Auf den Strohhund gekommen

John Gray: „Von Menschen und anderen Tieren“ In seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Essay Von Menschen und anderen Tieren verabschiedet John Gray mit großer Geste die Moderne, liebäugelt mit dem Taoismus und empfiehlt seinen Lesern Zoobesuche.

John Gray hat ein eigentümliches Buch geschrieben. Zu Beginn seiner glänzenden akademischen Karriere ein überzeugter Vertreter des Neoliberalismus, zerpflückt der emeritierte Professor für Europäische Ideengeschichte (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Autor eines trivialpsychologischen Longsellers) seit zwei Dekaden alles, was Marktgläubigen und Fortschrittsaposteln lieb ist. Auch sein jüngst auf Deutsch erschienener Essay Von Menschen und anderen Tieren macht da keine Ausnahme. Die streitbare Schrift fügt Grays literarischem Farewell der Moderne weitere kräftige Striche hinzu. Propagiert wird nicht weniger als der Abschied vom Humanismus , das heißt von der westlichen Utopie, die Welt werde am Wesen des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts genesen. Für Gray verbirgt sich dahinter kein überzeugendes Programm, sondern der säkularisierte Rest des Christentums: Die so unstillbare wie unerfüllbare menschliche Hoffnung auf Erlösung.

Vier Kardinalirrtümer habe das Christentum den Jüngern des Humanismus vererbt, meint Gray: Die anti-darwinistische Ansicht, der Mensch sei vom Tier unterschieden und, obwohl ein Zufallsprodukt der Evolution, mit freiem Willen begabt. Ferner die egozentrische Überzeugung, das Ziel des Lebens sei es, die Welt nach eigenen Maßstäben umzubauen, und schließlich der naive Glaube, Wissensfortschritt gehe Hand in Hand mit Menschheitsfortschritt. Gray, der ein zyklisches Geschichtsmodell vertritt, rechnet eher mit dem Gegenteil. Über kurz oder lang werde es „Homo rapiens“, dem raffenden Primaten, gelingen, seinen Heimatplaneten mit Hilfe der Technik in die Epoche des „Eremozoikums“ zu überführen – das Zeitalter der Arteneinsamkeit, in dem außer dem Menschen und seiner prothetischen Umwelt kaum noch etwas anderes existiert.

„Die Erde wird die Menschheit vergessen. Das Spiel des Lebens wird weitergehen“

Wahrscheinlich, so spekuliert Gray, reguliert sich das System Erde aber vorher selbst, indem es sich seine humanoiden Parasiten rechtzeitig vom Hals schafft. Und es tut gut daran, wenn man Gray Glauben schenkt: Wissenschaft und Technik – sind zutiefst ambivalent, unkontrollierbar, autonom und letztlich zerstörerisch; Wirtschaft – errichtet einen gigantischen Vergnügungskosmos, in dem massenhaft Arbeitslose mit künstlich erzeugten Bedürfnissen bei Laune gehalten werden müssen; die moderne Philosophie – eine Handlangerin im Dienste des Fortschrittsglaubens; unsere Moral – eine bloße Scheinwelt, deren Hauptnutzen es ist, Laster reizvoller erscheinen zu lassen; der Mensch – nur ein in Illusionen befangener „Strohhund“ (so Gray mit Laotse), in die Irre geführt von einem oberflächlichen, fragmentierten Ich-Bewusstsein, das selbst in Meditationskursen oder im Kloster keine Ruhe findet.

In diesem Tempo geht es munter weiter und bisweilen recht grob. Wer etwa John Rawls prominente Theorie der Gerechtigkeit als „fromme[n] Kommentar zu konventionellen Moralanschauungen“ abkanzelt, dürfte sich in Fachkreisen kaum viele Freunde machen. Noch herablassender behandelt Gray nur das Christentum. Doch auch der Buddhismus kommt bei ihm nicht gut weg. Man könnte fast meinen, Gray habe eine jener anthropofugalen Weltuntergangsopern komponiert, die uns in regelmäßigen Abständen zu Ohren kommen, eine Weile unsere Angstlust stimulieren und schließlich sanglos verklingen. Von den durchaus reichlich vorhandenen Misstönen sollte man sich jedoch nicht abhalten lassen, Grays Vivisektion der humanistischen Hybris bis zum Ende durchzustehen. Denn sein Buch bietet alles, was man von einer brillanten Streitschrift erwartet: Souveränität, Ironie, tiefe Einsichten und funkelnde Aphorismen.

