Die ermüdende Macht des Fernsehens

* Folter in Gefängnissen, Entgleisungen bei der Bundeswehr oder Gewaltexzesse im Krieg und Terrorismus: Im Fernsehen wird alles zum Skandal. Wissenschaftliche Erklärungen werden herausgefiltert, sie passen nicht ins Raster des Mediums.

Das Fernsehen ist das dominierende Massenmedium der Gegenwart. Es bestimmt Themen, Trends und es produziert laufend neue Skandale im Kampf um Aufmerksamkeit. Dem Zuschauer wird dabei suggeriert, dass Fernsehnachrichten, Dokumentationen oder Gesprächsrunden die Realität abbilden. Und so wird vieles, was Wissenschaftler schon lange nicht mehr wundert, als Skandal inszeniert. Ob Folter in Militärgefängnissen, ob Entgleisungen in der Bundeswehrausbildung oder Gewaltexzesse im Krieg, das Fernsehen stellt diese Ereignisse als unwahrscheinliche Einzelfälle, als das Fehlverhalten von charakterschwachen Einzelpersonen dar. Sogar Politiker scheinen das durchaus zu glauben.

„Wenn man aber Soziologie betreibt, erfährt man, dass Männer und Frauen gewiss Verantwortung haben, dass sie in dem was sie tun können und was nicht aber weitgehend definiert sind durch die Struktur, in der sie stecken, und die Position, die sie in dieser Struktur inne haben.“
Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen. Suhrkamp, Frankfurt: 1998, S. 77.

Für Sozialwissenschaftler ist das Fernsehen ein spannender Untersuchungsgegenstand geworden. Niklas Luhmann, der selbst gar kein Fernsehen besessen hat ( siehe Interview ), nannte seine Studie „Die Realität der Massenmedien“ und deutete damit die Stoßrichtung an: Das Fernsehen bildet die Realität nicht ab , sondern erfindet eine eigene. Und diese neue spezifisch massenmediale Wirklichkeit resultiert aus bestimmten Strukturen und Produktionsbedingungen des Mediums selbst. Auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in zwei bekannten Vorträgen „Über das Fernsehen“ nachgedacht. Er weist auf die Produktionsbindungen hin und sieht die Schuld nicht bei den Einzelpersonen, die für das Programm verantwortlich sind. Der außerordentliche Zeitdruck zum Beispiel verhindert systematisch das kritische Nachdenken und eine ausgiebige Beschäftigung mit dem Thema. Dieser Zeitdruck schleift auch Querköpfe rund.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat in seiner Untersuchung der Massenmedien so genannte „Selektoren“ beschrieben, die verhindern oder begünstigen, dass eine Information verbreitet wird. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist der Neuigkeitswert jeder Information. Ins Fernsehen kommt vor allem, was mit bestehenden Erwartungen bricht. Eine Wiederholung von Meldungen wirkt ermüdend und wird vermieden. Dabei kommt es zu einer Bevorzugung von Konflikten , weil diese Spannungen bei den Zuschauern erzeugen. Sie binden in gewisser Weise auch die Konsumenten, man möchte schließlich wissen, wie es weitergeht. Dann sind für das Fernsehen immer Quantitäten von großer Bedeutung, Luhmann nennt sie „Aufmerksamkeitsfänger“. Einzelne Tote sind nur interessant, wenn es sich um Prominente oder Würdenträger handelt, Normalsterbliche kommen nur in die Medien, wenn sie in großer Zahl sterben. Dabei entstehen interessante Verzerrungen: Die hohe Anzahl jährlicher Verkehrstoter ist zu abstrakt, um eine Sensation zu sein, aber viele Tote bei einem Unfall können als Tragödie inszeniert werden. Hinzu gesellt sich der lokale Bezug . Zehn