Die Mischung macht’s

„Vielfalt ist Sache eines Ganzen“ Wie sich über das „Miteinander der Kulturen“ nachdenken lässt, zeigen zwei Kulturwissenschaftler aus der Lausitz, einer zweisprachigen Region, in der die anerkannte Minderheit der Sorben lebt. Anmerkungen zum letzten Interview mit dem deutsch-sorbischen Schriftsteller Jurij Brězan

Die beiden Kulturwissenschaftler Robert Langer und Martin Walde führten zwischen Weihnachten und Neujahr 2005 ein Interview mit dem sorbisch-deutschen Schriftsteller Jurij Brězan, das Grundlage für einen Dokumentarfilm werden sollte. Brězans Tod im März 2006 setzte dem vielverheißenden Projekt ein jähes Ende. Fünf Jahre später, im März 2011, wurde dieses letzte Gespräch in doppelter Weise veröffentlicht. In gedruckter Form steht es im Mittelpunkt des Buches „Vielfalt ist Sache eines Ganzen“, das beim kultur.wissen.bilder-verlag in Dresden erschienen ist. In digitaler Form hält die inliegende DVD mit Auszügen aus dem Interview das letzte Bild- und Tondokument des wohl bedeutendsten sorbischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts bereit. Langer und Walde wollen jedoch mehr. Deshalb greifen sie das Gespräch mit Jurij Brězan für weiterführende „Überlegungen zum Miteinander der Kulturen“ (so der Untertitel des Buches) in zwei unterschiedlich akzentuierten Essays auf. Abgerundet wird das Buch schließlich durch zwei Texte von Peter Handke zum literarischen Schaffen Jurij Brězans.

Auszug aus dem letzten Interview mit Jurij Brězan

Jurij Brězan, 1916 in der Lausitz geboren, lebte „nicht nur in unterschiedlichen politischen Systemen – Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR, BRD – sondern auch in unterschiedlichen Kulturen – der sorbischen und der deutschen – und unterschiedlichen Sprachen – dem Sorbischen und dem Deutschen“. Dieser Schriftsteller, der nie ins Deutsche übersetzt werden musste, weil er das Gros seiner Bücher selbst in zwei Sprachen verfasste, konnte sich seiner Leserschaft in der DDR, in ganz Deutschland, vor allem jedoch bei den Sorben und fast allen slawischen Ländern so sicher sein, dass er nach dem Mauerfall von 1989/90 ohne jede persönliche Einbuße oder künstlerische Konzession überstand. Dies mag daran liegen, dass sich in Brězans Büchern eine Symbolik artikuliert, deren tieferer Sinn insbesondere Menschen zugänglich ist, die jene Sprache sprechen oder zumindest implizit verstehen, weil auch ihnen durch unterschiedliche Regime in Deutschland, die öffentliche Existenz aberkannt wurde. Auch in der DDR war das Überleben der Sorben trotz der zugebilligten Unterstützung gefährdet. Sorbische Dörfer, unter denen Braunkohle lagerte, wurden fortschreitend abgebaggert und sollten von der Landkarte verschwinden. Jurij Brězan, der im Dritten Reich als Widerständler mehrmals verhaftet worden war und von 1942 bis 1945 als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilnahm, begrüßte zunächst den DDR-Sozialismus. Er wurde deshalb auch umworben, bald aber schon als „Nationalist“ gebrandmarkt und für drei Jahrzehnte in ein Wechselspiel von öffentlicher Verurteilung und nachfolgender Rehabilitierung, von Ächtung und Ehrung involviert. Brězan war kein Regime-Dichter im klassischen Sinn des Wortes, sein Verhältnis zur Staatsmacht war fast durchweg kritisch und ambivalent. Dies lässt sich auch daran ablesen, dass er als langjähriger Vizepräsident des Schriftstellerverbands der DDR (1969-1989) eine zwar privilegierte Stellung innehatte, aber doch Vize und – wie Brězan es ironisch formulierte – ein „Vorzeige-Sorbe vom Dienst“ blieb.

