Weniger ist mehr!

„Publish or perish“ – Die Hamburger Körber-Stiftung diskutierte mit Experten und Betroffenen kontrovers über den Publikationszwang in der Wissenschaft.

„Der Weg zur Professur geht durch die Druckerei hindurch“, klagte der Jurist Rudolf von Jhering Ende des 19. Jahrhunderts. „Glückt’s mit dem ersten Werke nicht, so ist schnell ein zweites und drittes da [...]. Daher jener Fluch und Schrecken unserer Literatur, jenes künstliche und gewaltsame Auftreiben des dürftigsten Inhalts zu möglichst großem Volumen – ein kleiner, kümmerlicher, dürftiger Gedanke, um den ein ganzes Buch herumgebaut wird.“ Nun gibt es unterdessen zwar immer weniger Druckereien, dafür um so mehr Books „on demand“ oder E-Journals. Doch wer einen Lehrstuhl ergattern will, hat nach wie vor literarisch produktiv zu sein und den Weg ans Licht der (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit anzutreten. Allerdings gleicht dieser zunehmend einem veritablen Spießrutenlauf. „Publish or perish“, publiziere oder stirb, lautet dafür das geflügelte Wort an Universitäten und Forschungsinstituten. Nur wer unablässig veröffentlicht, und das am besten in international renommierten Fachzeitschriften, darf sich beim akademischen Rattenrennen um die vorderen Listenplätze Chancen ausrechnen.

Freilich, die Klagen über die Flut von Veröffentlichungen und ihre miserable Qualität sind so alt – und manche meinen: so antiquiert – wie der Buchdruck. Und selbst heute, wo Blogs, Wikis und Twitter uns mit öffentlichen Äußerungen aller Art regelrecht bombardieren, fordern manche Wissenschaftler wie der Hamburger Emeritus Bernd Dahme, es müsse mehr, nicht weniger publiziert werden. Schließlich gebe es inzwischen auch mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als je zuvor, und gerade der Nachwuchs könne gar nicht früh genug üben, was später einmal zur Meisterschaft befähigen soll. Das ist zweifellos richtig. Und es schadet nicht, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, das die wissenschaftliche Veröffentlichung die ,Goldwährung‘ der Forschung ist.

Rafaela Hillerbrand und Werner Faulstich
Rafaela Hillerbrand und Werner Faulstich

Dennoch: Der Publikationsdruck ist vorhanden und er lastet schwer auf den Gemütern insbesondere von Doktorandinnen und Postdocs. Dass sie am Publish or perish-Syndrom leiden war auf einer von der Hamburger Körber-Stiftung gemeinsam mit Alumni des Deutschen Studienpreises organisierten Tagung („Publish or Perish – Probleme und Perspektiven des wissenschaftlichen Publizierens“) deutlich zu spüren. Kein Wunder, hat sich in ihren Köpfen doch das Ethos wissenschaftlicher Wahrheitssuche und die Freude am Forschen mit strategischer Veröffentlichungsplanung und knallhartem Karrieremanagement zu arrangieren. Die meisten Jungforscher fühlen sich damit in einer immer unübersichtlicheren, internationalisierten Wissenschaftswelt überfordert und von ihren Betreuern, die schon früh Veröffentlichungen und Konferenzbesuche anmahnen, allein gelassen. Unter dem diffusen Diktat des Publikationszwangs begegnen sie eigentlich selbstverständlichen Anforderungen (Stichwort ,Goldwährung‘) mit konstruktiver Resignation. Zu viele Fragen bleiben offen, weil die Steigerungsspirale des Publish or perish keine Stoppregeln kennt und niemand weiß, wie lange eine Publikationspause dauern darf, ohne dadurch den akademischen Karrieretod zu riskieren.

Gewiss, Uneindeutigkeit und Unsicherheit gehören zum Geschäft. Doch der Druck des Publish or perish ist keine spätmoderne Neurasthenie überangepasster Jungwissenschaftler. Er erzeugt ein manifestes Qualitätsproblem. „Mäßige Originalität nahe am ,Mainstream‘ zahlt sich aus“, fassen Suleika Bort und Simone Schiller-Merkens von der Universität Mannheim das Ergebnis ihrer Studie zur Publikationspraxis in 50 Jahren Organisationsforschung zusammen. Statt einer neuen Theorie werde seit der Zunahme des Publikationsdrucks in den 1990er Jahren vor allem an Konzepten, das heißt einzelnen Theoriebausteinen gefeilt. Auf diese Weise lasse sich der paradoxen Anforderung von Originalität auf der einen und Anschlussfähigkeit und Loyalität gegenüber dem Mainstream auf der anderen Seite genügen. Mit anderen Worten: Zunehmender Publikationsdruck verhindert den großen Wurf und trägt (so DFG-Präsident Matthias Kleiner in der Juli-Ausgabe dieser Zeitschrift) zur „Salamisierung“ des wissenschaftlichen Diskurses bei. In den Naturwissenschaften ist es nicht anders. Dort werden Forschungsergebnisse auf möglichst viele ,kleinste publizierbare Einheiten‘ (KPE) verteilt, um die Publikationsliste zu verlängern. Die inflationäre Publikationspraxis führt zur Überlastung der Herausgeber und Gutachter von Fachzeitschriften und damit zum „Manuskriptstau, der durch ein Überangebot an qualitativ fragwürdigen Manuskripten hervorgerufen wird“, wie Dirk Meyer vom Institut für Wirtschaftspolitik der Helmut-Schmidt-Universität in einem Positionspapier moniert. „Die Kapazitäten der Zeitschriften, insbesondere auch der Begutachtungsapparat, werden überfordert und zum Engpassfaktor.“ Vom Problem der galoppierenden Plagiate bei Bachelor-, Master- und sogar Doktorarbeiten ganz zu schweigen.