„Gesellschaften, die auf einem Fortschrittsglauben gegründet sind, können sich mit dem ganz normalen Unglück des menschlichen Lebens nicht abfinden“

Sein anatomischer Blick in die Unterwelt der Moderne mag stechend erscheinen. Doch das mindert nicht zwangsläufig seine Überzeugungskraft. So ist die These, Modernisierungstheorien seien „pseudowissenschaftliche Idealprojektionen der Aufklärung“, die uns nichts über die Zukunft, wohl aber etwas über unser eschatologisches Weltbild verraten, ebenso luzide wie die Feststellung, Todeslager seien nicht weniger modern als Lasertechnologie. Und zweifelsohne trifft Gray ins Schwarze, wenn er die westliche Welt als eine Lebensform charakterisiert, die in panischer Vorwärtsbewegung versucht, die unabänderlichen Tatsachen des Lebens zu verdrängen: dass menschliches Leben triebhaft, nicht selten leidvoll und todsicher vergänglich ist.

Gray sieht die moderne Gemeinde der Wissenschafts- und Geschichtsgläubigen in den Denkkonventionen ihrer Epoche gefangen. Dass und wie er einige dieser Konventionen aufspießt und infrage stellt, macht den Reiz seines Essays aus, selbst dann, wenn manche Graysche Erkenntnis keinen Neuigkeitswert mehr hat. Man kann aus diesem schmalen Bändchen durchaus einiges lernen, zumal es nicht bei der Diagnose endet und ein Gegenprogramm zum modernetypischen Steigerungswettlauf skizziert. So plädiert Gray – allerdings ohne konkret zu werden – zuallererst für eine Reduktion der Weltbevölkerung, deren Explosion er für den Fortschrittszwang der Moderne verantwortlich macht: „Solange die Weltbevölkerung weiter wächst, wird Fortschritt darin bestehen, mit diesem Wachstum Schritt zu halten.“

Zu Zeiten, in denen sich die Umrisse neuer „Klimakriege“ (Harald Welzer) um knappe Ressourcen wie Ackerland und Wasser bereits deutlich am Horizont abzeichnen, ist das keineswegs zynisch. Angelehnt an Arthur Schopenhauer, Grays Kronzeuge für eine von ihren Illusionen befreite Menschheit, verficht der Zivilisationskritiker eine pragmatische Ethik des Mitgefühls, die den Menschen nicht länger als Krone, sondern als biophilen Teil der Natur versteht. Von Wittgenstein inspiriert, ja geradezu idealtypisch analytisch mutet Grays philosophisches Programm an: „In früheren Zeiten waren die Philosophen auf Seelenfrieden aus, während sie nach außen hin vorgaben, nach Wahrheit zu streben. Vielleicht sollten wir uns ein anderes Ziel setzen: herauszufinden, welche Illusionen wir entbehren und welche wir niemals abschütteln können. Wir werden nach wie vor Wahrheitssuchende sein, und zwar in noch stärkerem Maße als in der Vergangenheit, uns aber nicht länger an die Hoffnung auf ein illusionsfreies Leben klammern. Unser Ziel wird fortan sein, uns über unsere unüberwindlichen Illusionen klar zu werden. Von welchen Unwahrheiten können wir lassen, und auf welche können wir keinesfalls verzichten? Das ist die Frage, das ist das Experiment.“

Mit dem chinesischen Meisterdenker Zhuangzi (Tschuang-tse) verordnet Gray seinen Mitmenschen außerdem taoistisch inspirierte Gelassenheit und eine Spontaneität, die nicht wie die moderne Unrast darauf aus ist, alles in die Tat umzusetzen, was nur irgendwie möglich ist. Anstatt mit Hilfe spiritueller Praktiken nach Befreiung vom irdischen Leiden zu suchen, empfiehlt Gray, sich ganz von der Sinnsuche zu verabschieden und lieber in den Zoo zu gehen: „Wer aus dem Solipsismus des Menschen wirklich ausbrechen will, sollte sich nicht an Orte der Leere begeben. Anstatt in die Wüste zu fliehen, die ihn auf die eigenen Gedanken zurückwirft, sollte er besser die Gesellschaft anderer Tiere suchen. Ein Zoo ist ein Fenster, durch das man besser aus der Menschenwelt nach draußen schauen kann als aus einem Kloster.“ Dauerkartenbesitzer für Terrarien oder Unterwasserurlauber wissen, dass da etwas dran ist. Und wer wünschte sich und seinen Mitmenschen nicht einen kräftigen Schuss mehr Mitgefühl mit der gepeinigten Kreatur?

