Wenn Wissenschaft krank macht

* An vielen Universitäten herrschen schlechte Arbeitsbedingungen für Nachwuchswissenschaftler. Gesellen sich Zeitnot und permanente Überforderung dazu, ist die Grenze zu ernsthaften psychischen Erkrankungen schnell erreicht.

Plötzlich war für Alexander Matz (Name v. d. R. geändert) einfach Schluss. Jemand hatte seinen Stecker gezogen und der Akku war leer. Während der Kräfte zehrenden Examensphase verlangte sein Professor, er möge doch noch rasch einen Aufsatz bis zum Wochenende überarbeiten. Und, bitte, keine Ausflüchte, von wegen: Ich habe doch nächste Woche Prüfung! Matz gehorchte – und brach zusammen. Für die Prüfungen lernen, im Kolloquium und am Lehrstuhl mitarbeiten und zu alledem auch noch keine halbwegs gesichterte finanzielle Perspektive als zukünftiger Doktorand. Das war zuviel für den aufstrebenden Jungakademiker, der bis dahin stets durch Fleiß, Interesse und ausgezeichnete Noten aufgefallen war.
Die Ärztin, die Matz nach mehreren von Panikattacken durchpflügten Nächten konsultiert, diagnostiziert eine Erschöpfungsdepression. Sie verordnet ihm ein mildes Psychopharmakum und Ruhe. Matz verschob seine Prüfungstermine und flüchtete erst einmal zu seinen Eltern.

„Ich bin grad ein bisschen depressiv“. Der alltäglich gewordene Umgang mit dem Begriff Depression führt zu einem Miss-Verständnis.
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Ein tragischer Einzelfall, möchte man meinen. Doch der Nachwuchsakademiker ist mit seinen bedrückenden Erfahrungen nicht alleine.
Immer mehr junge Forscherinnen und Forscher klagen über Emotionslosigkeit, Erschöpfungszustände, Niedergeschlagenheit und das Gefühl, in einem Hamsterrad zu rotieren. Sie fühlen sich von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen, eingeklemmt zwischen Verwaltungsarbeit, Lehrverpflichtungen und den häufig übertriebenen Ansprüchen an eine brillante Promotion oder Habilitation, am besten in Rekordzeit.
Das alles verschlägt so manchem erst den Appetit, dann die Lust auf Unternehmungen und soziale Kontakte. Wenn sich dann auch noch Schlafstörungen und Angstzustände dazu gesellen, ist die Schwelle zu einer klinischen Erkrankung bald erreicht.

Doch statt aus diesem fatalen Kreislauf auszusteigen und den Raubbau an den eigenen psychischen und physischen Ressourcen zu stoppen, greifen viele junge Wissenschaftler zu Stimmungsaufhellern. Längst handelt es sich dabei nicht mehr nur um alte Hausmittel wie das für seine Nerven beruhigende Wirkung bekannte Johanniskraut. „An unserem Institut haben fast alle während ihrer Qualifizierungsphase, das heißt während ihrer Promotion oder Habil, Pillen geschluckt“, sagt ein junger Assistent – hinter vorgehaltener Hand.

Wer an den Universitäten vorsichtig nachbohrt, erfährt, dass viele junge Wissenschaftler von ähnlichen Problemen betroffen sind. Nur wenige geben zu, dass sie oder ihre Kommilitonen zur Tablettenpackung greifen. Sogar dann, wenn diese Medikamente abhängig machen, wie im Fall etlicher Psychopharmaka beziehungsweise Schlaftabletten. Die Jungforscher befinden sich damit allerdings in bester Gesellschaft: Jede vierte Krankschreibung erfolgt heute aufgrund psychischer Störungen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depressionen in fünfzehn bis zwanzig Jahren zu den häufigsten Krankheiten überhaupt zählen werden. Schon ist von einer neuen ,Volkskrankheit‘ die Rede.
Zuverlässige Zahlen über die Häufigkeit von Erkrankungen oder den Psychopharmakagebrauch bei Wissenschaftlern existieren nicht. Weder bei den Meinungsforschern in Allensbach, noch in Form von wissenschaftlichen Studien an Universitäten.

Das wundert jedoch kaum. Denn die Angst, sich Rat oder ärztlichen Beistand zu holen, geschweige denn, das eigene Leiden publik zu machen, ist hoch. Man hört und liest nur selten über das Seelen(un)heil unserer wissenschaftlichen Elite, weil an den Universitäten nicht gerne über ,Psychoprobleme‘ gesprochen wird.
Wer dem hohen Leistungsdruck nicht Stand hält oder seine Schwierigkeiten damit signalisiert, gilt an der Alma Mater schnell als ,Weichei‘, als Versager. Etablierte Professoren geben die Marschrichtung vor: Wer wirklich erfolgreich sein wolle, müsse eben eine 60-Stunden-Woche in Kauf nehmen, auch am Wochenende arbeiten. Das ganze wird dann unter dem Label ,Wissenschaft als Lebensform‘ verbrämt.
Unter diesem wirklichkeitsfremden Idealbild leidet nicht nur das soziale und familiäre Umfeld, sondern langfristig auch die Leistungskraft erheblich. Wie im Fall von Alexander Matz. Besonders der akademische Mittelbau, die Assistenten, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Doktoranden, sind betroffen.

