Adiós, Konsumwohlstand

Ludger Heidbrink, Imke Schmidt, Björn Ahaus (Hg.): Die Verantwortung des Konsumenten Irgendetwas stimmt mit dem Navigator nicht. Die letzte Ausfahrt vor Erreichen jenes unwegsamen Terrains, das durch historisch einmalige ökologische und ökonomische Krisenszenarien bestimmt ist, wurde leider verpasst.

Jetzt wird es also zur Abwechslung mal ernst. Während der etwa vierzig Jahre, die zwischen den ersten und letzten Zuckungen der Umwelt-,Öko- oder späteren Nachhaltigkeitsbewegung vergangen sind, wurde viel diskutiert. Aber zeitgleich wurde noch mehr produziert, gebaut, versiegelt, gekauft, eingerichtet, konsumiert, verschlissen, entsorgt, gefahren, geflogen, telekommuniziert, kulinarisch genossen oder sich anderweitig materiell verausgabt. 2010 hat der Flugverkehr in Deutschland trotz Vulkanasche und letzter Ausläufer der Finanzkrise einen neuen Rekord erzielt. Speziell dieser Gipfel mobilitätsbasierter Selbstverwirklichungsexzesse ist insoweit bemerkenswert, als es keiner besonderen Vorkenntnisse bedarf, um Gewissheit darüber zu haben, dass Flugreisen einer ökologischen Schadensmaximierung gleichkommen: Was könnte ein Einzelner sonst tun, um mit vergleichsweise geringem Aufwand an Geld und Zeit jegliche Klimaschutzbemühungen optimal zu torpedieren?

Nachhaltiger Konsum als käufliche Moral

Zeitgleich wächst der Bionade-, Ökostrom- und Naturtextilienumsatz. Jedes vollwertige LOHAS-Exemplar (LOHAS= Lifestyles of Health and Sustainability, Anm. d. Redaktion ) würde sich in Grund und Boden schämen, sollte sich herausstellen, dass der soeben verzehrte Latte Macchiato etwa nicht von fair gehandelten Kaffeebohnen stammte. Solaranlagen auf den Dächern alter und trotz demographischer Entwicklung vieler neuer Einfamilienhäuser wachsen sich zum architektonischen Dress Code eines neuen Verantwortungsbewusstseins aus. Alles wächst um die Wette. Das Zerstörerische, das etwas weniger Zerstörerische und das vermeintlich noch weniger Zerstörerische mit aufgepfropfter Nachhaltigkeitssymbolik. Längst haben die vielen Marktideen für das nachhaltig konsumierende Subjekt einen Diskurs über moralischen Konsum (Birger Priddat) und die Moralisierung der Märkte (N. Stehr) entfacht. Offenkundig hat sich ein neues, äußert innovatives Produkt zum Schrittmacher für wirtschaftliches Wachstum gemausert: Moral, die gekauft werden kann und garantiert weder Mühe noch Einschränkung bedeutet. Ganz im Gegenteil. Ähnlich einem Weichspüler, der dem Hauptwaschmittel hinzuaddiert wird, verleiht der Moralzusatz andernfalls kaum zu rechtfertigenden Handlungen buchstäblich Flügel. CO2-Kompensations-Angebote, die mit klimabewusst fliegen werben, markieren eine besondere Stilblüte dieses neuen Ablasshandels, der seinem mittelalterlichen Vorläufer in nichts nachsteht.

