Gelehrtenrepublik und neues Atlantis

United Nations University, Tokio Von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen unterhalten die Vereinten Nationen in Tokio eine Weltuniversität. In einem weiteren Kapitel aus „Mekkas der Moderne“ trifft Hilmar Schmundt auf deren Rektor und dessen Berater.

Wer die Zukunft sucht, pilgert früher oder später nach Tokio. Der unstillbare Zukunftshunger hat hier Tradition. Der Stadtteil Shibuya: Karaokebars, Startup-Firmen, Love Hotels. Supermarktregale, die sich automatisch neu befüllen, sobald sie leer sind. Neonüberflutete Fassaden. Mississippieske Menschenströme. Dazwischen, darüber: eine Pyramide aus Stahl, Glas und Beton, entworfen vom Stararchitekt Kenzo Tange. Eine Zikkurat des Geistes, vierzehn Stockwerke hoch und futuristisch, als sei sie nicht von dieser Welt: Die United Nations University, kurz UNU.

Welche Universität, bitte? Konrad Osterwalder, drahtig, verschmitzt, schweizerdeutscher Singsang, ist derlei Nachfragen gewöhnt. Bislang kennen nur Eingeweihte die UNU. Ihre Buchstaben spricht man einzeln aus, was so klingt wie „You’n’You“. Der Name lädt zu Missverständnissen ein: Über dreißig Jahre lang hatte die vermeintliche Lehranstalt weder Studenten noch regulär unterrichtende Professoren. Sie funktionierte eher als Think- Tank der Vereinten Nationen. Bis zu seiner Pensionierung war Osterwalder Rektor der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, im Sommer 2007 übernahm er die UNU. Seitdem will er aus der UNU eine veritable Weltuni machen – die vielleicht universellste Universität, die es je gab.

Seit 1975 untersuchen UNU-Wissenschaftler, was das globale Dorf zusammenhält und entzweit: Kriege und Friedenseinsätze, Armut und Entwicklungshilfe, Naturkatastrophen und Umweltschutz. Mit derlei Themen befassen sich über 350 Forscher aus rund 100 Ländern an 13 Standorten in aller Welt, von Macao bis Helsinki, von Accra bis Bonn. In seinem Reich geht die Sonne nicht unter. Über 200 Bücher wurden vom hauseigenen Verlag publiziert, viele Nobelpreisträger engagierten sich für die UNU, darunter Ilya Prigogine, Jan Tinbergen, Robert M. Solow, Wassilij Leontief. Doch das Schielen nach der Weltelite bedeutete immer auch einen Interessenskonflikt, wie ein Evaluationsbericht im Jahr 1987 feststellte: Der Exzellenzgedanke kollidiere mit der Idee einer gewissen Breitenwirkung. Die Pyramidenform des Gebäudes soll beides verbinden: eine breite Basis und eine hohe Spitze.

United Nations University, Tokio
United Nations University, Tokio

Ganz oben auf der Wissenspyramide residiert Osterwalder in einer geräumigen Penthousewohnung. Vom Frühstückstisch aus kann er an klaren Tagen den schneebedeckten Gipfel des Fujisan in der Ferne funkeln sehen, lange bevor die ersten Sonnenstrahlen in die Hochhausschluchten von Tokio dringen. Die Wohnung ist eigentlich ein umbautes Nichts, ein Glashaus ohne Zentrum, denn in der Mitte liegt der Lichtschacht des Gebäudes. Wenn er vom Wohnzimmer zur Privatbibliothek will, muss er über Glasgänge das lichte Loch umkreisen. Im Winter ist der Gipfel des Weltgeistes schwer zu heizen, im Sommer wird es brütend heiß im transparenten Glaskäfig. Vom Hochhaus nebenan können die Nachtclubgäste verfolgen, mit wem Osterwalder auf dem Sofa sitzt. Überhaupt, das viele Licht: Eine schöne Metapher, aber zum Arbeiten furchtbar unpraktisch. Viele Büros sind mühsam verhängt, weil sie zu hell sind für die Arbeit am Computer.