Das Burnout-Syndrom ist eine Erkrankung, die sich in emotionaler Erschöpfung, Abstumpfung oder Zynismus und reduzierter Leistungsfähigkeit manifestiert.
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„Die Leute stehen unter enormem Druck“, sagt Dr. Konrad Leitner, Arbeitspsychologe an der TU Berlin und Co-Autor einer Studie über Arbeitsbelastungen von wissenschaftlichen Mitarbeitern an seiner Universität.
Wer auf unterfinanzierten Stellen tagtäglich zwölf, dreizehn Stunden und länger mit veralteter Ausstattung Lehre und Forschung betreiben, dazu Verwaltungsarbeit und vielleicht auch noch eine Familie unter einen Hut bringen müsse, und das alles ohne eine klare Zukunftsperspektive, geschweige denn eine Festanstellung in Aussicht zu haben, laufe schnell Gefahr, innerlich auszubrennen, so Leitner.
Isolation, schlechte bis gar keine Betreuung, Leistungsdruck, Zeitprobleme und Zukunftsängste bilden dann rasch einen Abwärtsstrudel, der das seelische Gleichgewicht mit sich reißt. Dazu kommen hausgemachte Stressfaktoren wie zu hohe Selbstanforderungen, begleitet von Zweifeln und Selbstkritik („Heute wieder NUR sieben Stunden am Schreibtisch gesessen“).

Meist zeigen sich erste Krankheitssymptome, zum Beispiel Schlafstörungen, Gereiztheit oder steigender Alkoholkonsum, nach einer Inkubationszeit von ein bis zwei Jahren. Danach kann es unter unveränderten Bedingungen jedoch schnell abwärts gehen. Ob es am Ende zu einer ernsthaften Erkrankung kommt, einem Burnout-Syndrom oder einer Depression beispielsweise, hängt auch von individuellen Faktoren wie genetischen Dispositionen oder Vorerkrankungen ab. Dennoch spielen die Arbeitsumstände eine entscheidende Rolle.

Die meisten Nachwuchsakademiker haben – auf der strukturellen Ebene – entweder mit zu viel oder zu wenig Arbeit und Herausforderung zu kämpfen. Während die einen vor lauter Lehrstuhlarbeit für ihre Vorgesetzten keine freie Minute mehr haben, sitzen die anderen isoliert im dunklen WG-Zimmer und brüten einsam über ihrer Doktorarbeit. Sie sind besonders gefährdet, denn neben einem verlässlichen Zeitgerüst, das auch einen regelmäßigen Feierabend kennt, fehlt ihnen besonders der fachliche Austausch, aber auch der Zuspruch von Kollegen und Leidensgenossen.

Der Freiburger Arbeitspsychologe und Gesundheitsforscher Dr. Andreas Krause, Habilitand im Rahmen des Elite-Postdoktoranden-Programms der Landesstiftung Baden-Württemberg, nennt als zusätzlichen Belastungsfaktor noch die unsicheren Zukunftsperspektiven. Universitäre Karrieren sind nach wie vor sehr schlecht planbar. An Familiengründung ist dann kaum zu denken. Zudem ist die Konkurrenz erheblich, besonders während und nach der Habilitationsphase. Das drückt die Stimmung selbst bei robusteren Naturen.

Was Stress ist, weiß jeder. Könnte man meinen. Tatsächlich ist weder der alltägliche Sprachgebrauch eindeutig, noch gibt es eine allseits unbestrittene wissenschaftliche Definition.
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Gerate die Balance zwischen positiven Ressourcen (der großen Autonomie, aber auch Kreativität wissenschaftlicher Arbeit) und negativen Belastungen (zu wenig Geld für zu viel Arbeit, strenge Hierarchien und mangelhafte Betreuung) durcheinander, könne es schnell zu „Gratifikationskrisen“ kommen, so Krause. Zwischen dem, was man in eine wissenschaftliche Arbeit an Zeit, Motivation und Idealismus hineinstecke, und dem, was man zurückbekomme, klaffe plötzlich eine große Lücke. Sinkende Motivation, Frust oder Rückzug in die innere Emigration, im schlimmsten Fall der Abbruch einer wissenschaftlichen Arbeit oder Karriere, seien mögliche Folgen. Manchmal aber auch eine ernsthafte seelische Erkrankung.