Aber da geht noch mehr: So könnten die Betreiber von Fluglinien in den Abfertigungshallen und während des Fluges ausschließlich Speisen und Getränke mit Öko-Label anbieten. Käme dann noch die schöne Idee eines biologisch abbaubaren Flugzeugsitzes hinzu, wie jüngst vom Science-Fiction nahen Cradle-to-Cradle-Dunstkreis vorgeschlagen wurde, müsste sich der Höhenflug sowohl des Ticketumsatzes als auch der mitreisenden moralischen Integrität weiter steigern lassen. Zu einer Entlastung der Biosphäre dürfte diese Nachhaltigkeitssimulation hingegen kaum beitragen. Objekte des nachhaltigen Konsums mildern nicht voraussetzungslos die ökologischen Schleifspuren des materialisierten Selbstverwirklichungsimperativs. Im Gegenteil: Sie können deren weiterer Expansion sogar auf doppelte Weise Vorschub leisten. Erstens stellen sie zumeist additive Maßnahmen dar, deren Bereitstellung ihrerseits signifikante Schäden und Ressourcenverbräuche verursacht. Selbst die beiden Flaggschiffe inmitten jener technologischen Paradigmen, mit deren Hilfe die Ökologisierung beziehungsweise Dematerialisierung des zeitgenössischen Konsummodells nur noch bloße Formsache zu sein schien – die digitale Revolution und die Energiewende – haben unter diesem Aspekt nicht einfach nur versagt: Sie eröffneten der physischen Expansion alten Stils schlicht neue Hebel, Kanäle und Richtungen. Überdies haben sie Umweltprobleme von bis dato ungekannten Qualitäten und Dimensionen heraufbeschworen. Davon zeugen nicht nur die immensen Raum- und Landschaftszerstörungen infolge des flächendeckenden Ausbaus regenerativer Energien, sondern auch kolossale Elektroschrottgebirge, ganz zu schweigen von den direkt und indirekt zusätzlich induzierten Energieverbräuchen der Digitalisierung. Zweitens befördern die neuen Lösungen aufgrund ihrer moralgetränkten Symbolik einen Strukturkonservatismus, der jede ökologische Entlastung vereitelt.

Die SUV -fahrende Stammkundschaft des Bio-Supermarktes

"Wo bitte geht's zum Bio-Supermarkt?"

Die vielen Bestrebungen, das moderne Konsum- und Mobilitätsmodell von ökologischen Schäden zu entkoppeln, offenbaren eine Geschichte des Scheiterns und Verschlimmbesserns. Deren Analyse stößt unweigerlich auf ein Phänomen, das sich als Objektorientierung des Nachhaltigkeitsdiskurses bezeichnen lässt. Dahinter verbirgt sich die tief verwurzelte Tendenz, Produkten, Technologien, Infrastrukturen, Dienstleistungen, Institutionen, Prozessdesigns, Geschäftsmodellen oder anderen Objekten menschlicher Schaffenskraft per se Nachhaltigkeitsmerkmale zuschreiben zu wollen. Aber warum ist ein Drei-Liter-Auto klimafreundlicher als ein 20 Liter schluckender Opel Admiral, wenn der Besitzer des ersteren pro Tag 200 km hin und zurück zum Arbeitsplatz fährt, während der Admiral-Besitzer, ansonsten stolzer BahnCard-Inhaber, damit nur fünfmal jährlich ein regionales Ziel ansteuert, welches keinen Bahnhof hat? Inwieweit trägt ein Passivhaus zur nachhaltigen Entwicklung bei, wenn dessen Besitzer jede Woche eine Flugreise antritt und gerade deshalb in diesen Gebäudetyp, insbesondere den damit verbundenen Reputationseffekt investiert hat? Ähnliches gilt für die SUV -fahrende Stammkundschaft des Bio-Supermarktes oder den Ökostrom nutzenden Haushalt, der über so viele Flachbildschirme, Computer und Stereoanlagen wie Zimmer verfügt.

