Gipfelstürme der Physik

Aspen Center Gibt es so etwas wie Mekkas der Moderne? Bekannte Schriftsteller, Forscher und Journalisten haben sich auf die Suche gemacht und ein Buch geschrieben, das zu einer Lesereise zu 76 Pilgeorten der Wissenschaft einlädt. Das Aspen Center for Physics in Colorado ist eines dieser Mekkas, an denen noch die Muse küsst, fernab von hochschulpolitischer Bürokratie.

Der Anflug in der kleinen Maschine ist nichts für Menschen mit Flugangst. In steilen Kurven geht es bergab, knapp über einige Bergkämme hinweg, danach blenden – eindrucksvoll bei Nacht oder im Schneetreiben – die Scheinwerfer des Gegenverkehrs auf dem Highway 82, in den man direkt hineinzufliegen scheint, bevor die Maschine hinter der Straße aufsetzt und an zahllosen Privatjets vorbei zum Terminal rollt. Danach Milliardärsglamour, Abfahrten im Champagnerschnee des Aspen Mountain, Après-Ski auf dem Sundeck, im Little Nell oder im Caribou Club...

Angefangen hatte es ganz anders – im ausgehenden 19. Jahrhundert als viktorianisch anmutende Bergbaustadt am Rande der größten, aber bald erschöpften Silberminen der USA gegründet, wurde Aspen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fast zur Geisterstadt, in seinem Dornröschenschlaf überragt von Wheeler’s Opera House, das sich eine kulturbegeisterte Bevölkerung früh gegeben hatte. Wachgeküsst wurde Aspen nach dem Zweiten Weltkrieg: Deutsche und österreichische Emigranten hatten als Soldaten der 10. amerikanischen Gebirgsdivision, die in der Gegend stationiert war, geübten Blicks die phänomenale Qualität von Schnee und Abhängen erkannt und kehrten an diesen verwunschenen Ort zurück. In den fünfziger Jahren sprach man zumeist deutsch, alte Fotografien künden von einer bukolischen Idylle.

Doch die Faszination des Geistigen war geblieben, im Dornröschenschlaf wohlkonserviert. Die Vision einer Idylle, in der sich Natur, Kunst und Wissenschaft verbinden könnten, bewog den Chicagoer Industriellen Walter Paepcke, nachdem er 1946 die Aspen Skiing Company gegründet hatte, zu einem eher kuriosen Vorhaben: 1949 lud er zu einer 200-Jahr-Feier des Geburtstags Goethes in die Wildnis der Rocky Mountains ein, Eero Saarinen erbaute ein Festzelt, Jose Ortega y Gasset, Albert Schweitzer und viele andere traten die Reise – damals noch über unbefestigte Straßen und Pässe der Rocky Mountains – an.

Aspen City
Aspen City

Das Aspen Institute und das Aspen Music Festival wurden geboren. Die viktorianischen Häuser aus der Bergbauzeit wiederbesiedelt. Der Wiederaufstieg begonnen, auf skifahrende Hippies folgten bald Millionäre und zuletzt Milliardäre.

Auch Physiker, vor allem solche, die sich in dem changierenden Klima von Naturverbundenheit und intellektuellem Anspruch wohlfühlten, entdeckten Aspen – und beschlossen, dort zu bleiben, zu einer Zeit, als Grund und Boden dort noch äußerst günstig zu erwerben waren. Doch dabei blieb es nicht: 1961 gründeten die Physiker George Stranahan, Michael Cohen und Bob Craig auf Grund und Boden des Aspen Institute das Aspen Center for Physics, großzügig gefördert unter anderem aus dem Privatvermögen von George Stranahan und dem Nobelpreis von Hans Bethe, der, aus Deutschland vertrieben, in den USA seine neue Heimat gefunden hatte. Bis heute lebt das Aspen Center for Physics zu einem guten Teil von den wiederholten generösen Spenden seiner Freunde, von Physikern und Einwohnern Aspens zugleich.

Zum Inventar gehören: Ein baumbestandener Park zwischen Festzelt und viktorianischem Westend, neben den Villen der Stars und Superstars gelegen, mit drei niedrigen, langgestreckten Gebäuden in Bauhaustradition; im Park Holzbänke, Tische und Stühle. In den Gebäuden spartanische Büros, mit jeweils zwei, drei Tischen und Stühlen, auf jeden Fall aber mindestens einer Tafel. Ein Patio mit Sonnen- und Regensegel sowie einer großen Kreidetafel; verstreut die eine oder andere Kaffeemaschine, auch Kühlschränke, die jedoch abends zumeist leer sind. Denn hungrige Bären, die auch Türen öffnen können, sind in Sommernächten kein seltener Anblick, sie sollen nicht noch besonders angelockt werden.

Keine kilometerlangen Teilchenbeschleuniger, keine millionenschwere Experimente, keine hallenfüllenden Computercluster: und doch eines der großen Mekkas der Physik. Jeden Sommer, von Mitte Mai bis Mitte September, finden sich dort jeweils gleichzeitig 70 bis 80 Physiker aus aller Welt ein und bleiben etwa zwei bis vier Wochen. Die Zahl der Bewerbungen liegt um ein Vielfaches höher.