Hartmut Rosa und die Moderatorin Ulrike Heckmann
Hartmut Rosa und die Moderatorin Ulrike Heckmann

Doch wie lässt sich dieser Teufelskreis unterbrechen? Die Hamburger Tagungsgäste waren sich einig: Bindende Regeln sind im Allgemeinen zwar gut gemeint, kollidieren vor Ort aber mit spezifische Rahmenbedingungen und individuellen Praxen. Im Klartext: „Die einzelne Hochschule braucht Autonomie, um ihren Forschenden und Lehrenden ein Umfeld zu ermöglichen, in dem der Einzelne produktiv werden kann – denn Kreativität und Produktivität ist immer ein individuelles Ereignis“, sagt der Psychologe Ulrich Weger, einer der Co-Organisatoren der Tagung. Allerdings gebe es gerade für wissenschaftliche Produktivität an deutschen Universitäten viel zu wenig Freiraum, meint der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa, Mitautor eines Aufrufs zur freiwilligen Publikationsbeschränkung : „Fast die gesamte libidinöse Energie des Wissenschaftlers fließt heute in die Antragstellung, für durchdachte Publikationen ist da kaum noch Zeit!“ Die zentrale Frage lautete in Hamburg daher: Wie erkennen wir (als Mitglieder der Hochschulleitung, einer Berufungskommission, als Leser) die Qualität von Veröffentlichungen, ohne uns von Zeitschriften-Rankings und Indikatoren blenden zu lassen und den wuchernden Überbau aus Evaluation und Begutachtung noch weiter aufzublähen?

Während Rosemarie Mielke von der Universität Hamburg für eine Besinnung auf ,klassische‘ Kriterien wie externe Begutachtung und Double-blind-Reviews plädierte, unterstrich Robert Paul Königs, Abteilungsleiter für fachliche Angelegenheiten der Forschungsförderung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Position der DFG. Die möchte bei Forschungsanträgen neuerdings nur noch die fünf wichtigsten Publikationen genannt sehen. Werner Faulstich, prominenter Gegner der DFG-Initiative (siehe die Juli-Ausgabe dieser Zeitschrift), wollte unterdessen „überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Qualität und Quantität von Publikationen“ ausmachen, konnte dafür aber keine überzeugenden Argumente liefern. Sein Einsatz für den akademischen Vielschreiber, als den er sich selbst bezeichnete, stieß beim Publikum daher allenfalls auf mäßige Resonanz. Zu offensichtlich schien den Tagungsgästen der Teufelskreis des Publish or perish und seine qualitätsmindernden Auswirkungen. Wohlwollend aufgenommen wurde hingegen Faulstichs Vorschlag, Gutachtertätigkeiten künftig entlohnen zu lassen. Eine Idee, die auch Dirk Meyer propagiert. Über die „Steuerungsfunktion pekuniärer Anreize“, das heißt konkret: Einreichungsgebühren, Autorenhonorare und Gutachterentgelte, ließe sich der ausufernde Publikationszirkus wirkungsvoll eindämmern, so Meyer. (Ein Blick über den deutschen Tellerrand in die Schweiz und nach Frankreich zeigt: dort sind vergleichbare Maßnahmen bereits umgesetzt.)

Hartmut Rosa schließlich forderte, Qualitätsprüfungen in größeren Abständen und bezogen auf den Einfluss, den ein Wissenschaftler und/oder seine Publikationsliste auf die ,scientific community‘ genommen hat. Denn in der Regel lasse sich erst nach einigen Jahren entscheiden, wer die Wissenschaft tatsächlich vorangebracht und wer lediglich erfolgreiche Publikationsstrategien verfolgt habe. Vielleicht, so Rosa, sollte man in diesem Zusammenhang auch über ein Grundeinkommen für Wissenschaftler nachdenken. Die materielle Unabhängigkeit vom Kampf um die Dauerstelle setze angstgebundene Ressourcen für produktive Forschung frei.

Ulrich Weger forderte ein Publikations-Ethos ein – „nur wer wirklich etwas Neues zu sagen hat, soll es auch veröffentlichen“ – und ein „Schutzpolster für den wissenschaftlichen Nachwuchs“, damit dieser sich konzentriert auf die Wahrheitssuche machen könne und nicht zu früh im Publikationskarussell verheizt werde. Nötig seien aber auch ganz konkrete Infrastrukturmaßnahmen, zum Beispiel bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder.

Aus dem Kreis der Tagungsteilnehmer kam der Vorschlag, Art und Umfang geforderter Publikationen neben allen anderen Verpflichtungen in einem Promotionsvertrag mit dem jeweiligen Betreuer festzulegen, ebenso wie entsprechende Hilfestellungen und Beratungsleistungen. Vermutlich liegt die Lösung des Problems wie so oft in der Mitte: zwischen Selbstverpflichtung und Vertrag, Wissenschaftsethos und Legitimation durch Verfahren. Wer ein akademischer Vielschreiber ist, baut nicht automatisch Bücher um kümmerliche Gedanken. Doch wie andernorts gälte es, auch in der Wissenschaft sich auf die alte Regel zu besinnen: Weniger ist manchmal mehr!

Dieser Beitrag erschien – leicht gekürzt – unter dem Titel „Veritabler Spießrutenlauf“ in Forschung & Lehre, Nr. 2, 2010.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: Claudia Höhne

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Zur Person

Christian Dries ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Jutta Allmendinger (Hrsg.) 2005: Karriere ohne Vorlage. Junge Akademiker zwischen Studium und Beruf. Hamburg.
  • Margret Wintermantel (Hrsg.) 2010: Promovieren heute. Zur Entwicklung der deutschen Doktorandenausbildung im europäischen Hochschulraum. Hamburg.
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