Jahreslese 2006

Weihnachten naht – und mit ihm die hektische Suche nach Geschenken. Die sciencegarden-Literaturtipps zum Jahresausklang lassen erst gar keinen Stress aufkommen, haben hohen Geschenkfaktor und versprechen Lesegenuss pur!

Die Tage werden kürzer, die Innenstädte rüsten auf. Auch wenn uns der Klimawandel spätsommerliche Temperaturen beschert, es ist wieder so weit: Weihnachten steht vor der Tür. Und wieder heißt es: auf in die Schlacht und Geschenke besorgen, notfalls auch last minute. Wir empfehlen – wie jedes Jahr – natürlich Bücher. Auf unserem Gabentisch liegen heuer fünf ausgewählte Exemplare, darunter zwei veritable Allrounder, ein Kleinod, eine Verstörung und ein literarisches Sektfrühstück zum Jahresausklang.

Ulrich Greiner, Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, ist der Literaturchef der ZEIT. Er war außerdem Gastprofessor in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Er verfasste u.a. „Gelobtes Land – Amerikanische Schriftsteller über Amerika“ und „Mitten im Leben – Literatur und Kritik“.

Welcher Lesefreund kennt sie nicht – die alptraumhafte Leselast?! Zu dicht steht immer schon der Bücherwald. Statt klein anzufangen, kapitulieren wir vor Goethes Gesammelten Schriften (schöner Einband, guter Staubfänger) oder schrecken vor Reich-Ranickis Kanon-Kanon zurück. Das in diesem Jahr vollendete Mammutunternehmen umfasst fünf Abteilungen und bringt es nach Verlagsangaben auf stolze 25.000 Seiten. Wer will sich das, bei aller Liebe, antun?
Zum Glück gibt es kundige Menschen, die uns den Einstieg in das Abenteuer Lesen leichter machen. Einer von ihnen ist Ulrich Greiner, Literaturchef der ZEIT und begnadeter Vielleser. Er hat einen kleinen „Leseverführer“ geschrieben – und zwar „nicht für den Kenner und nicht für den Profi“ (10), sondern für den ungeübten Leser (Leserinnen sind grammatikalisch korrekt, aber genderunsensibel, mitgemeint). Diesem bietet er – niemals aufdringlich, selten wertend – seine Bergführerkünste durch das bisweilen unwegsame Gelände der Literatur an. Dabei meidet er die kanonisierten Standardrouten und die für derartige Gebrauchsanweisungen üblichen längeren Aufenthalte bei den immer gleichen Klassikern.

Hans Henny Jahnn (1894-1959) war Schriftsteller, Orgelbauer und Musikverleger. Im Zentrum seines Werks steht durchgehend die existentielle Angst vor dem Dasein, die dem Menschen unauflöslich bleibt und nur von der Liebe und dem Mitleiden mit anderen Menschen und mit der Schöpfung überwunden werden kann.
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Stattdessen plaudert er im Gehen unterhaltsam und anschaulich über Erzählhaltungen und vergessene Romanjuwelen. Zur Stärkung gibt es leichte wie schwerere Kost gleichermaßen – von Robinson Crusoe bis Italo Calvino. So kommen auch die Fortgeschrittenen auf ihre Kosten, obwohl ihnen Greiners Leseverführer in weiten Teilen sicher mehr wie ein zielloser Bummel denn als anspruchsvolle Bergtour erscheinen mag (die plakativen Wandermetaphern stammen von Greiner selbst).
Liebhaber und Kennerinnen werden ihre Freude vor allem daraus ziehen, die eigenen Leseerfahrungen mit denen Greiners zu vergleichen, oder von den Hinweisen auf die, um in Greiners Bildsprache zu bleiben, nur selten erklommenen Achttausender der Literaturgeschichte profitieren, so etwa Hans Henny Jahnns unvollendete Trilogie „Fluss ohne Ufer“. Was alle Leserinnen und Leser gleichermaßen berücken dürfte, ist Greiners pointierter Begründungsversuch der Leseleidenschaft, um die es gleich im ersten Kapitel ausführlich geht. Darauf folgen noch neun weitere Etappen, jeweils abgerundet durch kleinere „Pausen“ – mit unkonventionellen Titeln wie „Muss man alles zu Ende lesen“ oder „Wo liest man was“. Kurzum: Für knappe 15 Euro als Hardcover ein nicht nur äußerst günstiger und vielseitig verschenkbarer, sondern auch vergnüglicher Literatur-Trip!

