Auf der Rhetorik-Couch

„Das befreite Wort“ Der Kölner Rhetorik-Trainer Peter Sprong hat einen ungewöhnlichen Ratgeber geschrieben. Statt die üblichen methodischen Kniffe zu verkaufen, lotet er das (typisch deutsche) Unbehagen an der öffentlichen Rede aus und schickt seine Leser auf die Reise zu den Quellen von Scham und Schuld.

Noch so ein Rhetorik-Ratgeber! Mitnichten. Der Journalist, Redenschreiber und Coach Peter Sprong hat ein ungewöhnliches Buch über die Kunst der Rede vorgelegt. Dessen Untertitel – Was für gute Redner wirklich wichtig ist – verheißt hochwirksame Profitipps. Genau das richtige für einen Mittelstreckenflug zwischen zwei Präsentationen. Doch immer dort, wo das Buch, selten genug, zum konkreten Ratschlag ansetzt, verweist es den verdutzten Leser zugleich weiter – in die Untiefen der eigenen Seele respektive auf die Couch des Psychologen. Und da gehören insbesondere deutsche Oratoren offenbar auch hin. Statt Atemtechnik und PowerPoint-Gestaltung lehrt Sprong sie die tiefenpsychologischen Mechanismen hinter ihrer Rede-Unsicherheit verstehen.

In deren Zentrum sitzt Sprong zufolge die Scham, gespeist von drei beharrlichen Rhetorik-Mythen: dem Mythos der Manipulation, dem Mythos sündhafter Eitelkeit und dem Mythos der Authentizität. Ersterer wird laut Sprong von einem „kleinen Mann mit langem Schatten“ genährt: Joseph Goebbels. Rhetorik = Manipulation, lautet die simple und falsche Gleichung, die hierzulande aus der berühmt-berüchtigten Sportpalastrede des einstigen Reichspropagandaministers („Wollt ihr den totalen Krieg?“) abgeleitet wird. Dabei, erläutert Sprong souverän, ist die vermeintliche rhetorisch-diabolische Meisterleistung gerade eines nicht: ein Musterbeispiel für Manipulation. Der Mythos erfüllt vor allem eine Entlastungsfunktion. Er steht im Dienst der Abwehr von Scham und Schuld. Während er einerseits vor- und halbbewusste (rhetorische) Größenphantasien und Heldenträume bedient, aktualisiert er andererseits das kollektive, bis auf Platon zurückgehende Vorurteil gegen die ,oberflächliche‘ und ,manipulative‘ Redetechnik der Sophisten. So sehnen sich Redner laut Sprong im Allgemeinen nach eben jenem Auftritt, vor dem sie sich am meisten fürchten (und umgekehrt).

Was tun? Gegen die Schatten der Vergangenheit, gegen Mythos und Scham hilft kein verschärftes Methodentraining. Wer wirklich etwas zu sagen hat, ist gut beraten, nicht an seiner Redetechnik oder seinem Manuskript zu feilen und dabei womöglich noch – typisch deutsch – krampfhaft jedes Pathos zu meiden. Es kommt vor allem und zuerst, wie Sprong immer wieder betont, auf die Klarheit der inneren Haltung an, die man sich vor der Rede im Hinblick auf Sache und Publikum erworben hat, auf Überzeugungen und Werte, kurz: auf Inhalte, die man selbst für solche hält. Erst im zweiten Schritt kommt – und dann nicht selten leichtfüßig – die (richtige) Verpackung ins Spiel. In Abwandlung eines bekannten Designgebots ließe sich sagen: Form follows conviction. Dazu tritt nach Sprong entscheidend der Respekt vor dem jeweiligen Gegenüber, die Fähigkeit, sich in ein Publikum einzufühlen und mit ihm in Dialog zu treten. In einem biblisch anmutenden Bild, das der Autor immer wieder bemüht: Der gute Redner ist wie ein guter Hirte. Er wartet nicht am anderen Ufer, bis seine Schäfchen von alleine den Fluss überquert haben. Er geht zu ihnen, um sie hinüberzugeleiten.