„Echte Spiritualität bedeutet nicht, nach Sinn zu suchen, sondern sich von ihm zu lösen“

Doch trotz aller Hellsichtigkeit hinterlässt Grays Buch einen seltsamen Nachklang. Man kann einem Essay gewiss nicht den Vorwurf machen, er liefere keine kohärente Theorie der Verhältnisse und sei daher oberflächlich und überzogen. Doch leistet sich Gray bei aller offenkundigen Meisterschaft, mit der er sich am europäischen und asiatischen Ideenhimmel bewegt, den überflüssigen Luxus, selbst in die Fallen hineinzulaufen, die er so kraftvoll zertrümmern will.

Nicht nur, dass seine Grundbegriffe auch für einen Wissenschaftskritiker viel zu nebulös sind und selbst einnehmende Thesen mehr hervorgeworfen und illustriert denn ausgeführt werden. Wenn Gray etwa schreibt, Moral sei eine dem Menschen vorbehaltene Krankheit, während die Idee des guten Lebens an die Tugenden der Tiere anknüpften, so dass die Ethik „also“ in der menschlichen Tiernatur wurzele, dann fragt man sich nicht nur, was Tiere, die definitionsgemäß nicht am morbus moralis leiden, wohl unter dem Konzept von Tugenden verstehen mögen. Gray bedient sich mit der Pseudobegründung auch eines billigen rhetorischen Tricks – und das leider allzu oft. Fehlende Argumente werden mit eingängigen Aphorismen überdeckt, potenzielle Entlastungszeugen erst gar nicht gehört. Aber das ist, mag man zugeben, eben ein Vorrecht von Streitschriften. Doch auch von ihnen dürfen wir eine gewisse Stimmigkeit erwarten.

Bei Gray begegnen uns dagegen jede Menge Widersprüche. Menschliche Bedürfnisse, so lesen wir zum Beispiel auf Seite 166, könnten „ganz und gar nicht“ durch Wissenschaft und Technik verändert werden. Sie blieben sich immer gleich. Nur wenig später heißt es dann, die heutige Wirtschaft sei gezwungen, ständig neue zu erfinden. Wie Menschen sich nicht von Tieren unterscheiden sollen, während sie sich Illusionen machen, Glaubenssysteme entwerfen oder in Gelassenheit üben, bleibt einstweilen ebenfalls des Autors Geheimnis. Verblüffend, dass Grays vehemente Kritik am modernen Wissenschaftsglauben ausgerechnet bei den eigenen Steckenpferden, darunter auch der aktuelle intellektuelle Zirkusgaul namens Hirnforschung, Halt macht. Für einen Kulturwissenschaftler eine ziemlich eigentümliche Bilanz.

Schließlich fragt man sich nach diesem gallenschwarzen Parforceritt bange, ob Grays altchinesisch inspiriertes post-modernes Abrüstungsprogramm für ein gutes Leben ausreicht. Kann man das Abenteuer Existenz spielerisch nehmen und sich „bereitwillig dem unwiederbringlichen Moment hingeben“, wenn man mit mehreren Billigjobs tagtäglich ums Überleben kämpft? Ja, ist das Bild, das Gray vom Strohhund Mensch malt, nicht selbst ein eurozentrisches Zerrbild?

Indem es diese und andere Fragen aufwirft, erfüllt Grays zorniges Buch trotz aller eklatanter Schwächen am Ende einen guten Zweck: moderne Selbstgewissheiten zu irritieren. Angesichts der erschreckenden Folgen der menschlichen Herrschaft über die Natur und seinesgleichen kann das gar nicht oft genug geschehen. Was künftig aber wirklich Not tut, ist ein Denken, das die Schattenseiten des „Projekts Moderne“ differenzierter ausleuchtet. Dann eröffnete sich auch wieder ein Raum für die Frage, ob die Existenz der Menschheit nicht doch einen Wert hat, jedenfalls für uns, und unter welchen Umständen wir sie erhalten sollten.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: Klett-Cotta

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Zur Person

Christian Dries ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur von sciencegarden.

Literatur

  • John Gray (2010): Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus. Stuttgart, 246 S., 19,90 Euro.
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