Dinner zwischen Disziplinen

In Oxford gibt es Räume, in denen sich Professoren und Studenten noch mit- und nicht nur übereinander unterhalten. Auch das macht die Universitätsstadt zu einem Mekka der Moderne.

Mein erster Tag im Senior Common Room des New College in Oxford: Leicht ungläubig bediene ich mich am Schweizer Cappuccino-Automaten neuester Generation, nehme die Bandbreite der ausliegenden internationalen Tageszeitungen zur Kenntnis. Dann lausche ich einem Gespräch zweier Professoren, das für in der deutschen Universitätslandschaft geprägte Ohren seltsam genug anmutet. Es ist ein sich über eine geschlagene halbe Stunde hinziehender Austausch über einen Studierenden, den – schon dies wäre etwa im Massenbetrieb deutscher Jurafakultäten undenkbar – offenbar beide Professoren mit Namen kennen.

Oxford von oben
Oxford von oben

Ich erfahre aus dem Gespräch, dass die Studienpläne in Oxford für jeden einzelnen Studierenden individuell zugeschnitten werden. Ich erfahre weiterhin, dass es offenbar zum Selbstverständnis der Professoren gehört, diese Aufgabe wahrzunehmen. Ich schlussfolgere, dass die Betreuung der Studierenden an einem Oxforder College nur mit dem Ausdruck „intensivst“ richtig beschrieben ist. Dies ist natürlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Studierenden in einem aberwitzig aufwändigen Auswahlprozess aus einer weltweiten Konkurrenz von eben jenen Professoren, die sie später unterrichten, ausgewählt wurden. Und es liegt natürlich auch daran, dass das New College etwa im Fach Jura pro Jahr sieben Studierende aufnimmt, und zwar bei einem Lehrkörper von zwei Juraprofessoren, die durch drei weitere Lehrassistenten unterstützt werden.

Oxford – ein Ort der Tradition als Mekka der Moderne? Das scheint ein Widerspruch zu sein, wie er fundamentaler nicht sein könnte. Der Name der alten, ehrwürdigen südenglischen Universitätsstadt ruft Eindrücke hervor, die vielfältig und lebendig sein mögen – modern sind sie nicht. Fällt der Name Oxford, so denken wir an altmodisch, elitär, traditionsbewusst, vergangenheitsorientiert. Eine akademische Institution, in der die Professoren bis heute schwarze Talare tragen und in der viele der 38 Colleges, aus denen die Universität Oxford gebildet ist, mit größter Selbstverständlichkeit eine eigene Kirche unterhalten, in der allabendlich ein Abendgottesdienst abgehalten wird, mag selbstbewusst sein oder pittoresk – aber nicht modern.

Ein zweiter Blick offenbart allerdings recht schnell, warum Oxford, das seit 1901 immerhin 50 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, mit vollem Recht zu den Mekkas der Moderne gezählt werden darf. Betrachten wir nur eines der Colleges, das New College. Zwar irrt, wer meint, schon im Namen dieser Lehr- und Forschungsinstitution etwas Modernes identifiziert zu haben. Tatsächlich ist das New College eines der ältesten in Oxford, es wurde 1379 gegründet, und zwar von einem Bischof, von wem sonst?

Betreten wir innerhalb der klösterlichen Mauern des Colleges den sogenannten Senior Common Room, gemäß der britischen Vorliebe für Abkürzungen schlicht SCR. Hierbei handelt es sich um ausladende Clubräume für die Professoren, die mit Antiquitäten, Holzvertäfelungen und alten Gemälden vollgestopft sind. Und bevor jetzt jemand derartige Privilegien und Pfründe erneut als hoffnungslos unmodern brandmarkt, sei darauf hingewiesen, dass das College ebenso einen Middle Common Room für die Graduate Students sowie einen Junior Common Room für die Undergraduate Students unterhält – auch wenn diese weniger gediegen und eher mit Billardtischen und Cola-Automaten möbliert sind.

Der SCR ist die Begegnungsstätte der Wissenschaftler eines Colleges. Es ist ein institutionalisierter Rahmen, der einfach da ist, ein kleiner Kosmos des verdichteten Gesprächs. Überflüssig zu sagen, dass die Mitglieder des SCR nahezu alle akademischen Fächer repräsentieren – wir reden von gelebter Interdisziplinarität. Jeder Professor hat einen Schlüssel, der Butler und sein Team kümmern sich morgens um den Kaffee, mittags um das Lunch und abends um das Dinner. Alles ebenso vorzüglich und kostenlos wie der mit annähernd 40.000 Weinflaschen ausgestattete, hauseigene Weinkeller (die genaue Zahl weiß nicht einmal der Steward of the Wine Cellar). Und wie die gemeinsamen Festgelage jeglicher Couleur, die in einer Regelmäßigkeit und Häufigkeit stattfinden, die ihresgleichen sucht.