Metaphysik ist die Wissenschaft von den zentralen theoretischen Fragen der Philosophie (nach dem Grund alles Seienden, den Prinzipien und Strukturen der Wirklichkeit, dem Tod, dem menschlichen Geist oder der Existenz Gottes).
Die Bedeutung des Ausdrucks geht auf die Stellung des gleichnamigen aristotelischen Werkes in der Bibliothek von Alexandria zurück, wo es hinter bzw. über (griechisch: „meta“) der „Physik“ stand.

Eine Einführung haben auch die beiden amerikanischen Professoren Earl Conee und Theodore Sider geschrieben. Und zwar in die Metaphysik, die auch nicht gerade als einfaches Terrain gilt. Doch den Autoren ist auf gut 200 Seiten etwas ganz Besonderes gelungen: Sie haben es vollbracht, zehn philosophische „Riddles of Existence“, darunter so knifflige wie Zeit, Gott, Willensfreiheit oder Tod, so zu erzählen, dass selbst geborene Ignoranten philosophielustig werden müssen. An diesem Buch stimmt einfach alles: Einband (mit ansprechendem Schutzumschlag), Sprache, Druckbild, Inhalt und Preis (nur rund 16 Euro).

Das Buch ist zugleich ein Musterbeispiel für die segensreiche Wirkung von writing labs an amerikanischen Universitäten. In einer wunderbar klaren, anschaulichen und lebendigen Sprache verraten uns Sider und Conee zum Beispiel, warum wir uns vor Gericht nicht damit herausreden können, dass wir zum Zeitpunkt unserer Missetat ein anderer gewesen seien als heute. Das ist sicherlich ein abenteuerlicher Rettungsversuch, aber keineswegs trivial. Denn die Phrase „nicht dieselbe Person“ erweist sich als höchst zweideutig – und klärungsbedürftig.

Herman Melville: „Bartleby, der Schreiber“Und wie halten Sie es eigentlich mit der Zeit? Sie „fließt“, meinen sie? Aber wie kann sie fließen, wenn sie selbst die Messgröße für Bewegung ist? Bei Sider erfahren sie dazu – reichlich bebildert – mehr. Ebenso zum Problem des „intelligent design“, vulgo: Gott. Alle Argumente für seine Existenz werden von Conee zwar als ungenügend verworfen, aber am Schluss bleibt immerhin die tröstliche Gewissheit: „We never said that metaphysics was quick and easy! There’s no need to get discouraged, either. With our consideration of the central metaphysical arguments, a serious investigation of God’s existence is well under way.“ (S. 86)
Kurzum: Pfiffiger und eleganter kann man in die zeitlosen Fragen der Philosophie nicht einführen. Ein Muss unterm Tannenbaum für alle, die Freude am Denken haben!

Zeitlos ist zweifelsohne auch die kurze Erzählung Hermann „Moby Dick“ Melvilles, die den Namen ihres Protagonisten im Titel trägt und als Vorläufer existenzialistisch-absurder Literatur gilt: „Bartleby, der Schreiber“. Der ist äußerst wortkarg und ansonsten vor allem Prototyp des schrägen Kauzes. Mehr erfahren wir von ihm nicht. Er verrichtet Kopistendienste in einer Kanzlei an der Wall Street, in der sich an der Seite seines Chefs, dem Erzähler, die nicht weniger schrägen Gehilfen Ginger Nut, Nippers und Turkey im Weg stehen.

Hermann Melville (1819-1891) gilt heute, obwohl eine Zeit lang regelrecht vergessen, als einer der bedeutendsten Schriftsteller Amerikas. Sein Roman „Moby Dick“, mit Gregory Peck als Kapitän Ahab unvergesslich verfilmt, gehört zu den Meilensteinen der Weltliteratur und wurde in jüngster Zeit kongenial von Mathias Jendis (Hanser) und Friedhelm Rathjen (ZWEITAUSENDEINS) neu übersetzt.