Doch zum Glück lässt sich eine drohende Erschöpfung, ein Burnout oder gar eine Depression rechtzeitig erkennen, abfangen und behandeln. Erste Hilfe für Studierende und junge Wissenschaftler gibt es vor Ort in den Beratungsstellen der jeweiligen Studentenwerke, die über eigene psychologische Dienste verfügen. Dort werden therapeutische Gespräche geführt oder aber externe Experten eingeschaltet, wenn sich ein Problem, eine Störung als hartnäckiger erweist.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, empfiehlt Krause dem Nachwuchs, sich möglichst gut zu vernetzen, den Austausch mit Kollegen zu suchen und das eigene Forschungsprojekt in Rücksprache mit einem oder mehreren Betreuern auf ein realistisches Maß zu stutzen. „Die meisten nehmen sich zu viel vor“, sagt er. Am besten erreiche man jedoch konkrete, klar formulierte und überschaubare Etappen-Ziele. Zusätzlich sollte man ausreichend Pausen und Erholungsphasen einplanen (,work-life-balance‘). Gerade wissenschaftliche Tätigkeiten benötigen Zeitreserven für Unvorhergesehenes, zum Nachdenken und gedanklichen Abschweifen. Intensive Arbeitsphasen, durchaus auch des Nachts oder über mehrere Tage, müssen von kreativen Pausen und Entspannungsphasen begleitet und unterbrochen werden, bevor es zu spät ist und die eben noch agile Geisteskraft erlahmt.

In puncto Arbeitsbedingungen sieht Krause, genau wie sein Kollege Leitner, jedoch vor allem die Universitäten in der Pflicht. Diese müssten dafür sorgen, dass Doktoranden ausreichend betreut werden und genügend Kontakt und Austausch mit etablierteren Wissenschaftlern bekommen. „Wissenschaft ist ein sozialer Prozess“, sagt Krause. Das Ideal des genialen Elfenbeinturmbewohners, der in stiller Einsamkeit zu bahnbrechenden Erkenntnissen gelange, sei ein akademisches Märchen.

Der Arbeitsforscher weiß, dass Spitzenleistungen ein stimulierendes, aktivierendes soziales Umfeld benötigen. Dazu gehörten neben guter Ausstattung (mit Büchern, Laborgeräten, Büros etc.) und ausreichenden Mitteln für Kongressreisen auch flache Hierarchien am Lehrstuhl: „Der kollegiale Umgang, darunter fällt auch das informelle Mittagessen mit den Chefs, stimuliert zugleich die fachliche Arbeit“.
Darüber hinaus sei besonders der Faktor Karriereplanung wichtig. Wer sich als Privatdozent bewährt habe, müsse Aussicht auf eine feste Stelle bekommen (tenure track), findet Krause. „Unter diesen Bedingungen“, fügt er hinzu, „gehört die wissenschaftliche Laufbahn übrigens zu den gesundheitsförderlichsten Karrieren überhaupt“. Wo sonst könne man schließlich so eigenverantwortlich seine eigenen Ideen und Interessen bei relativ hoher gesellschaftlicher Akzeptanz verfolgen.

Alexander Matz hat seine Prüfungen inzwischen gut überstanden, obwohl – oder eher weil – er sich nicht mehr so viel vorgenommen hat. Auch am Lehrstuhl tritt er etwas kürzer. „Wenigstens der Sonntag ist für mich heute wirklich heilig“, sagt Matz. Statt jeden Tag über seinen Büchern zu sitzen, geht er nun lieber ab und zu wandern oder ins Kino. Ein Beispiel, dass Schule machen sollte. Ansonsten läuft die Universität Gefahr, in den nächsten Jahren ihre wichtigsten Ressourcen – die jungen Nachwuchsforscher – auszuhöhlen. Schon heute sind die Bewerberzahlen auf Mitarbeiterstellen an vielen Universitäten rückläufig.

„Jobs, die krank machen, will keiner haben, auch nicht in wirtschaftlich schlechten Zeiten“, gibt Konrad Leitner zu bedenken. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Problem politisch rasch erkannt und korrigiert wird. Alles andere, so Leitner, könnte in einer Wissensgesellschaft, die wirtschaftlich von ihren akademischen Eliten zehrt, fatale Konsequenzen haben.

Beitrag von Christian Dries und Cosima Dorsemagen (Infokästen)

Links zum Thema

  • Online Casino
  • Bin ich depressiv – und wie depressiv sind die anderen? Ein Selbsttest zur Seelenlage der Nation.
  • Link zum Kompetenznetz Depression.
  • Link zur WM-Studie der TU Berlin.
  • Zur Homepage von Andreas Krause.
  • Das Doktoranden-Netzwerk Thesis vermittelt (lokale) Kontakte zu anderen Promovierenden.

Zur Person

Christian Dries ist Chefredakteur dieses Magazins. Er promoviert in Philosophie.
Cosima Dorsemagen ist Diplom-Psychologin und hat an der Universität Freiburg studiert.

Literatur

  • Otto Benkert (2005): Stressdepression. Die neue Volkskrankheit und was man dagegen tun kann. München. (Mit Fallbeispielen und einem Selbsttest auf CD-ROM.)
  • Ronald J. Comer (2001): Klinische Psychologie, 2. Aufl. Heidelberg.
  • Alain Ehrenberg (2004): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt/M.

Kategorien

Themen: Karriere | Medizin | Promotion | Psychologie
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