Das Kreuz der Symbole. Von Osterreitern und Kreuzträgern

Osterreiter in Wittichenau In der Lausitz begehen die Sorben mit dem Osterreiten das Osterfest mit einem jahrhundertealten christlich-heidnischen Brauch. Können solche Traditionen uns auch heute noch zu neuen Lebensentwürfen inspirieren?

Tief im Osten der Republik, von Vielen kaum mehr wahrgenommen, lebt in der Lausitz, in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg, das kleine slawische Volk der Sorben.
Als ethnische Minderheit in Deutschland trotzte es allen Zeiten mittels seiner Sprache und Kultur. Dabei ist es durchaus nicht einig, besitzt sogar zwei Sprachen, das Ober- und Niedersorbische, mit Bautzen und Cottbus zwei Siedlungsschwerpunkte und zwei Konfessionen. Bei den katholischen Sorben nord-westlich von Bautzen haben sich Sprache und Bräuche noch nachhaltiger erhalten, so dass sich hier einer der populärsten Brauchtumsvollzüge mit großer Symbolkraft und starker Ausstrahlung beobachten lässt – das Osterreiten. Dabei kam es im Laufe der Jahrhunderte zu einer Vermischung von slawisch-heidnischen und christlichen Symbolen, die erkennen lässt, dass Tradition immer auch Veränderung bedeutet.

Der Ostersonntag

Sorben/Wenden
Die Doppelbezeichnung Sorben/Wenden trägt der Tatsache Rechnung, dass sowohl der Begriff „Sorbe“ als auch „Wende“, obwohl sie das Gleiche bezeichnen, eine unterschiedliche Geschichte haben.
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Der Ritt ist mit zahlreichen Vorbereitungen verbunden. Nachdem sich die Männer innerlich durch die Beichte und äußerlich in Form festgelegter Kleidung – Frack, Zylinder und Stiefel – für den Tag vorbereitet haben, versammeln sie sich um fünf Uhr morgens zur Reitermesse. Danach reiten Männer aus den umliegenden Dörfern in ihren Kirchort und reihen sich in festgelegter Folge mit zum Prozessionszug. Das erste Reiterpaar trägt die Kirchenfahnen. Der Ortspfarrer überreicht dem Kreuzträger das mit einer weißen Stola geschmückte Kruzifix. Dabei bittet er, nach altem Brauch von der Auferstehung des Herrn zu künden und der Nachbargemeinde die Osterbotschaft zu überbringen. Im weiteren Vollzug werden dreimal die Kirche und der dazugehörige Friedhof umritten. Nach der Aussegnung begibt sich die Reiterprozession auf den Weg in die benachbarte Kirchgemeinde. Dieser Weg ist historisch gewachsen und wird von Ostergesängen begleitet. Am Ortseingang werden sie von dem dortigen Pfarrer empfangen und umreiten wiederum dreimal die dortige Kirche und den Friedhof. Nach Überbringung der Osterbotschaft werden sie von den Gastgebern bewirtet, reiten in ihre Heimatgemeinde zurück und umrunden noch einmal in dreimaliger Folge Kirche und Friedhof. Dabei wird ein anderer Weg eingeschlagen, so dass ein Kreis gezeichnet wird. Parallel zu dieser Prozession verfährt die Partnergemeinde. Beide Prozessionen dürfen sich nicht begegnen, folgen allerdings exakt den gleichen Strecken. Auf dem Dorf- bzw. Marktplatz wird zum Beschluss des Tages das Abschlussgebet gesprochen.

Zeichen und Symbole

Das Hauptsymbol, das der Prozessionszug vor sich trägt, ist das Kreuz, obersorbisch křiž . Daher bezeichnen sich die Obersorben auch als křižerjo , „Kreuzträger“. Der sorbische Begriff beinhaltet also eine genauere Beschreibung der sakralen Handlung als der deutsche, nämlich das Symbol des auferstandenen Messias als Inbegriff der Osterbotschaft zu überbringen.

Symbol
Das Wort kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bezeichnet einen in zwei Teile auseinander gebrochenen Gegenstand.
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Bereits aus vorchristlichen Zeiten sind Flurumgänge bekannt, auf deren Wurzeln auch das Osterreiten fußt. Die Männer umschritten das Dorf mit allen ungrenzenden Feldern, um den Winter zu vertreiben und das neue Wachstum zu sichern. Gleichzeitig wurde von den Stammvätern ein magischer Kreis um ihren Besitz gezogen, dieses somit gesichert und vor unheilvollen Einflüssen geschützt. Auch das Osterreiten wird ausschließlich durch Männer ausgeübt. Der Mann als der Ernährer und Beschützer der Familie spielt hier genauso eine Rolle, wie die tradierte Funktion des Familienoberhauptes. Die Gesänge der Osterreiter, durch die sie die christliche Osterbotschaft weitergeben, dienen gleichzeitig als Gegenpol zum vorösterlichen Fasten und Schweigen.