Nach drei arbeitsam-geräuschlosen Tagen wird Bartleby zum Dokumentenabgleich gebeten. Man wolle gemeinsam rasch ein kurzes Schriftstück durchsehen, ruft sein gehetzter Vorgesetzter. Doch Bartleby rührt sich nicht. Nach einer kurzen Pause erwidert er seinem konsternierten Boss „mit eigentümlich sanfter, entschiedner Stimme“ (S. 24): „Ich möchte lieber nicht“ („I prefer not to...“).
Diesen Satz wiederholt der eigenwillige Gehilfe bei unterschiedlichsten Gelegenheiten noch ein paar Mal, bis zum bitteren Ende. Er ist zugleich das Fangseil, mit dem Melville seine Leser in die Geschichte hineinzieht, die am Schluss weitaus mehr Fragen offen lässt als Antworten auf Bartlebys merkwürdiges Verhalten zu geben. Das tut der Lektüre allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: Melvilles Erzählung, 2004 in neuer Übersetzung und mit einem ausführlichen Kommentar von Jürgen Krug als Insel-Taschenbuch für 6 Euro erschienen, verdichtet meisterhaft Gesellschafts- und Bürokratiekritik, Farce, Satire und Psychogramm zur literarischen Perle, eingefasst in drei Dutzend feinsinnige Wortspiele und Andeutungen. Bartleby ist damit nicht nur eine echte Alternative zum Walepos des großen New Yorkers, sondern möglicherweise auch stimulierend – für die Generation Praktikum: „Schulz, wo bleibt der neue Entwurf..?!“ – „Ach, ich möchte lieber nicht...“

Der Autodidakt Klaus Kinski (1926-1991) spielte bereits in belgischer Kriegsgefangenschaft erste Theaterrollen, tourte später als Rezitator und Ein-Mann-Bühnenshow durch Deutschland und wurde durch die Verfilmung zahlreicher Edgar Wallace-Bücher endgültig berühmt.
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Eine Leseerfahrung der anderen Art schenkt uns der Suhrkamp-Verlag zum diesjährigen Fest für christliche 7 Euro: Klaus Kinski, den Älteren als Oberbösewicht in den adenauernden Edgar Wallace-Streifen der 60er Jahre bekannt und als Rezitator eine Kategorie für sich, erzählt uns die Jesus-Geschichte neu. Das heißt: Er erzählt nicht, er proklamiert, schreit, klagt, wütet, tobt und heult.
„Jesus Christus Erlöser“, von Kinski selbst unter abenteuerlichen Bedingungen am 20. November 1971 in Hamburg als One-Man-Show inszeniert und als Mitschnitt auf CD erhältlich, ist eine Jesusgeschichte für alle, die Barockengelfrömmigkeit und Ratzingerkult gründlich satt haben. Glücklicherweise liegt sie nun erstmals in gedruckter Form vor, abgerundet durch die einfühlsame Schilderung der Entstehungsumstände des Textes und der Hamburger Aufführung von Kinski-Biograph Peter Geyer.
Die Manie Kinskis hat sich im Text, ja bis ins Druckbild hinein, erhalten. Atemlos schleift der Autor seine Leser über die vielen Absätze aus gemeißelten Sätzen im 68er-kompatibel aufgepeppten Bibel-Duktus; Reminiszenzen an den Jargon der Zeit, die den Gesamteindruck allerdings nicht trüben können.
Buchstäblich ohne Punkt und Komma hastet die Geschichte ihrem traurigen Höhepunkt zu. Dazwischen immer wieder Predigt, Aufruhr und Tumult. Kinski präsentiert uns einen ungeheuer radikalen Jesus, der sein biblisches Alter Ego müde aussehen lässt. Man könnte auch sagen: Kinskis Jesus ist christlicher als Christus selbst. Deshalb wird er von der Obrigkeit verfolgt:
„Gesucht wird Jesus Christus.
Angeklagt wegen Verführung anarchistischer Tendenzen Verschwörung gegen die Staatsgewalt.
Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen.
Angeblicher Beruf: Arbeiter.
Nationalität: Unbekannt.“ (S. 11)
Der Gesuchte verbreitet „utopische Ideen“ und schert sich nicht um die, die ihn zum „Super-Star“ machen wollen, der seine Rolle am Kreuz schön brav weiterspielen soll und dem man „aufs Maul schlägt“ (S. 12), sobald er aus der Rolle fällt. Neben altvertrauten Ratschlägen („Wenn ihr aber Gutes tut so sollt ihr nicht vor euch herschmettern mit Trompeten“; „Richtet nicht! Damit ihr nicht gerichtet werdet!“) hören wir Kinskis Jesus gewaltig gegen Gouverneure, Pfaffen, Kirchen, Klöster und Heilige Väter wüten: „Währet ihr doch heiß oder wenigstens kalt! Aber ihr seid nur lauwarm und ich spucke euch aus!“ (S. 20).
Standesgemäß wohnt Jesus auch bei Kinski unter den Gotteslästerern, ruht bei den Prostituierten und kämpft mit den Revolutionären. (Und wir könnten ergänzen: Er ist sicher auch WG-Genosse des Prekariats.)