„Good morning, Rector“, sagt seine Assistentin, bringt einen Espresso und überreicht ihm einen akribisch ausgearbeiteten Terminplan: der tägliche Meeting-Marathon mit Ministern und Medienbossen, Direktoren und Diplomaten, Honoratioren und Höflingen. Schließlich ist er der höchste Repräsentant der Vereinten Nationen in Asien. Osterwalder untersteht direkt dem Uno- Generalsekretär – auf einer Stufe mit den Chefs von Organisationen wie Unesco oder Unicef. Osterwalder ist der oberste Diplomat einer globalen Gelehrtenrepublik; das UNU-Gebäude hat den Status einer Botschaft. Kein Rektor der Welt hat eine solche Machtfülle wie er – aber kaum einer ist auch so hilflos der Politik ausgeliefert.

Die UNU weckt Begehrlichkeiten aus fast allen 192 Mitgliedstaaten der Uno. Doch für die Finanzierung der rund 50 Millionen Dollar Betriebskosten pro Jahr ist sie auf das Wohlwollen der Geberländer angewiesen, allen voran Japan. Und seit die japanische Wirtschaft schwächelt, sinkt die Spendenbereitschaft. Ein Teil der UNU-Räume wurde nach Kuala Lumpur verlegt und in die Nachbarstadt Yokohama. Dort befindet sich auch das Institute of Advanced Studies der UNU – ein Think-Tank innerhalb des Think-Tanks.

Um Verständnis und Geld einzuwerben, muss Osterwalder den Japanern die Weltuniversität als Teil ihres nationalen Erbes schmackhaft machen. Ausgerechnet Japan, das doch so stolz ist auf seine Exotik: als einzigartiges Inselreich, das nicht zu Asien gehört. Als eine der größten Unterstützerinnen der UNU gilt keine Geringere als die japanische Prinzessin Masako, die angeblich sogar ein eigenes Büro im Unigebäude hat, direkt neben dem Büro des Rektors. Osterwalder will diese Indiskretion nicht kommentieren. Unstrittig ist jedoch: Die dienstälteste Herrscherdynastie der Welt ist mit der Zukunft der UNU eng verwoben. Denn das Wohlwollen des Tenno öffnet viele Türen, und ohne Japan keine Weltuni. So einfach ist das. Und so unendlich kompliziert. Unermüdlich trommelt Osterwalder für seine Vision. Deshalb sitzt er auch an diesem Nachmittag in der Chefetage des wohl wichtigsten Fernsehsenders im Inselreich, nur ein paar Blocks entfernt von seiner Wissenspyramide. Der TV-Chef rauscht herein, umgeben von seiner Entourage. Man verbeugt sich, doch dann stockt die Zeremonie: Osterwalder hat seine Visitenkarten vergessen. Ein Hauch von „Lost in Translation“ liegt in der Luft.

Osterwalder ist kein Diplomat. Als die japanische Regierung ihm einen japanischen Vizerektor andienen wollte, soll er kühl geantwortet haben: „Wenn er so gut ist, wie Sie sagen, setzt er sich sicher gegen die Konkurrenz durch.“ Seine mangelnde diplomatische Rücksichtnahme ist Programm – und vielleicht sogar eine Stärke. Immer wieder betont Osterwalder die absolute Unabhängigkeit der UNU, wie sie auch in der Gründungs-Charta steht. „Wenn ich akademische Qualität will, darf ich keine politischen Zugeständnisse machen“, sagt er.

Besonders stolz ist er auf Forschungsberichte aus seinem Haus, die immer wieder unliebsame Wahrheiten formulieren, gerade für die Geberländer: Die Waldbrandpolitik der Industrienationen mit ihren Flotten von Löschflugzeugen sei verfehlt, kritisiert etwa das Global Fire Monitoring Center der UNU in Freiburg und wirbt für einen aufgeklärten Umgang im Sinne einer nachhaltigen „FeuerÖkologie “. Die Bonner UNU-Filiale bemängelt das Greenwashing der Computerindustrie, die so tut, als läge die Lösung bei immer neuen, noch stromsparenderen Geräten – während eine wahre Schrottlawine aus hochgiftigen Computerbauteilen auf wilden Müllkippen in Afrika und Asien landet. Andere Berichte kritisieren die Untätigkeit einiger Länder beim Thema Biopiraterie in Afrika: „Komplexität sollte kein Vorwand für Untätigkeit sein“. Wiederum andere Forscher warnen vor Völkerwanderungen durch Wüstenwachstum. Sogar die eigene Dachorganisation wird von der UNU nicht geschont: die Vereinten Nationen. Ein Bericht schildert zum Beispiel die „unerwünschten Nebeneffekte“ von Blauhelm-Missionen: Korruption und Prostitution.