Der zweite Mythos betrifft die ,Sünde der Eitelkeit‘. Seit dem Mittelalter gelten Selbstdarstellung und Geltungsdrang als verwerfliche Charakterunart. Sprong, der sich auf den Psychoanalytiker Leon Wurmser beruft, sieht im Lampenfieber des Redners deshalb einen Nachhall mittelalterlicher Bestrafungsangst. Wer beides zähmen wolle, müsse sich auf die langwierige innere Reise „zu den eigenen ,Felix Krull‘-Schreckbildern“ machen (Felix Krull heißt der Hochstapler, dessen Bekenntnisse Thomas Mann in seinem unvollendeten Roman wiedergibt). Dort, in den schwerer zugänglichen Bereichen der menschlichen Psyche also, sieht Sprong den eigentlichen „Schlüssel für eine Veränderung“.

Befreien soll sich der Redner auch vom dritten Mythos, dem der Authentizität . Er beruht laut Sprong auf einer schnöden, aber folgenreichen Verwechslung, die einmal mehr in die Falle der Scham führt. Wer spricht, muss nicht authentisch sein (denn wer könnte und – mit allen Macken und Schwächen – wollte das je?). „Gefragt ist nicht Authentizität, sondern Rollen-Authentizität.“

Was nun ist für den guten Redner wirklich wichtig?: „Die Grundlage echter rhetorischer Wirkung ist die subjektive Gewissheit. Genau die aber prägt [...] das vorherrschende Bild und den Ton des öffentlichen Redens in Deutschland nicht.“ Für Tausende Geschäftsleute, die mit lächerlichen Foliensätzen und hanebüchenem Marketing-Sprech für ebenso abstruse wie überflüssige Produkte werben müssen, ist das wahrlich keine frohe Botschaft. Für viele deutsche Politiker leider auch nicht. Für jene hingegen, die es mit der erforderlichen Selbsterforschung ernst meinen, kann Sprongs Buch den Beginn einer befriedigenden Redekarriere markieren, weil es die dramatis personae – den Redner und sein Publikum – als Individuen und als Dialogpartner ernst nimmt.

Zwar kann der Autor die psychologische Dimension seiner Einsichten auf knappen 149 Seiten nur anreißen. Und so steht der Leser mit der Suche nach geeigneter Begleitung auf der Reise zu jenen tief sitzenden Schuld- und Schamgefühlen, die der Autor am Ursprung aller Rede-Malaise verortet, ziemlich alleine da. Dabei ist Sprong zufolge doch zunächst gerade der Therapeut – und nicht der Rhetorik-Coach – gefragt, wenn aus einem gehemmten, unentschlossenen, verunsicherten Redner ein guter Orator werden soll. Als Schönheitsfehler im Text erweisen sich zudem die permanenten Hinweise auf das Blog zum Buch – mit dem immergleichen Link. Einmal auf der umfangreichen Seite , muss man mühsam nach den einzelnen Einträgen suchen, auf die das Buch verweist.

Doch Sprongs Verdienst um die Redekunst kann das nicht schmälern. Sein kleines Bändchen präpariert, untermalt mit zahlreichen positiven wie negativen Beispielen von Klaus Zumwinkel über Shakespeares Königsdramen bis Joachim Gauck, die Essenz gelingender Rede heraus und verteidigt sie gleichermaßen klug wie unterhaltsam gegen die uferlose Flut hirnrissiger, wirkliche Redeprobleme lediglich verschlimmbessernder Ratgeberliteratur.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: nicolai-Verlag, Berlin

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Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Peter Sprong (2011): Das befreite Wort. Was für gute Redner wirklich wichtig ist. Berlin: nicolai, 149 S., 19,95 Euro.

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Themen: Wissensgesellschaft
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