Tote in einer Kleinstadt werden sofort zur Titelgeschichte der Regionalpresse, während 1000 Tote in größerer Entfernung nur eine kleine Meldung wert sind. Für die Skandalproduktion sind (vermeintliche) Normverstöße geradezu ideal. Wenn Politiker für die Lobbyarbeit von Unternehmen Geld kassieren, ist das kein Problem, weil das Gesetzt dies ausdrücklich erlaubt. Will man jedoch Politiker stürzen, dann werden zum Beispiel moralische Normen ins Spiel gebracht. Je nach Darstellung werden moralische Normen dann wichtiger als gesetzliche. Betroffenheit, Entrüstung und Empörung bieten viel Raum für die Berichterstattung. Moralisierung ist eine der anschlussfähigsten Strategien des Fernsehens. Auch wenn es oft schwierig ist, gute und böse Akteure müssen für den Zuschauer klar erkennbar sein. Sie können zwar im Laufe der Berichterstattung wechseln, wer das Böse anprangert, ist natürlich gut – es sei denn, der Böse ist gut, dann ist der Ankläger natürlich der Böse. Um diesen Aspekten gerecht zu werden fokussiert das Fernsehen immer Personen und deren individuelles Handeln . Der Hinweis, dass „in politischen Kreisen“ diskutiert wird, die Steuern für ausländische Spitzenmanager zu senken, ist relativ belanglos. Anders wirkt die Nachricht personifiziert: Roland Koch in Wiesbaden schlägt eine solche Steuersenkung vor, wodurch der Steuersatz von Josef Ackermann in Frankfurt um 12% sinken würde. Das ist nicht nur greifbar, sondern angesichts vorangegangener Berichterstattung über Herrn Ackermann geradezu skandalös ! Wichtig an einer solchen Nachricht wäre auch die Aktualität . Roland Kochs Vorschlag wird am 2. April 2005 die sciencegarden Zugriffszahlen nicht mehr erhöhen können, weil die Nachricht schon am 2. März 2005 in der Zeitung zu lesen war. Aber am 1. März 2005, also einen Tag vor der Süddeutschen Zeitung, wäre die gleiche Information bedeutend gewesen. Auch die Äußerung von Meinungen können zu Nachrichten werden. Mit dem Einfangen von Originalstatements eröffnet das Fernsehen das Spiel von Behauptung, Kommentar, Erwiderung, Widerruf, Solidaritätsbekundung usw. Würde Roland Koch also die Frankfurter Spitzenmanager von allen Steuerzahlungen befreien, könnte Josef Ackermann sein Image durch eine Pressemitteilung retten, wenn er behauptet, er würde das Geld natürlich spenden. Ein Sozialpolitiker könnte nun andeuten, dass Ackermann sein Geld der hessischen CDU spenden will, was natürlich weitere Kommunikationen provoziert – zum Glück der Medien. Solche Ereignisketten sind medienerzeugt, sie würden ohne die (geschickt ausgewählte und inszenierte) Verbreitung von Meinungen gar nicht losgetreten. Da aber das Fernsehen nicht auf die Ereignisse warten kann, sondern halbstündlich die Nachrichtensendung einfach ausstrahlt, müssen Ereignisse miterzeugt werden. Die Blut&Busen Presse ist für dieses Nachhelfen bekannt. Eine weitere Selektionsebene sind die Sendeformate oder Rubriken der Medien, die gefüllt werden müssen und deren Sendezeiten vorgegeben sind. Diese Formate zu sprengen, also zum Beispiel im Sommer auf zwei Fernsehsendern zugleich sechs Stunden Tour de France zu übertragen, womit die Fans von Talkshows und Daily Soups aufgebracht werden, sind Ausnahmen. Aber sollte Jan Ullrich tatsächlich gewinnen, hat es sich natürlich gelohnt. Diese Sonderformate selbst können zudem wieder als Skandal gefeiert werden können – wenn Jan Ullrich nicht gewinnt.