Gerade weil Produkte längst zu einem Identität stiftenden Kommunikationsinstrument geworden sind, liegt ein ernüchternder Befund nahe: Die Strahlkraft nachhaltiger (Konsum-) Symbolik soll das weniger nachhaltige Andere, welches vom selben Individuum praktiziert wird, kaschieren oder kompensieren. Das viel diskutierte Greenwashing dient also nicht zuvorderst der Unternehmensreputation. Vielmehr geht es um die Marktidee, Nachfragern die zur ökologisch weißen Weste passende Konsumsymbolik oder innovative Gegengifte wie atmosfair anzudienen. Nun beschränkt sich die Logik des moralischen Kompensationsgeschäftes keineswegs auf Marktgüter. Auch der demonstrativ in Sack und Asche daher kommende Subsistenzaktivist aus der Berliner Alternativszene muss davon nicht ausgenommen sein: Heute im heimischen Community Garden buddeln, übermorgen in einem New Yorker Jazz-Club die Beine ausstrecken, danach wieder Berlin – nichts ist unmöglich im globalen Dorf. Die dank Ryanair hypermobile Multioptionsgesellschaft (Peter Gross) baut Individuen zum Trägermedium paralleler Identitäten, Lebensführungen und sozialer Praktiken auf. Inmitten der Palette jederzeit abrufbereiter Selbstinszenierungsapplikationen lässt sich immer auch eine vorzeigbare Nachhaltigkeitsgesinnung unterbringen – natürlich additiv und nur in Teilzeit versteht sich.

Das Gros der zu diesem Zweck verfügbaren Bio-zertifizierten Symbole einer vorgeblichen Nachhaltigkeitsorientierung ist der beste Garant für Lernresistenzen. Als Begleitmusik erklingt die Hymne einer demnächst alle Probleme lösenden Innovationswelle. Diese auf ökologischer Effizienz und Konsistenz basierenden Fortschrittsvisionen – genau genommen ist deren Protagonisten seit Fritz Schumachers Small is Beautiful (1974) nichts Neues mehr eingefallen – erfüllen eine ausschließlich kommunikative Funktion: Sie verleihen einem auf Maßlosigkeit gründenden Wohlstandsmodell eine pseudo-wissenschaftliche Legitimation. Individuelle Konsum- und Mobilitätspraktiken geraten damit vollends aus der Schusslinie.

Allein verantwortlich für die ökologischen Verwüstungen ist nach dieser Logik das noch nicht eingetretene Entkopplungswunder, an dem jedoch umso konfuser und mit Volldampf gearbeitet wird. Die groß angelegte ökologische Modernisierung soll indes nicht etwa die Biosphäre, sondern den Status Quo materialisierter Selbstentfaltungsansprüche retten. Dessen Immunisierung basiert auf einem sensationellen Kniff: Die Machbarkeit eines Weiter-so wird mit den problemlösenden Wirkungen eines technischen Fortschritts begründet, der noch gar nicht eingetreten ist. Und es ist nicht beweisbar, dass er jemals eintreten wird. Obendrein sind seine Anwendbarkeit, die Wahrscheinlichkeit seiner Verbreitung sowie konterkarierende Nebenwirkungen völlig ungewiss. An die Stelle verlässlichen Wissens tritt purer Glaube. Erinnerungen an MaxWebers Wiederverzauberung der Welt oder die lustigen Abenteuer des Barons von Münchhausen werden wach. Jeder auch noch so überfällige Imperativ zu maßvolleren Ausformungen konsumtiver und mobilitätsbasierter Selbstverwirklichungsansprüche, insbesondere zu resilienteren Versorgungssystemen geht im Fortschrittstaumel eines verheißungsvollen Green New Deal sang- und klanglos unter.

Allein Lebensstile können nachhaltig sein

„Bio“ als Lebensgefühl

Dabei zerschellt die Entkopplungsstrategie an einem Faktum, das simpler nicht sein könnte und doch – oder gerade deshalb? – mit autistischer Strenge ignoriert wird: Per se nachhaltige Technologien und Objekte sind schlicht undenkbar. Allein Lebensstile können nachhaltig sein. Nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller von einem einzelnen Subjekt ausgeübten Aktivitäten lässt Rückschlüsse auf dessen Nachhaltigkeitsperformance zu. Folglich können Nachhaltigkeitswirkungen ausschließlich auf Basis individueller Ökobilanzen dargestellt werden. Folgt man dem sogenannten Budgetansatz vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU 2009), so würde die Erreichung des 2-Grad-Klimaschutzzieles bedeuten, dass jedem Erdbewohner bis 2050 jährlich noch 2,7 Tonnen CO2 zur Verfügung stünden, zumindest unter Wahrung von Klimagerechtigkeit. Allein eine Flugreise nach New York (und zurück) verursacht ungefähr 4,2 Tonnen CO2. Die durchschnittliche CO2-Bilanz eines Bundesbürgers wird derzeit auf desaströse 11 Tonnen pro Jahr geschätzt.

