Tatort Universität – (k)ein Krimi

„Tatort Universität“ Seit Humboldt ist die deutsche Universität im Besitz der Professorenschaft. Ihre Fixierung auf Fachwissen erzeugt die Verschulung und Überfrachtung der BA-Studiengänge – nicht Bologna. Raum für Kreativität und problembasierte, aktivierende Projekte wäre die Lösung.

Titel und Untertitel meines neuen Buches „Tatort Universität – Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung“ sind starker Tobak. Sie klingen nach Krimi. Und auf eine Art ist es auch einer. Denn die Verantwortlichen werden gesucht für das weitgehende Versagen der deutschen Hochschulen bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses, das in den Massenprotesten, Streiks und Hörsaalbesetzungen des vergangen Winters offensichtlich geworden ist. Verschulung des Studiums, Überfrachtung mit Wissensstoff und Klausuren, Verlust an Wissenschaftlichkeit und Selbstbestimmung, oberflächliches Flachstudium waren die geläufigen Klagen. Wer war schuld an dieser gigantischen Fehlleistung? Das war die naheliegende Frage.

Der erste Täter: Wilhelm von Humboldt

Der erste Täter in dem Krimi ist Wilhelm von Humboldt. Er wollte zwar inhaltlich das Gegenteil von Verschulung und Wissenspaukerei. Aber faktisch hat er die Universitäten mit der von ihm durchgesetzten professoralen Freiheit von Lehre und Forschung den Professoren zum Geschenk gemacht, sie in ihren Besitz überführt. Ab da konnten sie als Gruppe über die Hochschulen insgesamt und über ihren jeweiligen Bereich als einzelne vollständig souverän bestimmen und jede Reform verhindern, die ihre Privilegien antasten könnte.

Das passte zur Funktion der ganzen Humboldt’schen Reform. Denn sie war Teil der konservativen Revolution von oben, mit der das preußische Königshaus 1807 nach der Niederlage gegen Napoleon seine Herrschaft vor dem Ansturm der französischen Revolution retten wollte. Strukturell galt es, die Spitzen des Bürgertums zu berücksichtigen, aber ansonsten die Macht des Adels zu sichern.

Ideologisch hat der preußische Adel im Kampf gegen Napoleon bewusst auf die Gegenaufklärung, auf die Emotion gegen die Rationalität gesetzt, auf Romantik, Heimat, Nationalismus und Verherrlichung eines antiwestlichen Germanentums. Johann Gottlieb Fichte, der erste frei gewählte Rektor der Berliner Universität, hatte mit seinen wirkmächtigen „Reden an die deutsche Nation“ die Grundlagen für das spätere völkische Denken und den deutschen Überlegenheitswahn im Nationalsozialismus gelegt.

Der zweite Täter: Die deutsche Professorenschaft

Wolf Wagner: „Tatort Universität“
Hat die deutsche Universität versagt?

Damit ist der zweite Täter benannt: Die deutsche Professorenschaft. Sie folgte dem deutschen Zeitgeist, führte ihn gelegentlich an (etwa im Nationalsozialismus) und gestaltete die deutsche Hochschule in diesem Geist. So folgte sie auch dem Wandel des Bildungsbegriffs im 19. Jahrhundert weg von der umfassenden für alle Schichten gedachten Humboldt’schen Menschenbildung. Immer mehr trat an seine Stelle Bildung als umfassendes Wissen der Hochkultur. Nur solche Bildung verleihe Kultur und Kultiviertheit als Ausweis der Zugehörigkeit zur Bildungselite. In diesem Prozess wurde Fähigkeit immer mehr auf umfassendes Fachwissen verkürzt.

So setzte sich im 20. Jahrhundert in Deutschland besonders in den Natur- und Ingenieurwissenschaften eine auf die Vermittlung von Wissen konzentrierte Studienkonzeption durch. In den ersten Semestern wird Grundlagenwissen gepaukt, manchmal für alle unterschiedlichen Fächer in einem gemeinsamen Grundlagenfachbereich. So sollen wie in einer Bibliothek die Regale des Gehirns mit den Instrumenten aufgefüllt werden, die man nachher zum Lösen von Problemen braucht. Die kommen erst in der letzten Phase des Studiums dran. Schon vor Bologna war das Studium in diesen Bereichen so aufgebaut und eigentlich gründlich verschult.