Mann und Frau – In der aus mythischen Zeiten nachwirkenden Geschlechterpolarität wird keine Wertigkeit ausgedrückt. Es handelt sich um die Ergänzung von zwei Gleich–Gültigen. Der Mann steht dabei für Außen und Weite, Energie, Tapferkeit und Gewalt. Während der Mann in der Gemeinschaft der anderen Reiter den Osterbrauch vollzieht, obliegen der Frau andere Aufgaben. Sie kümmert sich nicht nur um die Ausstaffierung von Pferd und Reiter, wie Kleidung und bestickte Schleifen, sondern empfängt die Reiter aus der Nachbargemeinde und bewirtet diese.

Der Zentralcampus im Frankfurter Westend
Osterreiter mit Geistlichen bei der Umrundung des Marktplatzes in Wittichenau

Gesang – Was für Mann und Frau als getrennte, aber ebenso nur miteinander verstehbare Erfahrungen gilt, gilt ebenso für die beiden Pole Schweigen und Reden. Das Singen der Osterreiter das Gegenstück zum Schweigen. Es hat eine beschwörende Komponente, die sich in ihrem Urvollzug durch einen ununterbrochenen, kontinuierlichen Gesang während des Umrittes beziehungsweise -ganges äußert. Solange der zu umschreitende magische Kreis nicht vollständig gezogen ist, darf nicht geschwiegen werden. Sonst würde eine Lücke entstehen, durch die störende und schädigende oder gar vernichtende Kräfte eindringen könnten. Die Auffassung des kirchlichen Gesanges, dessen Wurzeln in der Begleitung von Kulthandlungen liegen, beinhaltet als Glaubensausdruck wesentlich die aktive Teilnahme der Gläubigen. So finden sich auch hier Überlagerungen in der Bedeutung der Symbolhandlungen.

Fahnen – Die Geschichte der Fahnen ist im Eigentlichen eine kriegerische. Fahnen wurden hauptsächlich als Sieges- und Hoheitssymbole verwendet, aber auch als Göttersymbol und -attribut. Das in der christlichen Osterikonographie vorkommende Lamm stellt den Sieg über den Tod und die Mächte der Finsternis dar und symbolisiert die doppelte Realität von Opfer und Sieger. Fahnen sind in diesem Zusammenhang vom Christentum eingeführte Symbole .

Kreuz – Gleiches gilt für das mitgeführte Kruzifix. Es verkörpert den gekreuzigten Gottessohn. Im christlichen Glaubensvollzug bedeutet das Kreuz die letzte Treue Jesu zu seiner Sendung. Das Kreuz mit dem Gekreuzigten stellt den Tiefpunkt, die Zusammenfassung und gleichzeitig den Höhepunkt seiner geschichtlichen Existenz und den neu besiegelten Bund Gottes mit dem Menschen dar. Auf der anderen Seite nutzt die christliche Symbolik mit dem Kreuz ein Zeichen, das eine lange Geschichte und Tradition besitzt. Das Kreuz ist als Symbol älter als das Quadrat, aber beinhaltet ebenso die Zahl vier. Diese symbolisiert im Vergleich zur drei, die das Gottessymbol und Symbol der Vollkommenheit und der Vollendung ist, die Jahreszeiten, die Temperamente, die Himmelsrichtungen, die Evangelisten. Sie ist die traditionelle Zahl des irdischen Universums. Die zweifache Verbindung diametral entgegengesetzter Punkte ist das Sinnbild der Einheit von Extremen, als da wären Himmel und Erde, Gott und Mensch, Reden und Schweigen, Mann und Frau.

Das Kreuz verweist somit auf Inhalte der mythischen Struktur als die unbedingte Polarität des Lebens. Im Kreuz verbinden sich Raum und Zeit. Es ist ein Symbol der Mittlung und gleichzeitig des Mittlers. Das Kreuz in seiner Variante als vierspeichiges Rad ist ein vorchristliches Licht- und Sonnensymbol und Symbol des Jahres- und Lebenslaufes. Das Kreuz ermöglicht in seiner unmittelbaren und übertragenen Symbolik dem Menschen Orientierung in Raum und Zeit.