Die charakteristische Besonderheit eines SCR ist die Möglichkeit zu einem intellektuellen Austausch und zu einem interdisziplinären Gespräch in angenehmster Atmosphäre – und zwar eine Möglichkeit, die keinerlei Organisation, Absprache oder sonstigen Vorlaufs bedarf, weil sie einfach schlicht immer präsent ist.

Der Begegnungscharakter wird auch dadurch gefördert, dass die Dinner im SCR traditionell eine ausgesprochen beliebte, hoch angesehene und stark genutzte Möglichkeit sind, externe Gäste wie wissenschaftliche Kooperationspartner oder Vortragende zu bewirten. Eine Universität, die sich wie Oxford 50 Philosophieprofessoren leistet, ist eine Pilgerstätte des Wissens. Daher ist man nicht allein wegen des vorzüglichen Essens wegen versucht, am Dinner teilzunehmen, sondern vielmehr wegen der Neugier darauf, mit welchem weltweit führenden Wissenschaftler welchen Faches man an diesem Abend die Freude des intellektuellen Austausches haben wird. Da passiert es, dass man neben dem Direktor eines bekannten Instituts für Weltwirtschaft sitzt. Oder neben einem Richter des House of Lords. Oder neben einem ehemaligen Präsidenten der Europäischen Investitionsbank. Oder einfach neben dem bedeutendsten Sprachphilosophen des letzten Jahrhunderts. Für derartige Anlässe, vor allem um diese Gäste entsprechend zu bewirten, hat übrigens jeder Professor ein eigenes Budget. Haben Sie schon einmal versucht, an einer deutschen Universität Bewirtungskosten geltend zu machen?

SCR – diese drei Buchstaben stehen aber nicht nur für Räumlichkeiten, sondern sie sind auch als Bezeichnung für die Gruppe der Professoren gebräuchlich. Hier kommt ein Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck, das in Zeiten von W-Besoldung, zunehmendem Ressourcenkampf in den Fakultäten und der Exzellenzrhetorik im deutschen Wissenschaftssystem in Windeseile zerstört wäre, wenn es denn je existiert hätte. In Oxford habe ich den Ausdruck „Exzellenz“ nie vernommen. Dort redet man nicht über Exzellenz, man ist es einfach.

Erstaunlich modern zeigt sich die altehrwürdige Institution auch darin, dass sie das, was in Deutschland gerade mühsam erarbeitet wird, immer schon zu ihren grundlegenden Selbstverständlichkeiten zählt, nämlich ein deutliches Engagement und eine entsprechende Wertschätzung für die universitäre Lehre. Studierende werden an den Oxforder Colleges intensiv betreut, ein Großteil der Lehre findet in sogenannten Tutorials statt, bei denen zwei, maximal drei Studierende und ein Professor ein intellektuelles Gespräch pflegen, das nicht auf gelerntes Wissen, sondern eigene kreative Gedanken fokussiert.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, wie sie an einem Oxforder College herrscht, und bei der oft auch gar nicht klar ist, wer eigentlich zu welcher Gruppe zählt, das heißt, in der es von vorneherein angelegt ist, dass auch der Professor zum Lernenden wird und der Studierende zum Lehrenden, all dies ist ein Gärkessel, der kreatives Denken auf die schönste Weise stimuliert. Ein Selbstverständnis akademischen Unterrichts und akademischer Gemeinschaft, wie es moderner nicht sein könnte.

Wundert es noch jemanden, dass in diesem Klima seit Jahrhunderten intellektuelle Großtaten vollbracht werden? Um es mit dem ehemaligen Warden des New College zu sagen: The disgrace is not that Oxford is not like everywhere else, but that everywhere else is not like Oxford.

Der Artikel ist dem Buch „Mekkas der Moderne – Pilgerstätten der Wissensgesellschaft“ entnommen, das von „Bild der Wissenschaft“ als „Wissenschaftsbuch des Jahres 2010“ nominiert wurde.

Beitrag von Matthias Klatt.
Bildquellen in Reihenfolge: Olaf Davis, public domain; Wallace Wong, wiki, www.simonho.org; Joachim Jachnow (3)

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