Jurij Brězan und Peter Handke zu Ostern 2002

Brězan verstand es, die Entfaltung der tieferen Bedeutung seiner Werke selbst in veränderten historischen Kontexten sicherzustellen. Langer und Walde machen deshalb in ihrer Einleitung darauf aufmerksam, dass vor und nach der politischen Wende und der deutschen Wiedervereinigung Bücher von Brězan erschienen, in denen „auf unprätentiöse und nachdenkliche Weise Fragen der Menschlichkeit, Menschenwürde, Tod und Vergänglichkeit“ thematisiert werden. Nicht selten werden eigene Erfahrungen der Bodenlosigkeit gerade in Übergangssituationen wieder präsent, wobei sie immer auch Zeugnis von einem nie versiegenden Lebenswillen und einer schöpferischen Kraft ablegen, die wie ein mächtiger innerer Drang empfunden werden. Ähnliches lässt sich bei Brězan beobachten. Als Junge, so der Schriftsteller, habe er angefangen, Geschichten zu erzählen. „Endlose Geschichten“ habe er erzählt, die bis zu seinem Ableben nicht versiegten. Während des Gesprächs mit Brězan wurde den Interviewern Langer und Walde klar, dass ihr Beharren auf der „Folgerichtigkeit der ‚vernunftmäßigen‛ Logik“ methodisch auf Schranken stieß und dass es lohnender wäre, sich auf Brězans Geschichtenerzählen einzulassen, um so ein tiefergehendes Verständnis zu ermöglichen. Das zeichnete sich schon in der ersten Frage nach der Sprache ab, in welcher Brězan denke und ihm die Ideen kommen. Der Schriftsteller antwortete:

„Vielleicht ist es so, dass die Ideen sorbisch ausschlagen. Aber das ist nicht ausschließlich so, denn es ist wie ein Automat, der genauso sorbisch wie deutsch denkt. Grundsätzlich ist das gleich, weil die Idee zunächst wie eine kleine Kugel ist. Welche Farbe sie hat, ist egal. Aus dieser kleinen Kugel entwickelt sich, was gesprochen, was sprechend geschrieben wird.“

Jurij Brězan (1916-2006)
erlebte früh das gespannte Verhältnis zwischen Sorben und Deutschen in der Lausitz.
» ganzer Text

Zum Zeitpunkt des Interviews sind Langer und Walde nicht näher auf diese Äußerung eingegangen. Sie waren verwundert und fast irritiert darüber, was Brězan, der sich „stets zu seinen sorbischen Erfahrungen, zu seinem Sorbisch-Sein bekannte“, dazu gebracht haben mochte, dies behaupten zu können. Erst im Nachhinein fragt Walde nach der beabsichtigten Aussage. In seinem Text „Die eigene und die fremde Wahrheit“ stellt er die Überlegung an, ob Brězan mit seiner Antwort andeuten wollte, dass sein Denken „eher wie eine automatische – um nicht zu sagen ‚technische‘ – Angelegenheit sei“ und literarisches Schreiben „nicht einfach nur bloßes Denken, Sezieren, Vermessen, Teilen oder Abgrenzen“, sondern etwas darüber hinaus. Gewiss artikuliert sich darin eine Ununterscheidbarkeit zwischen Sprache und Schrift („was gesprochen, was sprechend geschrieben wird“) sowie eine Ethik, die die Sprache des Anderen einbezieht sowie die Einsicht impliziert, dass das Eigene vom Anderen abhängig ist und umgekehrt. Walde verdeutlicht weiterhin, dass die von Brězan beschriebenen Bilder, die (auch) im Interview zum Tragen kamen, voller Leben sind. „Und sie lösen eine Folge anderer Bilder aus, oft scheinbar ohne jeden logischen Zusammenhang. Doch in jedem Bild findet sich ein Lebenskeim, der sich entfaltet und sich zu anderen fügt. So ging er sensibel auf das Geschehene ein und machte die Vergangenheit lebendig und auf seine Weise wahr.“ In Brězans Offenheit für das Lebendige lässt sich das produktive Potential ausmachen: seine Fähigkeit, sich den Phänomenen zu überlassen und sich ihnen gleichsam anzuschmiegen, ohne dass dies auf Kosten von Analyse oder Reflexion ginge.

Jurij Brězan während der Protestveranstaltung gegen die Schließung der sorbischen Schule in Crostwitz, 2001

Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die Sagenfigur des Krabat, mit der sich Jurij Brězan in vielfältiger Weise auseinandersetzte, die aber keinesfalls nur eine sorbische Sagenfigur ist. Von verschiedenen, auch deutschen, Autoren rezipiert und in mehreren Büchern und Filmen präsent, ermöglicht der Krabatstoff das Aufeinander-Zugehen zwischen Sorben und Deutschen, wie Robert Langer in seinem Aufsatz „Nachdenken über Kultur und Identität“ argumentiert. Doch was ist die Kernaussage des Krabat-Stoffes? Und was macht diesen so populär, dass er über den Zeitraum von schon fast 200 Jahren in Literatur und Medien immer noch so aktuell ist? Brězan selbst musste sich für eine Antwort auf diese Fragen auf die Suche machen und stieß dabei auf folgende Kernaussage der Sage: „Wissen ist Macht und Macht macht frei.“ Seines Erachtens ist das eine ganz einfache Erfindung der sorbischen, aber auch jedweder Bevölkerung, die unter ähnlichen Umständen wie die Sorben gelebt hat, und der das Wissen der herrschaftlichen und geistigen Eliten vorenthalten wurde. „Es war also ganz einfach zu denken: Man muss Wissen erwerben, um Macht zu sein, und Macht macht frei.“ Brězan zitiert in diesem Kontext aus seinem Vorwort zu den Volksmärchen der Sorben, die unter dem Titel „Die Jungfrau, die nicht ins Bett wollte“ im Jahre 2006 erschienen sind: „Unsere Ausflüge zu den Schlössern waren keine Erfahrung von Wirklichkeiten, sondern schmerzhafte Träume und sprachlose Hoffnungen, dass die Gleichheit, die den Toten gegeben ist, als natürlich auch den Lebenden gehöre.“

