März 2001

Fliegende Kröten - oder: Ein Wissenschaftler aus Leidenschaft

Wie bringt man Kröten das Fliegen bei? Für den 14jährigen Kary Mullis war das eine spannende Frage. Zusammen mit seinem Bruder stopfte er die verwirrten Tiere in ein Gefäß und schoß sie dann mit einer selbst gebastelten Kanone in die Luft. Besonders angetan werden die Tiere von diesem Abenteuer wohl nicht gewesen sein. Dem jungen Kary und seinem Bruder machten die Versuche jedoch einen Heidenspaß.

Trotzdem ist Kary Mullis kein Raketenbauer oder Luftfahrtingenieur geworden. Er wurde Chemiker. Zum Glück. Heute, 41 Jahre später, gehört er zu den wichtigsten Wissenschaftlern der letzten Jahrzehnte. Durch die Entdeckung der PCR, der "Polymerase-Kettenreaktion", revolutionierte er die Biochemie. 1992 wurde Mullis "Wissenschaftler des Jahres" in Kalifornien, 1993 erhielt er den Nobelpreis für Chemie, im gleichen Jahr den Japanpreis und wurde 1998 in die sogenannte "Hall of Fame" eingeführt.

Doch trotz aller Glorie, trotz Nobelpreis und Lehrstuhl an der Universität von Kalifornien unterscheidet er sich von altehrwürdigen Professoren. Er ist schlank, von mittlerer Größe und trägt einen schicken Anzug, zu dem die fahrigen Gesten des wirren Chemikers so gar nicht passen wollen. Mund und Augen bestätigen den Verdacht, dass sich hinter dem rätselhaften Gemisch aus Business und Genie noch mehr verbirgt: In seinen Blicken glitzert der Schelm, immer wieder erscheint ein verschmitztes Lächeln; er hat den Charme eines kleinen Jungen.

"Ich war wirklich nicht zu bremsen. Meine Mutter hat immer schrecklich geschimpft, wenn ich etwas aus ihrer Küche gestohlen hatte, um meine Kanonen zu basteln". Doch aller Ärger konnte den kleinen Kary nicht von seiner Neugier abbringen. Es war auch zu spannend, wie eine kleine Explosion am unteren Ende eines Rohres eine in dem Gefäß sitzende Kröte meterweit in die Luft katapultieren konnte.

Als die Kröten nicht mehr weiter fliegen wollten und die Schulzeit sich dem Ende neigte, musste Kary sich überlegen, was er denn studieren wollte. Seine Entscheidung, Chemie zu studieren konnte er gut begründen: "Ich wollte wissen, was denn um Himmels willen dafür sorgt, dass ich nach ein paar Bieren am Abend so einen entsetzlichen Kater am nächsten Tag hatte. Das musste etwas mit unserem Körper und seiner Chemie zu tun haben". Kary studierte also und wurde laut eigener Aussage "zu einem der durchschnittlichsten Chemiker in unserem Labor".

Es war eine ganz normale Autofahrt, die sein Leben verändern sollte. Damals, vor mittlerweile gut 20 Jahren fuhr er mit seiner Frau ins Wochenende. Bei der nächtlichen Fahrt spielte er im Kopf mit Molekülen herum, setzte sie immer wieder neu zusammen, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. "Ich konnte es gar nicht glauben, aber wenn das alles so stimmte, dann musste ich mit dieser Idee den Nobelpreis bekommen."

Und so kam es auch. "Erst wollte ich gar nicht glauben, dass noch niemand diese einfache Idee gehabt hatte," so Mullis. Bisher waren sowohl Biologen als auch Mediziner immer an dem Problem gescheitert, daß man Erbsubstanz (DNA) nicht künstlich im Reagenzglas vermehren kann. Will man z.B. herausfinden, ob jemand AIDS hat, dann benötigt man eine ausreichende Menge an DNA, um überhaupt einen AIDS-Test durchführen zu können. Mullis hatte nun die entscheidende Idee - er erfand eine Technik, mit deren Hilfe man ein einziges DNA-Molekül in nahezu beliebiger Menge vervielfachen kann.

Diese sogenannte "Polymerase-Chain-Reaction" (PCR) hat die gesamte biologische und medizinische Forschung revolutioniert. Die Liste von Anwendungsmöglichkeiten reicht vom "genetischen Fingerabdruck" bis hin zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts (Humangenomprojekt). "Aber damals wollte mir keiner glauben. Freunde erklärten mich für verrückt, als ich ihnen immer und immer wieder von den unglaublichen Möglichkeiten der PCR erzählte," erinnert sich Mullis. Er machte Tests, wies all seine Vermutungen nach, schrieb die Ergebnisse auf und schickte sie an die beiden größten Naturwissenschaftlichen Zeitschriften: Science und Nature. "Ich hab heute noch die Absagen von beiden," lacht Mullis und zwinkert wieder.

Die Arbeit, für die er zehn Jahre später den Nobelpreis bekam, wurde von den beiden großen Blättern für bedeutungslos gehalten. "Aber ich habe nicht aufgegeben, das kam für mich gar nicht in Frage". Er fand eine kleinere Zeitschrift, die seine Ergebnisse veröffentlichte, die PCR wurde bekannter und bekannter und erst zehn Jahre später - im Jahre 1993 - bekam Mullis den Nobelpreis für diese Entdeckung. Und dann? Die Gerüchteküche munkelt, dass der Kalifornier sich danach zur Ruhe gesetzt haben soll. Er soll sich eine Surfschule gekauft haben und nun in der Sonne braten.

Darauf angesprochen reagiert der sonst so fröhliche Forscher geradezu brüskiert: "Wer verbreitet denn so einen Unsinn? Natürlich bin ich noch im Labor!" Genauer gesagt ist er Chef der Forschung des Burstein-Laboratorium in Kalifornien. Das Unverständnis in seinen Augen macht es deutlicher als tausend Worte. Mullis ist Wissenschaftler aus Leidenschaft, er wird vermutlich noch in dreißig Jahren forschen. Vielleicht untersucht er ja dann die Flugfähigkeit von Surfbrettern. Zuzutrauen wäre es ihm.

Beitrag von Sina Bartfeld

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