Was sind schon Prüfungen?

* Nachdem die Prüfungsphase durchlebt ist, lohnt wieder das freie Nachdenken. Ein Blick in alte Bücher beweist, dass zur Prüfungskultur alles gesagt ist...

Fachliteratur soll aktuell sein, nicht nur Juristen und Mediziner müssen darauf akribisch achten. Wenn sich nach der Prüfungsphase die Anspannung aber langsam löst, dann sollte man sich zum chill out einmal gemächlich im Lesesaal niederlassen und nach alten Schinken greifen. Das reflektierende Nachdenken über das Thema Prüfungen hatte nämlich 1976 seinen Höhepunkt erreicht. Das bis heute unerreichte Standardwerk dazu ist nur 13 Seiten lang; es ist ein Kapitel aus der Studie „Überwachen und Strafen“ des französischen Meisterdenkers Michel Foucault.

Michel Foucault
(1926-1984), französischer Historiker und Philosoph. Er gilt als Begründer der „Diskurstheorie“. Mit der Anwendung des Strukturalismus auf die Geschichte bot er mit seinen bahnbrechenden Studien eine Alternative zur traditionellen Geistesgeschichte. Er beschrieb die „Ordnung der Dinge“, die „Geburt der Klinik“ und eine „Archäologie des Wissens“. In Deutschland wurde sein Denken lange nur außerhalb der etablierten Wissenschaften wahrgenommen. In der englischen und französischen Sprachwelt gehören seine Methoden heute selbstverständlich zum Kanon der Sozial- und Geisteswissenschaften. Obwohl Foucault schon früh als überdurchschnittlicher Student auffiel, bestand er nicht alle Prüfungen beim ersten Versuch.

Schon am Anfang des kurzen Kapitels fragt er: „Wer (...) wird die allgemeinere, unschärfere, aber entscheidendere Geschichte der Prüfung schreiben – der Prüfung mit ihren Ritualen, ihren Methoden, ihren Rollen, ihren Frage- und Antwortspielen, ihren Notierungs- und Klassifizierungssystemen?“ Für Foucault steckt in der Prüfungstechnik „ein ganzer Wissensraum und ebenso ein ganzer Machttyp“.

Gewöhnlich geht man davon aus, dass Prüfungen die Aneignung von Wissen kontrollieren: Hat der Lerner gelernt, was gelehrt wurde? Auch Foucault glaubt, dass es um Wissen geht, aber es geht ganz wesentlich auch um Macht. Machtfreie Bildung, wäre sie überhaupt möglich, müsste sich mit der Lehrtätigkeit begnügen und auf die Aneignung einfach vertrauen. Eine so selbstbestimmte Lernkultur, die nur von Vertrauen bestimmt wird, ist aber völlig unbekannt. Praktiker gehen heute davon aus, dass gar nicht erst gelernt wird, wenn die Kontrolle ausbleibt – auch der Unialltag wird von dieser Annahme bestimmt.

Michel Foucault interessieren die subtilen Machtmechanismen der Prüfungskultur. Für eine scharfe Definition benötigt er nur einen Absatz, den Anfang seines Kapitels in „Überwachen und Strafen“:
„Die Prüfung kombiniert die Techniken der überwachenden Hierarchie mit denjenigen der normierenden Sanktion. Sie ist ein normierender Blick, eine qualifizierende, klassifizierende und bestrafende Überwachung. Sie errichtet über den Individuen eine Sichtbarkeit, in der man sie differenzierend behandelt. Darum ist in allen Disziplinaranstalten die Prüfung so stark ritualisiert. In ihr verknüpfen sich das Zeremoniell der Macht und die Formalität des Experiments, die Entfaltung der Stärke und die Ermittlung der Wahrheit. (...) Die Überlagerung der Machtverhältnisse und der Wissensbeziehungen erreicht in der Prüfung ihren sichtbarsten Ausdruck.“