ECTS: European Credit Transfer System
Auf dieses System wird in der Bologna-Deklaration von 1999 verwiesen.
» ganzer Text

Als dann Bologna kam, haben die Fachvertreter das in ihrer Sicht „unverzichtbare Fachwissen“ verdichtet und in das verkürzte Bachelorstudium gesteckt. Wo Bologna mit ECTS die Modularisierung im Sinne der Zusammenfassung zusammenhängender Kompetenzen vorsah, machten die meisten Fachbereiche das, was vorher Veranstaltung war, zum Modul mit den unvermeidlich dazu gehörigen Prüfungen. Und wo Bologna als Lernziel Kompetenzen forderte, setzte man Wissenskompetenz ein und meinte alles richtig gemacht zu haben. Man trieb Bologna ohne Bologna und gab Bologna die Schuld.

Das ist der Krimi, der in „Tatort Universität“ erzählt wird.

Die Rettung: Kreativität und problembasiertes Lernen

Wolf Wagner
Wolf Wagner

Für Kreativität war da kein Platz. Kreativität braucht zwei entgegengesetzte Denkweisen, die sich gegenseitig ablösen und ergänzen müssen: Verrücktes und exaktes Denken. Verrücktes Denken hält sich an keine Regeln, ist fehlerfreundlich und erschafft mit bisher nie dagewesenen Verknüpfungen Neues. Das exakte Denken ist regelkonform und fehlerfeindlich bis zur Pedanterie, denn es muss das Neue überprüfen, ob es was taugt, auf Fehler abklopfen, die dann mit neuem verrücktem Denken umgangen werden.

Die im 19. Jahrhundert entstandene deutsche Fixierung auf exaktes Wissen, ließ keinen Platz für das verrückte Denken und behinderte damit massiv die Wahrscheinlichkeit von Kreativität.

Die ist aber vonnöten, wenn wir in der Welt bestehen wollen: Nicht nur wegen des für eine Exportnation wirtschaftlich lebenswichtigen Vorsprungs in der technischen Innovation, sondern vor allem wegen der massiven Umwelt- und zukünftigen Energieversorgungsproblemen, die den Fortbestand der Menschheit insgesamt bedrohen.

Die deutschen Hochschulen müssten sich also dringend öffnen für das verrückte Denken. Man müsste in das bestehende Studium wachsende Anteile von selbstbestimmten problembasierten Projekten einbauen. Oder man könnte den dreijährigen Bachelor mit einem auf das ganze Studium verteilten Kreativjahr ergänzen.

Auch müsste sich die deutsche Hochschule dringend nach unten öffnen. Sie braucht nämlich „frisches Blut“. Denn die Kinder aus Familien, in denen bisher noch niemand studiert hat, gehen vorwiegend in die Natur- und Ingenieurwissenschaft. Sie liefern den für die Innovationsfähigkeit so dringend benötigten Fachkräftenachwuchs im Ingenieurbereich.

Für all das müsste der Fehler Humboldts rückgängig gemacht werden. Die Professorenschaft muss entmachtet werden. Das Bundesverfassungsgericht hat dafür in seinem Urteil zum Brandenburger Hochschulgesetz die Grundlagen gelegt: Die Freiheit von Lehre und Froschung ist nur ein individuelles Recht, kein Gruppenrecht. Zudem sollten die Berufungen schnellstmöglich an unabhängige Expertengremien unter starker Beteiligung der Studierenden gegeben werden, so dass fachliche und pädagogische Kriterien und nicht mehr gruppendynamische Reputationswettkämpfe im Vordergrund stehen. Dann endlich könnten sich die deutschen Hochschulen aus dem Privatbesitz der Professorenschaft in tatsächliche Institutionen der Gesellschaft verwandeln.

Beitrag von Wolf Wagner.
Bildquellen in Reihenfolge: Klett-Cotta-Verlag; Udo Hesse

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Zur Person

Wolf Wagner ist 1944 in Tübingen geboren. Promotion und Habilitation in Politischer Wissenschaft an der FU Berlin. Autor der Bestseller: Uni-Angst und Uni-Bluff. Wie studieren und sich nicht verlieren. Und: Kulturschock Deutschland. Seit 1992 Professor an der Fachhochschule Erfurt. Dort auch Prorektor und Rektor. Seit 2009 Professor im Ruhestand und lebt in Berlin.

Literatur

  • Wolf Wagner (2010): First Generation. In: DSWJournal 03/2010 S. 14f.
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