Vermischte Ebenen

Der Zentralcampus im Frankfurter Westend
Osterreiter bei der Rückkehr

In der Symbolhandlung des Osterreitens wehen Elemente einer magischen und mythischen Bewusstseinsebene des Menschen nach. Die Elemente der magischen Struktur bestehen in der Ich-losigkeit des Osterreiters und dessen Eingebundensein in das Gruppen-Wir. Der Vollzug ist nur in Gemeinschaft möglich. Der Osterritt beginnt im Schutze der Dunkelheit mit der Morgenmesse. Hier kommen gleichzeitig die Momente der mythischen Struktur zum Tragen, denn der Ritt findet am Tage seinen Fortgang. Das Symbol dieser Struktur ist der Kreis. Das Ineinander-Übergehen von Anfang und Ende in Form von Winter und Frühling, aber auch Kreuzigung und Auferstehung sind Darstellungen des Lebensrades.

Schweigen und Reden gehen etymologisch auf denselben Stamm zurück, der dem Wort Mythos zugrunde liegt und eine Polarität ausdrückt. Die unterschiedlichen Besetzungen der Frauen- und Männerrollen sind ebenfalls polare Momente der mythischen Struktur. Frauen und Männern fallen verschiedene Bereiche und Aufgaben zu. Diese sind nicht hierarchisch zu sehen: Es sind sich ergänzende und bedingende Bereiche, aber genauso unterschieden und getrennt. Selbst der Begriff Symbol bezeichnet das Zueinandergehören von zwei Teilen, die nur miteinander Bedeutung erlangen. Betrachtet man die Vermischung der tradierten rituellen Symbolhandlungen, ergeben sich interessante Schlüsse. Der erste ist die Verabschiedung von dem Ideal einer kulturellen Reinheit. Man kann weder von „rein“ slawischen oder sorbischen, noch heidnischen oder gar christlichen Vollzügen sprechen. Auch wenn ein Symbol oder seine Bedeutung ein anderes überdeckt, ist es eben nur ein Überdecken. Was dahinter steht, ist der Drang des Menschen nach kräftigen und heiligen Bildern, nach Sakralität.

Die Übernahme von neuen Symbolen gilt als Akt des Eingeständnisses, dass alte Symbole nicht mehr wirken. Die im Zuge der Christianisierung übernommenen Symbole und Glaubensinhalte wurden sicherlich nicht ausschließlich aus diesem Grund aufgenommen, jedoch zeugen sie von der Fähigkeit des Menschen, sich neuen Bedingungen anzupassen, ohne sich selbst komplett aufzugeben. Lässt man den geschichtlichen Aspekt außer Acht, so bemerkt man eine neuerliche Symbolabnahme. An die offene Stelle treten nicht selten Banalitäten, Ersatzsymbole einer entsakralisierten Zeit. Denn worauf auch diese abzielen, ist das Empfinden des Besonderen und das Einssein mit ihm, eine tiefe menschliche Sehnsucht nach wirkenden und heiligen Bildern. Doch sie besitzen weder die Kraft der heiligen Symbole noch die Feierlichkeit der sakralen Räume. Sie sind in ihrem Inhalt profan.

Vermischte Zukunft?

Der Zentralcampus im Frankfurter Westend
Osterreiter in Wittichenau

Ist es möglich, durch lebendige Traditionen, die voller Symbolkraft sind, zu sinn haften Lebensentwürfen zu finden? Gemeint ist nicht der Ruf nach alten Zeiten, sondern das Bearbeiten von vermischten und vermischenden Elementen. Dass sich alle Kulturen dieser Erde verändern, ist unbestreitbar. Es kommt zu Vermengungen, Verwerfungen, Lernprozessen und auch zum Nebeneinander von Verschiedenheiten.
Ein Gewahrwerden der eigenen, oft überdeckten Symbolmomente in Verbindung mit den Erfahrungen einer globalisierten Welt, ließe neue Räume entstehen, deren Grundlagen sich in den speziellen Erfahrungen einer Minderheit erhalten haben und deren Reflektion über das Vergangene hinausgeht.

Beitrag von Robert Langer.
Bildquellen in Reihenfolge: Robert Langer (3)

Zur Person

Robert Langer (Jg. 1973) studierte Slavistik, Philosophie und Germanistik in Berlin und Dresden.

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