* Sind Unis und Schulen „Disziplinaranstalten“, könnte man kritisch nachfragen? Für Foucault ist die Antwort eindeutig: Dort wird Wissen keineswegs frei angeeignet, sondern hochgradig ausgewählt, beschränkt und methodisch gebunden vermittelt. In den Institutionen läuft Wissen immer auf Prüfungen zu; ja es ist sogar nur im Rahmen der Prüfung relevant. Jedes Seminar steht im Zusammenhang mit zu erbringenden Pflichtnachweisen, jedes Seminarthema ist an eine Klausur oder mündliche Prüfung gekoppelt. Alles andere ist vielleicht spannend und bereichernd, aber niemals entscheidend. Auch die scheinbar freie Themenwahl zum Beispiel für ein Referat wird beeinflusst. Wer Themen ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Anforderungen, die Zuhörerschaft und die Vorlieben des Prüfers auswählt, der muss schon sehr risikofreudig sein.

Foucault erwähnt Eigenarten, durch die sich Prüfungen auszeichnen. Zum Beispiel kehrt die Prüfungen „die Ökonomie der Sichtbarkeit in der Machtausübung um“. Was bedeutet das? Gewöhnlich sind Machtverhältnisse so strukturiert, dass sehr klar sichtbar ist, wer die Macht ausübt, und oft unsichtbar bleibt, wer ihr zum Opfer fällt. In der Prüfung ist es genau anders herum: Der Prüfling muss ins Rampenlicht, er steht vor einer Kommission, die zuhört und nur einzelne Fragen stellt. Auf dieser Bühne der mündlichen Prüfung wird man genau beleuchtet, beobachtet, bewertet und dies von Machtträgern, die man nicht genau kennt. Diese Eigenart der Disziplinarmacht dient gleichsam der Objektivierung der Prüflinge. Sie werden zu Objekten der Prüfungskontrolle.

* Für Foucault machen erst Prüfungen die Individualität der Kandidaten dokumentierbar. Deshalb sind sämtliche Prüfungstechniken eng verbunden mit der Verschriftlichung der Ergebnisse. Ob Protokolle mündlicher Prüfungen, Diplomarbeiten oder Klausuren, immer bleibt vom Prüfling ein Text übrig. „Von Anfang an waren die Prüfungsverfahren an ein System der Registrierung und Speicherung der Unterlagen angeschlossen. Als wesentliches Element in dem Räderwerk der Disziplin konstituiert sich eine ‚Schriftmacht’“. In der Klausur wird ein objektiv vorliegender Text beurteilt, der mit dem Wissen des Prüflings gleichgesetzt wird.

Durch diese für Prüfungen typische Dokumentationstechnik kann das Individuum zu „einem Fall“ gemacht werden, „einem Fall, der sowohl Gegenstand für eine Erkenntnis wie auch Zielscheibe für eine Macht ist. Der Fall ist nicht mehr wie in der Kasuistik oder in der Jurisprudenz ein Ganzes von Umständen, das eine Tat qualifiziert und die Anwendung einer Regel modifizieren kann; sondern der Fall ist das Individuum, wie man es beschreiben, abschätzen, messen, mit andern vergleichen kann – und zwar in seiner Individualität selbst; der Fall ist aber auch das Individuum, das man zu dressieren oder zu korrigieren, zu klassifizieren, zu normalisieren, auszuschließen hat.“

Franz Kafka
(1883-1924) war Versicherungsjurist und verfasste Aufsätze zur Unfallverhütung, schrieb die Jahresberichte seiner Versicherung und Gutachten für Prozesse. Erst ein Freund drängte ihn zur Veröffentlichung literarischer Texte und rettete zahlreiche Schriften nach Kafkas Tod. In glasklarer Sprache sind die expressionistischen Texte des Schriftstellers ironisch, verrätselt und verzweifelt zugleich. Romane wie „Das Schoss“, „Der Prozess“ oder „Die Verwandlung“ gehören zu den einzigartigsten Texten der Weltliteratur, mache halten diese Beschreibungen für das „pure Leben“. Auch Unis könnte man als „kafkaeske“ Welten beschreiben, in der viele unsichtbare Fallstricke gespannt sind. Für Literaturfans ist Franz Kafka ist bis heute ein Genie, für viele Abiturienten jedoch das Alptraumprüfungsthema überhaupt. Gegen jede einfache Interpretation sperren sich seine Texte völlig.