Organisiert wird (fast) nichts – keine „group meetings“, keine Definition von „workflows“ und „milestones“, vielmehr eine Art wissenschaftlicher Sommerfrische. So sitzen sie dann beisammen, beim Sandwich, beim gemeinsamen Grillen (immer dienstags), auch beim gemeinsamen Kochen in Aspener Wohnungen und Häusern, die von den Besitzern im Sommer an die Physiker vermietet werden, bei erregten Diskussionen in den Büros oder spontanen Vorträgen auf dem Patio. Im Hintergrund hört man verwehte Musik von den Proben des Aspen Music Festival, denen sich der eine oder andere spontan zugesellt. Immer wieder setzen sich kleine Grüppchen ab, um gemeinsam die Viertausender zu besteigen, die Aspen umringen, oder um für eine Nacht an den höchstgelegenen heißen Quellen Nordamerikas auf über 3500 Meter Höhe zu zelten und Sternenhimmel und Sonnenaufgang im heiß sprudelnden Wasser zu erleben. „Activities outside the Center are encouraged“, so die offizielle Politik des Centers. Nichts ist besser geeignet, die segensreiche Wirkung des wissenschaftlichen Zufalls zur freien Entfaltung kommen zu lassen.

Und das Wunder geschieht: Seit Jahrzehnten tragen viele wichtige Veröffentlichungen der theoretischen Physik im Anhang die Danksagung: „Special thanks go to the Aspen Center for Physics where this work was initiated.“ So gelang es etwa im Sommer 1984 John Schwarz und Michael Green, bis dato unverstandene, abschreckende Anomalien in einer obskuren „String-Theorie“ zu eliminieren – woran zuvor weltweit eine Handvoll Physiker gearbeitet hatte, versuchten sich binnen weniger Monate hunderte, wenn nicht tausende.

Aspen wäre aber nicht Aspen, wenn die neuen Formeln der „ersten Superstring-Revolution“ nicht bei einer Theateraufführung vorgestellt worden wären, bei der Schwarz einen Verrückten mimte, indem er die revolutionären Gedanken vortrug. In populärwissenschaftlicher Form sind diese Ideen mittlerweile in aller Welt auf den Bestsellerlisten angekommen.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Aspen kam ich auch, wie wohl viele andere, in der festen Absicht, diverse unvollendete Projekte, die im universitären Alltag auf der Prioritätenliste immer weiter nach hinten gerutscht waren, endlich fertigzustellen. Was wäre das für eine Zeitverschwendung gewesen! Glücklicherweise habe ich sie schnell liegengelassen... Aber in Aspen kann man gar nicht anders, als im Gespräch mit herausragenden Physikern aus aller Welt, jeder mit seinem ganz eigenen Blickwinkel, aber ohne die Not des unmittelbar evaluierbaren Erfolges, schräge, unsinnige, falsche, aber eben dann und wann auch durchschlagend neue Gedanken zu entwickeln, die einen über die eigenen Grenzen führen.

Und kennt man den Stand der Forschung in den angrenzenden Gebieten nicht, in die man sich vorwitzig hineingewagt hat, so inkarniert sich dieser Stand der Forschung im Nachbarbüro oder im Nachbarzelt. Was man bei dieser Gelegenheit überhaupt erst mitbekommt.

Man kann eben, anders als so oft forschungspolitisch verordnet, neue und gute Ideen nicht erzwingen oder meinen, die in langwierigen Sitzungen imaginierten, genauer gesagt, oft geheuchelten gemeinsamen inter-, trans- oder sonst irgendwie disziplinären Forschungsinteressen, die sich einer tausend Randbedingungen unterworfenen Struktur anzuschmiegen haben, würden über den Tag der Begutachtung hinaus vorhalten und mehr als inkrementellen Fortschritt bringen. „Milestones“ der wissenschaftlichen Erkenntnis lassen sich genau dann präzise angeben, wenn es eigentlich keine neue Erkenntnis mehr zu gewinnen gibt und Forschung zwar immer noch so komplex, aber auch ebenso freudlos wie das Ausfüllen der Steuererklärung ist.

Die Muse küsst doch unerwartet, wann immer sie will, man muss es einfach auf sich zukommen und geschehen lassen. Aber ich wüsste keinen besseren Ort des Wartens als das Aspen Center for Physics.

Der Essay von Ulrich Schollwöck ist dem Buch Mekkas der Moderne – Pilgerstätten der Wissensgesellschaft entnommen.
Bildquellen in Reihenfolge: Aleksander Morgado

Links zum Thema

Literatur

  • Hilmar Schmundt, Miloš Vec, Hildegard Westphal (Hrsg), Mekkas der Moderne – Pilgerstätten der Wissensgesellschaft. Köln 2010. € 24.90.

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