Zurück auf Anfang

„Den Anfang denken“ Der Philosophieprofessor Alfons Reckermann hat eine dreibändige Einführung in den Gedankenkosmos der Antike vorgelegt, die das Prädikat ‚Bildungsreise‘ verdient.

Der Westen steht am Scheidepunkt. Klimawandel und Peak Oil, Umweltverschmutzung und Finanzkrise, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung – all das erlaubt nur einen Schluss: So, wie es bisher war, kann es in Zukunft nicht weitergehen. Und so herrscht an Krisendiagnosen derzeit wenig Mangel. Auch auf dem Markt der Lösungsvorschläge und Alternativkonzepte ist die „neue Unübersichtlichkeit“, die Jürgen Habermas nach 1989 diagnostizierte, eher noch gewachsen. Was tun?

Nicht selten empfiehlt sich in schwierigen Lagen erst einmal der Blick zurück, in diesem Fall: auf die geistigen Wurzeln des westlichen Lebensmodells. Kann uns die kritische Rückschau auf die antiken Ursprünge des westlichen Denkens in der gegenwärtigen Misere weiterhelfen? Das führt sogleich zur nächsten Frage: Wo beginnen? Der antike Gedankenkosmos ist weit und nicht nur für ungeübte Geländegänger, nun ja, höchst unübersichtlich.

Alfons Reckermann, Philosophieprofessor in München, hat für dieses Dilemma einen Ausweg gefunden: In seiner dreibändigen Einführung Den Anfang denken lädt er seine Leserinnen und Leser zu einem geführten Gang durch die Antike ein – von den Ursprüngen des Logos im Mythos bis hin zur christlichen Metaphysik des Augustinus. Nicht Vollständigkeit ist das Prinzip, nach dem Reckermann seine Textauswahl getroffen hat. Ein solcher Anspruch müsste, wäre er denn überhaupt umsetzbar, selbst den leidenschaftlichsten Fachmann ermüden. Im Fokus steht das Problem des Anfangs, also die „Betrachtung der ersten Gründe und Ursprünge“ aller Dinge – der Natur wie der Welt menschlicher Angelegenheiten.

Wie ist die Frage nach dem Guten für das menschliche Leben mit der Frage nach dem Grund für den Zusammenhang der Natur verbunden?, so lautet die Leitfrage der Bände. Reckermanns Konzentration auf die philosophische Prinzipientheorie begründet infolgedessen auch seine selektive Auswahl. Namhafte Autoren wie beispielsweise Pythagoras, Demokrit oder Zenon von Elea sucht man im ersten Band der Reihe ( Vom Mythos zur Rhetorik ) vergeblich. Zum Glück, möchte man hinzufügen.

Statt lexikalische Wüsten auszubuchstabieren, präsentiert Reckermann einschlägige Textpassagen, unterbrochen und zugleich verbunden durch kongeniale Kommentare, die von den Primärtexten durch einen anderen Schrifttyp abgesetzt sind und sich in ihrer nüchternen Gelehrsamkeit auch von manch anderer Sekundärliteratur wohltuend abheben. Nicht unmittelbar eingängig ist der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel inspirierte methodische Leitfaden, „mit dem die angesprochenen philosophischen Konzepte, aber auch der Prozess, in dem sich das philosophische Denken in der antiken Welt entfaltet, als sinnvolle Einheiten zu verstehen sind.“ Dennoch ist die Einführung nicht nur an höhere Semester adressiert. Ihre zwischen philologischem Anspruch und verständig-verständlicher Unterrichtung austarierte Diktion macht auch einem breiteren Publikum im Durchgang durch die Antike begreiflich, wie die Frage nach den letzten Ursachen in den beiden Basisdisziplinen Metaphysik und Ethik gefasst und entfaltet, über Jahrhunderte hinweg reformuliert worden ist; anschaulich stellt Reckermann philosophisch wirkmächtige Lehren als Gebäude vor, die von architektonischen Plänen getragen werden (oder eben auch nicht) – und er erinnert fast beiläufig daran, dass die Rückbindung ethischer Werte und Normen an einen festen Baugrund, welcher Art auch immer, gewiss kein antikes, sprich: antiquiertes Problem ist.

Als „Verstehenshilfe“ für eine anschließende „vollständige Lektüre“ klassischer Texte will der Autor sein Werk verstanden wissen, als Wegweiser durch abgelegene Gefilde. Man kann das als Understatement auffassen, denn Reckermann hat mit seinem Vademecum, von Felix Meiner mit frischem Erscheinungsbild, Hardcover und Lesebändchen ausgestattet, eine klug komponierte Besinnung auf nichts weniger als die Ursprünge unserer Kultur vorgelegt. (Nebenbei: Ihre Fortsetzung durch einem Band zum neuzeitlichen Bruch mit der Antike und zum Neuanlauf des westlichen Denkens erscheint dringend wünschenswert.) Er ist dabei nicht der Versuchung erlegen, die Antike „auf eine vermeintliche Aktualität abzuklopfen“. Doch wer ihm auf seiner – selten passt das angestaubte Wort besser: Bildungsreise folgt, wer die Auseinandersetzungen und Transformationen des antiken Denkens „von ihrem genetischen Prinzip her nachvollzieht, kann auch erkennen, dass die Deutungsmuster, die im Streit zwischen theologischer, politisch-rhetorischer und naturalistischer Bestimmung des menschlichen Wirklichkeitsverständnisses, in der skeptischen Distanzierung von jeder Bestimmung des Anfangs aller Dinge, aber auch im Streit zwischen platonischer Philosophie, der Gnosis und dem Christentum wirksam gewesen sind, mit ihren der Moderne angepassten Realisierungsformen auch noch das gegenwärtige Wirklichkeitsverständnis mitbestimmen.“

Und so können wir, vom Anfang her denkend, zwar keine patenten Problemlösungen für die Krise der Gegenwart erhoffen, aber vielleicht ein tieferes Verständnis gewinnen für manche im wahrsten Sinn ursprünglichen Formen und Baupläne aktueller Auseinandersetzungen und Lösungsvorschläge. In unübersichtlichen Zeiten ist das kein schlechter Ausgangspunkt.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: Meiner-Verlag

Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Alfons Reckermann (2011): Den Anfang denken. Die Philosophie der Antike in Texten und Darstellung. Band I: Vom Mythos zur Rhetorik. Hamburg, 205 S., 28,90 Euro.
  • Alfons Reckermann (2011): Den Anfang denken. Die Philosophie der Antike in Texten und Darstellung. Band II: Sokrates, Platon und Aristoteles. Hamburg, 335 S., 38,00 Euro
  • Alfons Reckermann (2011): Den Anfang denken. Die Philosophie der Antike in Texten und Darstellung. Band III: Vom Hellenismus zum Christentum. Hamburg, 472 S., 48,00 Euro

    Alle drei Bände zusammen bis zum 31.10. in der Subskription für 98,00 Euro.
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