität Bremen im Bereich Soziologie der Gesundheit und des Wohlbefindens, derzeit vor allem zu den Folgen von Arbeitslosigkeit für Identität und psychische Gesundheit der Betroffenen.

Literatur

  • Alan Horwitz, & Jerome Wakefield (2007). The loss of sadness. How psychiatry transformed normal sorrow into depressive disorder. Oxford.

Kategorien

Themen: Gesellschaft | Psychologie
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