Brězan lenkt hier besonderes Augenmerk auf die Frage, in welcher Weise die vergessenen, besser verdrängten Geschichten bereits auf der Ausdrucksebene der Sprache ihren Niederschlag finden: in Spuren, Brüchen, potentiellen Einbrüchen ins Schweigen. Aber auch auf eine deutliche Warnung, die die Krabat-Sage enthält, denn die Zauberkunst (das Wissen) zu verwenden, ist für Krabat mit Angst und großen Gefahren verbunden. Andererseits kann sich die Nutzung des Wissens im Sinne eines genetic engeneering gegen den Menschen selbst wenden, indem er zu einem nützlichen, fügsamen und jederzeit klonbaren Wesen umgestaltet wird, wie dies Brězan in seinem wohl bekanntesten Roman „Krabat oder die Verwandlung der Welt“ (1976) darstellt. Brězan verweist im Interview auch auf die Gefahren der elektronischen Medien, die das erreichen könnten, was keine Diktatur bisher in dem Maße erreicht hat. Dennoch habe er Vertrauen in die menschliche Vernunft. Das Bild der Vernunft, dass Brězan vorschwebt, ist eine intersubjektive kommunikative Vernunft der Lebenswelt für „eine Welt, in der das Miteinander der verschiedenen Arten von Leben neu geordnet ist“. Die Basis für diese Neuordnung sind Herrschafts- und Gewaltfreiheit sowie gegenseitige Anerkennung. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen als Angehöriger der sorbischen Minderheit wendet sich Brězan gegen die wohlmeinenden schönen Reden der Politiker und appelliert: „Aber wenn sie uns wirklich helfen wollten zu überleben, damit wir uns endlich wieder erholen – nach der Katastrophe des Nazismus –, dann müssten sie in den Sonntagspredigten ihre Landsleute wenigstens dazu ermahnen, uns nicht mehr für ihre Untermieter zu halten, sondern als wirkliche Nachbarn betrachten.“

Brězan hat im Interview viele Dinge angesprochen, die aufgrund seines plötzlichen Todes nicht mehr vertieft diskutiert werden konnten. Die beigegebenen, sehr anregenden Essays von Robert Langer und Martin Walde knüpfen an dieses Interview an und denken es weiter. Dabei bleibt der Schriftsteller zugleich Fenster, durch welches hindurch die Zurückgebliebenen die Welt erschauen und begreifen können, und Spiegel, in dem sie sich, wenn notwendigerweise auch verzerrt, selbst sehen können. Dieses Zerrbild führte die beiden Wissenschaftler zu einer Korrektur in ihrer wissenschaftlichen Herangehensweise an ihr Bild von Jurij Brězan. Das ermöglichte ihnen, sich auf die Geschichten Brězans einzulassen und im Nachhinein die mit ihnen verbundenen Themen von Minderheit und Mehrheit, Kultur und Kulturen als Beitrag für die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten zu reflektieren.

Robert Langer, Měrćin Wałda/Martin Walde
VIELFALT IST SACHE EINES GANZEN:
Überlegungen zum Miteinander der Kulturen

Enthält das letzte Interview mit dem sorbisch-deutschen Schriftsteller Jurij Brězan (1916-2006)
kultur.wissen.bilder.verlag, Dresden 2011
136 Seiten, 100 Abb., DVD
Format 21 x 27 cm, Hardcover
ISBN 978-3-9814149-0-5
19,90 Euro

Beitrag von Marija Jurić Pahor.
Bildquellen in Reihenfolge: Thorsten Ahrend, kwbverlag; kwbverlag (2)

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Zur Person

Marija Jurić Pahor , Studium der Pädagogik und Soziologie an den Universitäten Klagenfurt und Ljubljana; Senior Research Fellow am Inštitut za narodnostna vprašanja / Institute of Ethnic Studies in Ljubljana; lebt seit 1989 hauptsächlich in Triest. Forschungsschwerpunkte: Minderheiten (insbesondere SlowenInnen in Kärnten und in Italien), Ethnizität, Transkulturalismus, Faschismus, Nationalsozialismus und Gedächtnisforschung.

Kategorien

Themen: Kultur | Soziologie | Sprachen
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