Die hiermit angesprochene Subjektorientierung ließe sich auf unterschiedliche Weise ausgestalten und erweitern. Einer alleinigen Orientierung an CO2 mag entgegen gehalten werden, dass andere Umweltwirkungen ausgeblendet werden. Eine Alternative zum individuellen Carbon Footprint böte der von M. Wackernagel und W. Rees entwickelte Ecological Footprint . Er zielt darauf, die Gesamtheit ökologischer Auswirkungen in Flächeneinheiten darzustellen. Dieser Indikator lässt sich auch auf individueller Ebene anwenden. Jede Ökobilanzierung ist mit Schwierigkeiten der Informationsbeschaffung sowie Abgrenzung, Zurechnung und Gewichtung einzelner Wirkungen behaftet. Aber sie ist alternativlos. Inzwischen hat sich das hierzu erforderliche Life Cycle Assessment (LCA) fortwährend weiterentwickelt. Die Anzahl der Projekte und Unternehmen, die dieses Verfahren zwecks Ermittlung der kumulierten Umweltwirkungen entlang der gesamten Herstellungskette – von der ersten Ressourcenextraktion bis zur Entsorgung durch den Endnutzer – anwenden, ist gestiegen. Unternehmen könnten verpflichtet werden, ihren Nachfragern die nötigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Jede Wertschöpfungsstufe könnte die kumulierten Daten der jeweils vorgelagerten Stufe verwenden und durch die Resultate des eigenen LCA vervollständigen, um sie dann an die nachgelagerten Prozessstufen weiterzugeben. Der Einzelhandel als Schnittstelle zu den Endnutzern könnte diese durch eine CO2-Kennzeichnung oder durch eine Hinterlegung der Daten im Internet informieren. So wäre jeder Konsument in der Lage, seine individuelle Ökobilanz zumindest grob abzuschätzen. Solange Unternehmen hierzu nicht per Gesetz verpflichtet sind, können Pionierunternehmen, die ihren Nachfragern derartige Informationen anbieten, Wettbewerbsvorteile erzielen und damit Standards setzen. Darüber hinaus bestehen (zumindest bezogen auf CO2-Emissionen) schon jetzt buchstäblich kinderleichte Möglichkeiten, auf Basis von Durchschnittswerten für sämtliche Konsum- und Mobilitätsaktivitäten individuelle CO2- oder Ökobilanzen zu erstellen. Für eine zielführende Subjektorientierung wäre es hinreichend, sich an den groben quantitativen Dimensionen der mit einzelnen Aktivitäten korrespondierenden CO2-Emissionen zu orientieren. Auch wenn der Zielwert von ungefähr 2,7 Tonnen kurzfristig nicht ohne Schwierigkeiten zu erreichen sein wird, bildet er den nicht zu hintergehenden Fluchtpunkt einer nachhaltigen Entwicklung, die überhaupt diesen Namen verdient.

Wer rettet die Welt vor den Weltrettern?