Osterwalder möchte auch die UNU selbst einer schonungslosen Begutachtung unterziehen. „Ich will ein unabhängiges Evaluationssystem einführen“, sagt er. Einige Forschungsbereiche sollen abgebaut, Kernkompetenzen gestärkt werden. Osterwalder trat 2007 nicht nur als Visionär an, sondern auch als Sanierer. Eine erstaunliche Rolle für einen Wissenschaftler, der ursprünglich aus der theoretischen Physik kommt, Schwerpunkt Mathematik relativistischer Quantenfelder.

Der Marquis de Condorcet
Der Marquis de Condorcet

Sein wichtigster Berater heißt Marie Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet. Freunde nannten ihn den „Condor“, Feinde das „wütende Schaf“. Condorcet ist ein Mitbewohner des Rektors, ein Mathematiker wie er. Sein Aufenthaltsort: einmal quer durch den Glasgang, vorbei am hellen Nichts, in der Privatbibliothek. Stolz zeigt Osterwalder seine historische Gesamtausgabe der Schriften Condorcets in acht Bänden aus dem Jahr 1848. Der Autor wettert darin gegen Zölle und Monopole, wirbt für Freihandel, die allgemeine Schulpflicht, die Gleichberechtigung von Frauen und die Befreiung von Sklaven. Condorcet, 1743 geboren, gilt als einer der Vordenker der Soziologie. Unter Ludwig XV. und seinem Sohn war er Generalinspekteur der staatlichen Münze. Beim Ausbruch der Französischen Revolution vertrat er die Seite der Liberalen. Er trug die Uniform der revolutionären Nationalgarde, bewaffnete sich allerdings nicht mit einem Degen, sondern mit einem Regenschirm. Er warnte die Revoluzzer vor ihrem neuen „Kult der Nation“ und der „Naturanbetung“ als „Gegenteil einer wahren Kultur“. Er verachtete Schulen, die nur der Indoktrination der Kinder dienen würden statt der „universellen Bildung für alle“. Mit Aufsätzen, Reden und Zeitschriften kämpfte er gegen die Willkür der Jakobiner, ein wütendes Schaf, und beschrieb den Revolutionsführer Robespierre als „falschen Priester.“ Das ist sein Todesurteil. Der Vordenker der Wissensgesellschaft muss in den Untergrund gehen wie ein Terrorist, gejagt vom Terror- Regime. Während Rousseau und Voltaire als Aufklärer vergöttert werden im Panthéon, kriecht der Condor bei einer Freundin unter in der Rue Serandoni, nur einen Kilometer vom Tempel der Nation. Acht Monate lebt er verborgen, getrennt von seiner Frau und seiner Tochter. Fieberhaft schreibt er an seinem Vermächtnis, dem „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des Menschlichen Geistes“, einem Manifest des Fortschrittsglaubens. In zehn Kapiteln beschreibt er den Fortschritt des menschlichen Geistes aus Sklaverei, Aberglaube und Armut bis zur Aufklärung, eine globale Odyssee quer durch Jahrhunderte und Kontinente, geschrieben in einem engen Versteck in Erwartung des Todes. Seine Skizze sei „eine Stätte der Zuflucht, wohin ihn die Erinnerung an seine Verfolger nicht begleiten kann“, so seine letzten Worte: ein „Elysium, das seine Vernunft sich zu erschaffen wusste“. Er weiß, dass er keine Chance hat, und nutzt sie. Zum siebten Hochzeitstag schickt er ein Liebesgedicht an seine Frau.

Und bittet sie um die Scheidung, um sie vor der Sippenhaft zu bewahren. Im März 1794 taucht ein Spitzel in seinem Versteck auf, übereilt geht Condorcet auf die Flucht, zu Fuß, ohne Papiere, schwer krank. Er übernachtet in Büschen und Steinbrüchen, drei Tage später wird er festgenommen, kurz danach tot in seiner Zelle aufgefunden. 1989 wird er feierlich ins Panthéon aufgenommen, zum 200. Jahrestag der Revolution, die nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Väter gefressen hat: Sein Sarg ist leer, sein Leichnam verschollen bis heute.

