Das Stanford-Gefängnis-Experiment

Auf dem Höhepunkt des Folterskandals von Abu Ghraib wurde in den Medien überwiegend die Meinung vertreten, derartige Exzesse seien die Folge einer gestörten Persönlichkeit einzelner Individuen, die dort im Irak ihre perversen Phantasien ausgelebt hätten. Doch im Gegensatz zu Psychopathen und Kinderschändern, mit denen sie von den Medien gerne in einen Topf geworfen werden, sind ihre Taten in der Regel nicht auf eine psychische Störung zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Bedingungen ihrer sozialen Umwelt. Dies ist seit über 30 Jahren bekannt und wurde in zahlreichen psychologischen Studien empirisch belegt.

* Das wohl spektakulärste und bekannteste Experiment dazu wurde 1971 vom renommierten Psychologen Philip Zimbardo an der Universität Stanford durchgeführt. Im so genannten „Stanford-Gefängnis-Experiment“ sollten die Auswirkungen von Gefangenschaft auf die Psyche von Gefängnisinsassen untersucht werden. Dazu wurde der Keller des Psychologischen Instituts zu einem behelfsmäßigen Gefängnis umgebaut. Die Versuchspersonen waren Studenten, die freiwillig an diesem Experiment teilnahmen. Bei allen Teilnehmern handelte es sich um psychisch gesunde junge Männer, die bei einem vorausgehenden Persönlichkeitstest normale, durchschnittliche Ergebnisse erzielt hatten. Per Zufall wurden sie entweder den Rollen als „Gefangene“ oder als „Wärter“ zugeordnet.

Um das Ganze möglichst realistisch erscheinen zu lassen, wurden die Gefangennahme aufwändig inszeniert. Die Versuchspersonen wurden von Mitarbeitern der Polizei zu Hause „verhaftet“ und in das „Gefängnis“ der Universität gebracht. Dort mussten sie sich einer Prozedur unterziehen, die absichtlich so ausgelegt war, dass sie für die „Gefangenen“ möglichst demütigend sein sollte: Sie wurden „entlaust“ und mussten die ganze Zeit hindurch Fußketten und Gefängniskleidung (Nachthemd ohne Unterwäsche) tragen. Jeder von ihnen bekam eine Nummer zugeordnet und wurde von den Wärtern nur mit dieser Nummer angeredet.

Die Wärter bekamen Uniformen, Schlagstöcke und Sonnenbrillen. Sie wurden vom Experimentator angewiesen, die Gefangenen unter Kontrolle zu halten und für Disziplin und Ordnung zu sorgen. Ihnen wurde gesagt, im Falle eines Ausbruchs der Gefangenen würde das Experiment sofort abgebrochen. Während ganz zu Beginn der Versuch für alle Beteiligten nur ein Spiel war, wurde daraus schnell ernst. Sowohl „Wärter“ als auch „Gefangene“ identifizierten sich mit ihren Rollen stärker als dies die Versuchsleiter erwartet hatten. Die „Wärter“ spielten ihre Macht aus und behandelten die Gefangenen unnötig hart; beispielsweise ließen sie diese mitten in der Nacht zu sinnlosen Zählappellen antreten. Um die Gefangenen unter Kontrolle zu halten, dachten sie sich allerlei Strafen aus – von Liegestützen bis hin zum Säubern des Klos mit bloßen Händen.

* Schon nach kurzer Zeit geriet das Experiment außer Kontrolle: Bereits am zweiten Tag brach ein Aufstand aus, am dritten Tag musste ein „Gefangener“ entlassen werden, weil er dem Stress der Situation nicht mehr gewachsen war. Mit zunehmender Dauer gingen die „Wärter“ immer aggressiver und brutaler gegen die „Gefangenen“ vor: Diese mussten teilweise stundenlange Zählappelle über sich ergehen lassen, mussten sich nackt ausziehen, ihnen wurde der Gang zur Toilette verweigert und sie mussten ihre Notdurft in Eimer verrichten. Dabei übten die Wärter bewusst Willkür aus und behandelten die „Gefangenen“ absichtlich ungleich (einerseits durch Bestrafungen andererseits durch bevorzugte, bessere Behandlungen), um Streit unter den Gefangenen zu säen.

Nach nur sechs Tagen mussten die Versuchsleiter das ursprünglich auf zwei Wochen geplante Experiment abbrechen. Die Misshandlungen der „Gefangenen“ hatten immer stärkere Ausmaße angenommen. Insbesondere nachts, wenn die „Wärter“ glaubten, die installierten Kameras seien ausgeschaltet, kam es zu immer entwürdigenderen und pornografischen Misshandlungen.

Das Stanford-Experiment zeigt beeindruckend, wie Menschen dazu gebracht werden können, Dinge zu tun, zu denen sie unter normalen Umständen nie in der Lage wären. Innerhalb weniger Tage demütigten und misshandelten ganz normale, psychisch gesunde Personen ihre Mitmenschen, weil von ihrem sozialen Umfeld dazu die Voraussetzungen geschaffen wurden, die ein solches Verhalten unterstützten und legitimierten.

Das Experiment erregte in der Öffentlichkeit großes Aufsehen, wurde allerdings auch von wissenschaftlicher Seite kritisiert, da es völlig chaotisch ablief und sich in keiner Weise an grundlegende wissenschaftliche Standards hielt. Dieses Manko besitzt das mindestens ebenso berühmte Milgram-Experiment nicht, das in den 60er Jahren durchgeführt wurde und die Bedingungen für die Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritätspersonen systematisch und sehr eindrucksvoll untersuchte.

Beitrag von Martin Gründl

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Themen: Psychologie
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