Meinungsführer, Change Agents, frühe Adopter und viele thematisch prädestinierte Funktionsträger sind für die soziale Diffusion neuer Lösungen, insbesondere neuer Handlungsmuster von essentieller Bedeutung. Unter der Prämisse, dass Entkopplungsanstrengungen mittels technischer Optimierung in die Irre führen, also allein eine Subjektorientierung maßgeblich sein kann, müssen die vorherrschenden Konzepte der Nachhaltigkeitskommunikation völlig neu bewertet werden. Dies ergibt sich schon daraus, dass der einzig kongruente Diffusionsgegenstand nicht in physischen Objekten, sondern nur in Lebensstilen bestehen kann. Welcher Kommunikationsbeziehungen zwischen Schlüsselakteuren und potenziellen Adoptern bedarf es zu diesem Zweck? Die gravierende Fehlleistung bisheriger Diffusionsstrategien rührt daher, dass zu viele Kommunikatoren in Erscheinung treten, die sich mit überlegener theoretischer Nachhaltigkeitsexpertise inszenieren, jedoch unverhohlen eine diametral entgegengesetzte Alltagspraxis vorführen. Dies gilt nicht nur für eine hoch dotierte Klimaschutzschickeria, die im Namen der guten Sache genauso pausen- wie wirkungslos von Kontinent zu Kontinent jettet, um den immer gleichen Vortrag – manchmal sogar vor den immer gleichen Konferenztouristen – zu halten. Längst hat sich ein breiter Nachhaltigkeitsklerus verfestigt, der mit Karriere- und Entfaltungsmöglichkeiten lockt. Hier tummeln sich die vielen modernen, global operierenden Weltretter, die im Auftrag von (Hoch-) Schulen, Forschungseinrichtungen, Gebietskörperschaften, Verbänden, Unternehmen, Kirchen, Netzwerken oder aus intrinsischer Berufung agieren. Ihre Hauptaktivitäten bestehen darin, sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, interkulturelle Dialoge anzubahnen, zu beraten, Feldforschung für eine anstehende Abschlussarbeit zu betreiben, auf Meetings Forschungsergebnisse kundzutun, Standpunkte zu vertreten, Dokumente zu verfassen und abzustimmen, Medienereignisse zu inszenieren – kurz: global präsent und wichtig zu sein. Öffentliche Budgets, Forschungsgelder, Spendeneinnahmen der Verbände und das finanzielle Engagement der Wirtschaft unterfüttern diesen Prozess. Nicht nur aufgrund ihrer Kerosinträchtigkeit nebst anderen materiellen Voraussetzungen trägt die globale Konferenz- und Missionstätigkeit zur Verschärfung jener Probleme bei, die zu lösen sie vorgibt.

Noch kontraproduktiver wirkt sich der Umstand aus, dass ein hyperventilierendes Engagement, das sich in bloßer Mobilität und Symbolproduktion erschöpft, die perfekte Antithese zur Diffusion zukunftsfähiger Lebensstile bildet. Letztere sind nach Maßgabe individueller CO2-Bilanzen ohne hinreichende Sesshaftigkeit und graduelle Abkehr von weiträumiger Fremdversorgung undenkbar. Aber genau derartige Alltagspraktiken müssten im Sinne sozialer Diffusion als vorgelebtes Beispiel den eigentlichen Kommunikationskanal konstituieren. Im krassen Gegensatz dazu verbreitet sich ein Typus von Nachhaltigkeitsprofessionalisierung, der von jedem substanziellen Handeln im unmittelbaren, zumal eigenen Umfeld abstrahiert. An dessen Stelle tritt ein weiches Substitut in Form reiner Management-, Funktionärs- oder Lehrtätigkeiten. Nachhaltigkeitsorientiertes Handeln wird so zu einem Teil jenes arbeitsteiligen Delegationsprinzips umdefiniert, das selbst niemals nachhaltig sein kann. Schrittmacher dieser Entwicklung ist das moderne Bildungssystem, und zwar nicht nur infolge einer ökologisch verheerenden Internationalisierung des Studiums durch die Bologna-Reform – so als hätte die Lobby des Flugverkehrs direkt an der Modularisierung von Lehrplänen mitgewirkt. Vielmehr konditioniert der Vollzug des modernen Bildungsideals Individuen, die vollständig in die globale Funktionsdifferenzierung und Fremdversorgung eingebunden sind. Schüler und Studenten werden mit hoher Reflexions- und Kommunikationsfähigkeit ausgestattet, verfügen aber über eine manuelle Kompetenz, die sich zusehends auf die Bedienung eines Touchscreens beschränkt. Diese praktisch-handwerkliche Beunfähigung ist der Preis für eine an Fortschrittsgläubigkeit nicht zu überbietende pädagogische Mobilmachung, die nur ein Ziel kennt: möglichst jeden Menschen mit einem Hochschulabschluss zu versehen, um ihn an der abstrakten Arbeitsteilung und einem komfortablen, mühelosen Leben teilhaben zu lassen.