Diese Aspekte, nach denen Nachrichten ein und aussortiert werden, leuchten jedem ein, der jemals ein Fernsehen benutzt hat. Im Gedächtnis bleiben Personen, gute und böse, Stimmungen, dramatische und sensationelle Bilder. Zuschauer werden auf der Ebene der Emotionen angesprochen, notwendig sind Identifikationsfiguren und eine spannungsvolle Dramaturgie. Ständig werden künstliche Spannungen aufgebaut, die dann wieder aufgelöst werden können. Das Fernsehen ist auf Bilder angewiesen, auf konkrete, zeigbare Gegenstände. Das Medium ist fixiert auf alles, was die Sozialwissenschaften gerade nicht bieten. Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaft haben abstrakte Gegenstände, zu denen es oft keine Bilder gibt. Selbst die Konjunktur der Gehirnforschung hat mit den bildgebenden Verfahren zu tun, die zwar für Laien unverständlich sind, die aber trotzdem hervorragend gesendet werden können. Hingegen eine Struktur, ein Kontext, Interaktionsbedingungen, die Gesellschaft selbst oder innerpsychische Prozesse sind nicht mit der Kamera einzufangen. Sie geben für das Fernsehen nichts her – daher muss so getan werden, als existieren sie nicht.

* Mit diesem Wissen über das Fernsehen erscheinen die Folterskandale, Kriegsbilder und Empörungen in einem ganz anderen Licht. Schon Anfang der 1970er Jahre offenbarten psychologische Experimente die Effekte von asymmetrischen Rollenverteilungen in denen „Aufseher“ und „Häftlinge“ agieren (siehe „Das Stanford-Gefängnis-Experiment“ ). Auch Hannah Arendt war das in den 1960er Jahren bewusst. In ihren Reportagen zum Prozess gegen Adolf Eichmann hat sie die These von der „Banalität des Bösen“ aufgestellt, als sie sah, dass Eichmann weder ein Psychopath noch ein Dämon war. Diese Einsicht fällt noch heute schwer: Eichmann war ein pflichtbewusster Beamter, der sich sogar auf Immanuel Kant berief, und der innerhalb des hierarchischen Beamtenapparates fleißig an seinem Aufstieg gearbeitet hat. Das seine Aufgabe zufällig die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager war, war für sein Verhalten nicht wichtig. Hannah Arendt hat diesen Typus einen „Verwaltungsmassenmörder“ genannt und später behauptet, dass eigentlich keiner das Recht habe, zu gehorchen. Der amerikanische Psychologe Milgram hat in seinen Untersuchungen zum Autoritätsverhalten diese These empirisch bestätigt. Er konnte zeigen, dass ganz gewöhnliche Personen zu erschreckenden Gewalttaten bereit waren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen (siehe „Das Milgram-Experiment“ ).

Aus diesen oft bestätigten Ergebnissen geht deutlich hervor, dass in bestimmten Situationen ein bestimmtes Verhalten wahrscheinlich wird – und zwar unabhängig vom Einzelcharakter der Person. Politische Akteure müssten, würden sie wissenschaftliches Wissen ernst nehmen, daher etwas nüchterner auf die Realität schauen: Im Krieg sterben nicht nur Soldaten, sondern Folter, Vergewaltigungen und tote Zivilisten sind fester Bestandteil der situativen Bedingungen, denen Soldaten ausgesetzt sind. Dies geschieht nicht, weil einzelne Soldaten ihre Vorschriften nicht gelesen haben, sondern weil die menschliche Psyche Extremsituationen ausgesetzt wird. Autoritäre Befehlsstrukturen, die Überidentifikation mit Kollektiven, das Außerkraftsetzen des Tötungstabus und der Gruppendruck begünstigen oder determinieren „Verbrechen“, auf die sich die Medien stürzen.

Das Fernsehen kann sich aber nicht über die Situationsbedingungen empören, was sollte auch als Bild gezeigt werden? Das Massenmedium braucht Einzelpersonen, Bösewichte, Schuldige. Wer also Unrecht tut, wozu Extremsituationen einladen, wird vom Fernsehen in einen Einzeltäter verwandelt, dessen Verhalten abweichend gewesen sein soll. Das Fernsehen individualisiert komplexe Probleme grundsätzlich. Die amerikanischen Soldaten, die wegen Folter angeklagt werden, dienen als Sündenböcke und Skandalmaterial. Dieser Mechanismus scheint sich zu wiederholen, seit es Massenmedien, Kriege und Terrorismus gibt. Sobald Bedingungen für Unrecht geschaffen werden, kommt es zu Unrecht – das ist eigentlich kein ein Skandal, sondern eine erwartbare Folge. Im Fernsehen aber dominiert die Individualsicht, Ursache für Skandale sind immer Einzelne , es müssen Schuldige gefunden werden. Mit deren Entlarvung, dieser Eindruck wird vermittelt, würde auch das Unrecht beseitigt. Inzwischen aber, nach so vielen Kriegen und so vielen Jahren Fernsehen, wirkt das auf lesende Zuschauer mehr als ermüdend. Empören sollte sich das Publikum und auch Politiker weniger über die Grausamkeiten der Welt, sondern eher über sich selbst: Solange sie das Fernsehen nicht ausschalten und wissenschaftliche Ergebnisse ernster nehmen, wird ein Skandal den nächsten jagen. Oder ist es die Lust am Skandal, die vom Ausschalten abhält?

Beitrag von Frank Berzbach und Martin Gründl

Links zum Thema

  • Online Casino
  • Homepage, auf der Philip Zimbardo die Chronologie seines Stanford-Experiments anschaulich schildert

Zur Person

Dr. Frank Berzbach ist Chefredakteur von sciencegarden und arbeitet als Bildungsforscher an der Universität Tübingen.

Literatur

  • Arendt, Hannah (1964): Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München.
  • Bourdieu, Pierre (1998): Über das Fernsehen. Frankfurt/Main.
  • Kluge, Alexander / Bolz, Norbert / Baecker, Dirk (Hg.) (2004): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann. Kadmos Kulturverlag, Berlin.
  • Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. 3. Auflage. Wiesbaden.
  • Milgram, S. (1963). Behavioral study of obediance. Journal of abnormal and social psychology, 67 , 371-378.
  • Haney, C., Banks, W. C., & Zimbardo, P. G. (1973). Interpersonal dynamics in a simulated prison. International Journal of Criminology and Penology, 1 , 69-97.

Kategorien

Themen: Medien | Psychologie
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