Klaus Kinski: „Jesus Christus Erlöser“Die 24 Seiten Kinski-Jesus eignen sich bestens zur Vorbereitung auf den obligatorischen Weihnachtsgottesdienst. Danach sieht man die pausbäckige Klientel mit anderen Augen – wenn man es denn nicht gleich vorzieht, sein Gebet woanders zu verrichten. Ergänzt wird die Jesusgeschichte bei Suhrkamp übrigens durch Kinskis „Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen, eine Sammlung von Gedichten, die wie Kofferbomben in den festtagssatten Eingeweiden liegen. Wer Lyrik deutlich über der Schmerzgrenze mag, wird auch diese literarischen Kostbarkeiten zu schätzen wissen – eine fiktive Altersbeschränkung von 18+ vorausgesetzt.

Weicher im Abgang, aber deshalb nicht weniger empfehlenswert ist Patrick Süskinds lässige Reflexion „Über Liebe und Tod“, unlängst bei Diogenes zum Preis von 6,90 Euro als Taschenbuch erschienen.
Der Bestellerautor – sein „Parfüm“ hat sich weltweit häufiger verkauft als Thomas Manns Romane – ist ein Meister der Gesellschaftssatire. Bücher für Fernsehserien wie „Monaco Franze“, „Kir Royal“ oder Helmut Dietels „Rossini“ verströmen eine eisgekühlte Ironie, die sich in wieherndem Lachen entlädt.
Derart befreiend liest sich auch das, was Süßkind an der Ampel, als Gast bei einer feinen Tischgesellschaft und in den Tagebüchern Thomas Manns (in einer der gefälligsten Anspielungen der jüngeren deutschen Literaturgeschichte) über die Liebe erfährt: Dass sie vor allem eine ziemliche Dummheit ist. Aber damit wäre weder der Beobachtungsgabe noch den Beschreibungskünsten des Autors Recht getan. Süskind nähert sich der Liebe philosophisch, als Phänomen des Weltverlusts (S. 27), und er ertappt sie mit dem abgeklärten Alltagsverstand des postmodernen Aufklärers.

Patrick Süskind: „Über Liebe und Tod“Unvermittelt kommt der Tod ins Spiel. Herrlich, wie Süskind Kleists erotische Selbstmordphantasien seziert („Endlich hat er eine gefunden, die krank und depressiv und dumm genug war, sich begeistert darauf einzulassen [...]“; S. 34f.), und wie bewegend sein Porträt des unglücklichen Orpheus, der die geliebte Euridike im letzten Moment durch eigene Schuld doch noch an das Totenreich verliert.
Dem großen Liebenden, der allzumenschlich fehlt, steht bei Süskind kein geringerer als Gottes Sohn gegenüber. Und wie: Als kühl kalkulierender Stratege und despotischer Eiferer. Auch Süskind erzählt uns die Heilsgeschichte neu. Aber als tödliche Lovestory, die keine ist, weil es nicht um Eros, sondern um Macht geht. Im Gegensatz zu Orpheus, ist die Todesgeschichte des Nazareners bei Süskind „von Anfang bis zum bitteren Ende triumphal“ (S. 58) – und deshalb unmenschlich, lebensfern.
Süskinds Perspektive mag gewöhnungsbedürftig sein. Und sein Erzählstil lädt gewiss nicht zum tiefsinnigen Grübeln ein. Aber die Gedanken fahren 60 Seiten lang ein paar Runden Schlitten. Genau das Richtige für die kleine weihnachtliche Verschnaufpause zwischendurch. Darauf einen Kir Royal.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr!

Beitrag von Christian Dries.

Links zum Thema

  • Der Link zum Kanon von Marcel Reich-Ranicki – für MarathonleserInnen.
  • „A bisserl was geht immer“ – Monaco Franze im BR.
  • Zur Kultserie „Kir Royal“ im BR.

Zur Person

Christian Dries ist Chefredakteur dieses Magazins und liest gerne, nicht nur unterm Tannenbaum.

Literatur

  • Ulrich Greiner (2005): Ulrich Greiners Leseverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur. München.
  • Earl Conee/Theodore Sider (2005): Riddles of Existence. A Guided Tour of Metaphysics. Oxford.
  • Melville, Hermann (2004): Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street. 2. Aufl. Frankfurt/M.
  • Kinski, Klaus (2006): Jesus Christus Erlöser und Fieber – Tagebuch eines Aussätzigen. Frankfurt/M.
  • Patrick Süskind (2006): Über Liebe und Tod. Zürich.

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