Wer vollständig von diesem System assimiliert ist, wendet das damit einhergehende Prinzip des bloßen Abrufens und Fernsteuerns von Fremdversorgungsleistungen logischerweise auch auf Nachhaltigkeitsbelange an. Deren Behandlung erstreckt sich auf Telekommunikation und Signalverarbeitung an Bildschirmen oder durch physische Präsenz im Rahmen global ausufernder Gesprächssituationen. Jede substanzielle Umsetzung wird an andere Zuständigkeiten oder direkt an jene Fremdversorgungsmaschinerie delegiert, die durch Energie- und Materieumwandelung all das ersetzt, was vormals manueller Tätigkeit entsprach. So lässt sich Nachhaltigkeit systematisch da verorten, wo sie von außen und mit hinreichender Distanz zur eigenen Alltagspraxis behandelt werden kann.
Aber ebenso wenig, wie man Geld essen kann, bilden Lehreinheiten, Auslandspraktika, kluge Vorträge oder Beratungsleistungen einen Ersatz für den eigenen Vollzug einer räumlich und zeitlich übertragbaren Lebensführung. Umso erstaunlicher ist der Eifer, mit dem diese zirkuläre, sich perpetuierende Wirkungslosigkeit ausgebreitet wird. Jede Bildungs- und Forschungseinrichtung, die etwas auf sich hält, engagiert sich im neuen Funktionssystem Weltverbesserung. Die vielen daraus hervorgehenden Multiplikatoren identifizieren und traktieren jede auch nur im Entferntesten tauglich erscheinende Zielgruppe, womit die konkrete Materialisierung von Nachhaltigkeit gleichsam an diese delegiert wird.

Was aber, wenn sich die Adressaten – Chinesen, Inder, Afrikaner? – weniger von den ohnehin unglaubwürdigen Nachhaltigkeitsimperativen als von den vorgelebten Wohlstandspraktiken der selbsternannten Prediger inspirieren lassen? Würde das moderne Credo von komfortabler Fremdversorgung und immer höherer Bildung konsequent fortgeschrieben, wäre der Planet irgendwann nur noch von wohl situierten, ökologisch aufgeklärten Konsumenten bevölkert, die darüber kommunizieren, dass sich etwas ändern muss, aber niemanden mehr haben, dem sie die Schmutzarbeit dieser Änderung zuschieben können – außer einer technischen Infrastruktur, von der längst bekannt ist, dass sie nicht Teil der Lösung, sondern des Problems ist. Immer augenscheinlicher formt sich ein Befund aus, der an eine Binsenweisheit gemahnt, nämlich dass Scharlatane, die Wasser predigen, aber Wein trinken, den größten anzunehmenden Kommunikationsunfall verursachen: Sie reproduzieren die Schizophrenie einer Gesellschaft, deren Nachhaltigkeitsziele nie lauter bekundet wurden und deren Lebenspraktiken sich nie weiter davon entfernt haben. Deshalb gilt gerade aus kommunikationstheoretischer Sicht, dass Nachhaltigkeitsbemühungen, die sich an der Subjektorientierung vorbei schummeln, nicht nur überflüssig, sondern schädlich sind.

Der vollständige Aufsatz „Adiós Konsumwohlstand“ von Niko Paech erscheint am 4. Oktober in dem Sammelband die „Verantwortung des Konsumenten“ von Ludger Heidbrink, Imke Schmidt et al.(Hg.) im Campus-Verlag für € 34,90.

Beitrag von Niko Paech.
Bildquellen in Reihenfolge: Lothar Spurzem (CC BY-SA 2.0); Verlag; Franz Richter (CC BY-SA 2.0)

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Zur Person

Niko Paech ist außerplanmäßiger Professor an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, vertritt dort den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt (PUM) und ist Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ).

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