Manche müssen draußen bleiben

Die russische Hochschullandschaft ist durch Elitedenken geprägt und lässt Iwan Normalbürger auf der Straße stehen. Doch selbst Studierende kommen nicht einfach in die Bibliothek. Eindrücke aus St. Petersburg.

„Passierscheine sind aufgeklappt vorzuzeigen!“ Derartig an der Eingangstür vorgewarnt wird einem gleich klar, dass reine Neugier auf das Unileben nicht ausreicht, um an der St. Petersburger Staatlichen Universität (SPbGU) eingelassen zu werden. Jedoch stellt die SPbGU mit einem derartigen Exklusivitätsverständnis keine Ausnahme dar, vielmehr gilt in ganz Russland die Regel: Wer nicht studiert oder an der Uni arbeitet, hat dort nichts verloren. Das universitäre Selbstverständnis in Deutschland und Russland unterscheidet sich ungemein. Deutsche Hochschultüren stehen allen Interessierten offen – die meisten Bibliotheksbestände befinden sich in frei zugänglichen Lesesälen und die Oldies in vielen Vorlesungen zeugen von der Öffentlichkeit dieser Veranstaltungen.

Auch wer nicht studiert, kann in deutschen Hörsälen bei Konzerten und anderen Kulturveranstaltungen auf seine Kosten kommen. Seit zudem die Diskussion über eine erneute Hochschulreform in Deutschland begonnen hat, bemühen sich viele Universitäten verstärkt, den vielzitierten „Elfenbeinturm der Wissenschaft“ einzureißen und in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten. In Russland hingegen gilt universitäres Wissen als exklusiv und lediglich Eingeweihten verständlich. Den Zugang zu Wissensquellen muss man sich in mehreren Schritten hart verdienen: Nur wer die Aufnahmeprüfung für die Universität besteht, darf sich danach vier Jahre lang in Vorlesungen mit der Wissenschaft vertraut machen. Gelerntes muss in Prüfungen möglichst wortgetreu wiedergeben werden.

St. Petersburger Staatliche Universität (SPbGU):
von Peter dem Großen im Jahr 1724 gegründet ist sie die älteste Universität Russlands. Hier unterrichteten der Universalgelehrte und Gründer der Moskauer Universität, Michail Lomonossov, und der weltberühmte Chemiker Mendeleev. Derzeit sind an der St. Petersburger Staatl. Universität über 20 000 Personen immatrikuliert; ausländische Studierende stammen aus über 90 Ländern.

Erst nach solchen Paukprüfungen erhält man selbst Zugang zur Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften, die nur Studenten des fünften Studienjahrs offen steht – und dies häufig auch nur mit dem Empfehlungsschreiben eines Professors. „Natürlich fand ich es ärgerlich, dass ich die Bibliothek nicht besuchen konnte, als ich selbst noch im zweiten Studienjahr war,“ erinnert sich Pjotr Neschitow, Doktorand an der SPbGU. „Mittlerweile bin ich aber um diese Regelung froh: die Platzverhältnisse in der Bibliothek sind nämlich so beengt, dass ein vernünftiges Arbeiten nicht mehr möglich wäre, wenn die Bibliothek noch mehr Besucher hätte.“ Sollten die Räumlichkeiten der Bibliothek aber irgendwann einmal erweitert werden, so würde Neschitow es begrüßen, wenn alle Studenten Zutritt zu ihr erhielten.

Doch ganz egal, was die Gründe dafür sind, dass nicht alle Wissensquellen frei sprudeln – ein Nachteil liegt auf der Hand: Wo so viel Wert auf Reproduktion von bereits vorhandenem Wissen statt auf eigenes Quellenstudium und eigene Interpretation gelegt wird, ist es nicht verwunderlich, dass viele Publikationen lediglich kompilatorischen Charakter tragen.
 

Russische Akademie der Wissenschaften (RAN):
die RAN wurde ebenfalls 1724 von Peter dem Großen gegründet. Einst lag ihr Hauptsitz in St. Petersburg, heute ist er in Moskau. Die RAN bildet die Dachorganisation für Fundamentalforschung und angewandte Wissenschaft mit Filialen in ganz Russland und verfügt zudem über eigene Forschungseinrichtungen.

Studienjahr:
in Russland wird die Studienzeit nicht in Semestern, sondern in Studienjahren gezählt. Dabei ist die Studienzeit in Diplom-Studiengängen (dem Regelfall auch für alle Philologien) streng auf fünf Jahre beschränkt, dafür besteht aber die Möglichkeit, sich im Falle von Auslandsaufenthalten, Schwangerschaft et cetera so genannten akademischen Urlaub geben zu lassen. Im fünften Studienjahr wird die Diplomarbeit geschrieben. Auch in Russland gibt es Bestrebungen, sich den internationalen Standards für Studienabschlüsse anzugleichen, so dass einige Studiengänge mittlerweile mit Bachelor beziehungsweise Magister als Abschluss angeboten werden.

Beitrag von Sandra Birzer

Links zum Thema

  • Homepage der St. Petersburger Staatl. Universität
  • Online-Ausgabe der Zeitschrift „St. Petersburger Universität“
  • Homepage der Russischen Akademie der Wissenschaften
  • Vertretung des DAAD in Russland
  • Link zu den Ost-West-Studien an der Uni Regensburg

Zur Person

Sandra Birzer beschäftigt sich im Rahmen der Ost-West-Studien an der Universität Regensburg mit Slavischer Philologie. Momentan erfährt sie als DAAD-Stipendiatin am eigenen Leib das russische Studentenleben.

Kategorien

Themen: Hochschule | Osteuropa | Studieren im Ausland
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