„Condorcet ist in die Mühlen der Politik geraten“, sagt Osterwalder in seinem Büro in Tokio. Er selbst dagegen hofft, diese Mühlen zur Verwirklichung von Condorcets Vermächtnis zu nutzen. Offiziell beträgt seine Amtszeit nur fünf Jahre, aber sein internes Strategiepapier trägt den Titel „UNU 2020“. Seine Inspirationsquelle: der letzte Aufsatz des Condors mit dem Titel „Fragment über Atlantis“. Darin skizziert Condorcet eine „universelle Republik der Wissenschaften“, basierend auf einer mathematischen Grundannahme: Je mehr Menschen gebildet sind, desto mehr „verfügbare Wahrheiten“ gibt es. Wissen gebiert Wissen, exponentiell. Der Topos eines neuen Atlantis ist uralt, schon Platon, Thomas Morus, Campanella hatten Gelehrtenrepubliken beschrieben, und damit so etwas wie frühe Vorläufer der Science Fiction. Doch Condorcet war nicht nur Visionär, sondern auch kühler Planer: Er skizzierte bereits Mechanismen für die Rekrutierung der besten Köpfe, der Finanzierung, der Logistik. Sein Proposal für eine Weltuniversität umfasste die Erforschung der Seuchenprävention, Landwirtschaft, Klimaforschung. Kernkompetenzen der UNU.

Angenommen, es gäbe so etwas wie Mekkas der Moderne – für Osterwalder läge eines in der Rue de Serandoni in Paris, wo der Condor sein Bildungs-Atlantis entwarf. Doch in der Öffentlichkeit spricht Osterwalder kaum über seinen Strategieberater, verborgen in seiner privaten Bibliothek. In humanistisch gebildeten Kreisen gilt Condorcet als Sozialingenieur, gleichzeitig naiv und kalt. Osterwalder dagegen schätzt dessen Unabhängigkeit und mathematische Klarheit. Die Geschichte der Uno- Uni interessiert Osterwalder dagegen nicht weiter. Auf seinem Schreibtisch liegen zwei Bücher zum Thema. Sie erzählen von der hochoffiziellen Einweihung der UNU im Jahre 1975 und von den Hoffnungen Japans, mit einer 100-Millionen-Dollar-Spende für die Weltuniversität endlich aus dem langen Schatten des Zweiten Weltkrieges zu treten. Ausgerechnet Frankreich, England und die USA, drei der wichtigsten Länder der Aufklärung, waren ursprünglich gegen die Weltuni, Italien, Österreich und Japan dafür. Der erste Rektor war ein Amerikaner, der fließend Japanisch sprach – weil er hier als Besatzungsoffizier stationiert war. Osterwalder hat diese Bücher nur oberflächlich durchgeblättert. „Ich will mir unvorbelastet meine eigenen Gedanken machen“, sagt er. Er will Studenten an die Weltuni holen, wo sie auch Abschlüsse erhalten sollen, mit dem Logo der globalen Alma mater. Der Umbau des Think- Tanks in eine richtige Hochschule soll Prestige bringen, so Osterwalder, was wiederum Sponsoren und Partner aus der Industrie anlockt, was wiederum die Finanzierung sichert, und damit die Qualität.

Sein Vorstoß in Richtung Weltuniversität ist gewagt, denn bislang sind Abschlüsse ein Privileg herkömmlicher Universitäten, das sie eifersüchtig verteidigen. Die UNU aber ist winzig und auf Kooperation angewiesen. Um die weltweite Zuständigkeit zu betonen, will er zudem alle Filialen in Industrieländern verpflichten, jeweils ein „Twin Institute“ in einem Entwicklungsland aufzubauen, um die Wissenskluft zu verkleinern und Forschungsmonopole zu schleifen. Der Condor wäre begeistert.

Osterwalder weiß um die Widerstände gegen seine Umbaupläne, und um die Mühlen der Politik; aber er gibt sich lernfähig. „Heute habe ich wieder etwas Diplomatie geübt“, erzählt er seiner Frau abends im Restaurant beim „Nachtessen“. Am Nachmittag habe er sich mit einem Diplomat aus einer arabischen Monarchie getroffen. „Sie müssen mehr in Bildung investieren, wenn sie eine stabile Demokratie aufbauen wollen, wollte ich dem eigentlich raten“, erzählt der Welt-Rektor: „Aber dann habe ich mir auf die Zunge gebissen.“ Denn vermutlich wolle der dortige Herrscher gar keine Demokratie. „Also habe ich einfach nur gesagt: Ohne Bildung und Forschung kann kein Land wirtschaftlich vorwärts kommen.“

Nachdruck aus „Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft“.

Beitrag von Hilmar Schmundt.
Bildquellen in Reihenfolge: Creative Commons, Attribution ShareAlike 3.0; Public Domain (2)

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