Hinter Foucaults Beschreibung subtiler Machtprozesse steckt nicht die Illusion, dass Leistungsmessung ohne Kontrolle möglich ist. Er versteht unter Macht auch nicht nur etwas negatives, sondern sieht auch klar deren Leistungen. Prüfungen stellen durch ihre Überwachung und Hierarchisierung die Unterschiede her, sie machen Individualität sichtbar. „In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale.“ Interessant an dieser ganz anderen Sicht auf Prüfungen ist aber, dass es hier primär um Macht, Sichtbarkeit und Individualität geht, und weniger um Wissen und gelungene Wissensaneignung. Damit rücken die rhetorischen Fähigkeiten in den Mittelpunkt. Es geht schließlich nicht um das Wissen selbst, sondern um die gelungene Präsentation, nicht um die tatsächlichen Fähigkeiten, sondern auch um die Tagesform. Bewertet wird nur, was sichtbar gemacht werden kann. Die modernen Bildungsinstitutionen sind daher auch eine Art Fabriken, in der Lernwillige dazu abgerichtet werden, ihr Wissen so darzustellen, dass es den typischen Prüfungstechniken gerecht wird. Aus dieser Perspektive sortiert die Uni Studenten in prüfungsangepasste und prüfungsunangepasste Kandidaten.

Für diese unpragmatischen Analysen von Michel Foucault ist in der Prüfungsphase kein Platz. Es geht aber noch irritierender. Es gibt von Franz Kafka ein kurze Erzählung mit dem Titel „Die Prüfung“. Auf den zwei Seiten ist eigentlich alles versammelt, was wir heute hinter der Technik des Assessmentcenters verbergen. Eine Passage aus Kafkas Text soll das Querdenken zum Thema Prüfungen abschließen:
„Einmal, als ich ins Wirtshaus kam, saß auf meinem Beobachtungsplatz schon ein Gast. Ich wagte nicht genau hinzusehen und wollte mich gleich in der Tür wieder umdrehen und weggehen. Aber der Gast rief mich zu sich und es zeigte sich, dass es auch ein Diener war, den ich schon einmal irgendwo gesehen hatte, ohne aber bisher mit ihm gesprochen zu haben. „Warum willst du fortlaufen? Setz Dich her und trink. Ich zahl’s.“ So setzte ich mich also. Er fragte mich einiges, aber ich konnte es nicht beantworten, ja ich verstand nicht einmal die Fragen. Ich sagte deshalb: „Vielleicht reut es Dich jetzt, dass Du mich eingeladen hast, dann gehe ich“, und ich wollte schon aufstehen. Aber er langte mit einer Hand über den Tisch herüber und drückte mich nieder: „Bleib“, sagte er, „das war ja nur eine Prüfung. Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden.“

Beitrag von Frank Berzbach

Links zum Thema

  • Online Casino
  • The Kafka Project
  • Kafka Texte im Gutenberg Projekt
  • Kafka Online Lehrprojekt der Uni Bonn
  • Michel Foucault Seite der Uni Bochum, Schwerpunkt „Diskurstheorie“

Zur Person

Frank Berzbach ist Chefredakteur von sciencegarden und Doktorand an der Uni Frankfurt. Er musste Einstellungstests vor seiner Berufsausbildung, zwei Fahrprüfungen für den Führerschein und zahllose Klausuren, Referate und mündliche Prüfungen während seiner Studienzeit absolvieren. An der Uni Frankfurt wartet die Disputation auf ihn.

Literaturliste

  • Michel Foucault (1976): Überwachen und Strafen. Frankfurt a. Main.
  • Franz Kafka (1999): Die Erzählungen. Originalfassung. Frankfurt a. Main.

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Themen: Hochschule | Karriere | Lernen
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