Wohnt Gott im Gehirn?

Kirchenfenster Unter dem Namen „Neuro-Theologie“ haben in der letzten Zeit Forschungen zum Zusammenhang von Religion und Gehirn für Aufmerksamkeit und Aufregung gesorgt. Doch ist das Gehirn tatsächlich unsere „Hotline zum Himmel“ und ist es möglich, Gott durch Strommessungen am Gehirn nachzuweisen?

„Vielleicht sitzt Gott in unserem Gehirn. Sicher ist: Wir können durch spirituelle Praktiken bestimmte Gehirnregionen so beeinflussen, dass wir uns eins fühlen mit dem Universum und Selbsttranszendenz empfinden. Solche religiösen oder quasireligiösen Gefühle entstehen beispielsweise während des Meditierens.“ Diese Vermutung findet sich unter der Überschrift „Neuro-Theologie“ in der Juniausgabe der Zeitschrift „Psychologie heute“ aus dem Jahr 2001. Was also ist Neuro-Theologie?

Karl Rahner (1904-1984),
zählt neben Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger zu den bedeutendsten deutschsprachigen katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts.
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Unter Theologie können wir im Anschluss an Karl Rahner (1904-1984) das ausdrücklich bemühte Hören des glaubenden Menschen auf die geschichtlich ergangene Selbstmitteilung Gottes und das wissenschaftlich methodische Bemühen um ihre Erkenntnis verstehen. In der Theologie geht es um die Frage nach Gott – und dabei wird rational argumentiert, diskutiert und nicht selten auch gestritten. Bei diesem Unternehmen müssen Theologen ihr Gehirn bemühen, was ihre Anstrengungen aber noch keineswegs zur Neuro-Theologie macht!

Einzug in die wissenschaftliche Diskussion hat der etwas seltsam anmutende Begriff „Neuro-Theologie“ wohl durch einen Artikel von James B. Ashbrook gefunden. Neurotheologen geht es um die Erhellung der neuronalen Prozesse, die mit den religiösen Vorstellungen und Praktiken (wie Gebet, Gottesdienst und Meditation) einhergehen. Zu den Vertretern dieser Fachrichtung gehören beispielsweise die Neurologen James Austin und Vilayanur Ramachandran, der Radiologe Andrew Newberg, der Neuropsychologe Michael Persinger und die Kognitionsforscherin Eleanor Rosch.
Die Klärung der theologischen Frage nach Gott ist wohl bei keinem der genannten „Neuro-Theologen“, die übrigens allesamt keine Theologen sind, das primäre Interesse. Der Gegenstandsbereich von Theologie und Neuro-Theologie ist ein anderer. Das, was also unter „Neuro-Theologie“ verstanden wird, ist wohl eher als Neurophysiologie beziehungsweise Neurobiologie oder Neuropathologie von religiös-praktischen Glaubensvollzügen zu bestimmen.

Die Motive der „Neuro-Theologen“ sind unterschiedlich: Einige wenige suchen im Gehirn nach dem ultimativen Gottesbeweis („Der Mensch glaubt, weil Gott im Scheitellappen wohnt“), die Mehrheit versucht den Gottesgedanken neurophysiologisch zu entzaubern („Gott als Produkt unseres Gehirns“). James Austin ist der Ansicht, man könne Zustände der Erleuchtung aus einer durch Meditation herbeigeführten Hemmung der Aktivität mehrerer subkortikaler Hirnbereiche herleiten.

Vilayanur Ramachandran meint, dass Patienten mit Schläfenlappen-Epilepsie auf religiös konnotierte Wörter heftiger reagieren als auf sexuelle Signale und versteht religiöse Erfahrungen als Abnormität des Schläfenlappens. Waren Buddha, Moses, Jesus und Mohammed also nur Schläfenlappen-Epileptiker? Für Ramachandran ist die posthume Ferndiagnose jedenfalls kein Problem. Wer von den Lesern dieses Artikels Erfahrungen in Gebet und Meditation hat, darf sich in diese prominente Patientenliste einreihen, wo auch Namen wie Dostojewski und Van Gogh zu finden sind.

Michael Persinger vermutet bei Patienten mit Schläfenlappen-Epilepsien einen (empirisch in keiner Weise gesicherten) Zusammenhang zwischen Visionen, unerklärlichem Geruchsempfinden und mystischen Vorstellungen. Religiöse Erfahrungen seien auf epileptische Mikro-Anfälle zurückzuführen. Der Grund hierfür sei, die Angst vor dem Tod zu mindern.
Persinger hat für seine Untersuchungen einen „Religionsempfangshelm“ konstruiert, in dem Magnetspulen montiert waren. Die empfangenen Signale wurden von Testpersonen als erschütternde Bekundungen einer „übersinnlichen Macht“ oder als persönliche Begegnung mit einem Schutzengel gedeutet. Lassen sich Gottesvorstellungen im Religionsmagnetwellenexperiment erzeugen, dann, so Persinger, ist endlich gezeigt, dass Gott nur eine Einbildung, ein – im doppelten Sinn des Wortes - Hirngespinst ist. Ich glaube, dass Persinger hier zu kurz greift. Mit der gleichen Logik könnte man das Gehirn einer Testperson so stimulieren, dass sie glaubt, Pizza zu essen und gleichzeitig schlussfolgern, dass es Pizza aber gar nicht gibt.

In ihrem Buch „Why God won’t go away“ (dt.: „Der gedachte Gott“) berichten Andrew Newberg, Eugene d’Aquiliy und Vince Rause über Kernspinuntersuchungen mit acht meditierenden buddhistischen Mönchen und drei Franziskanerinnen. Aufgabe der buddhistischen Mönche und christlichen Ordensschwestern war es, an einer Schnur zu ziehen, wenn sie sich in mystischer Ekstase im Nirwana oder ganz nahe bei ihrem Gott fühlten. Ein schwach radioaktives Kontrastmittel tröpfelte daraufhin in die Venen wodurch die Durchblutungsmuster im Gehirn sichtbar gemacht werden konnten.
Mit einer radioaktive Strahlung registrierenden Apparatur, der SPECT-Kamera (Single Photon Emission Computed Tomography), wurde beobachtet, dass die Durchblutung im oberen hinteren Scheitellappen drastisch zurückging. Diese Unterbindung kognitiver und sensorischer Impulse bezeichnen Newberg und Kollegen als „Deafferenzierung“ des links- wie rechtshemisphärischen Orientierungsfeldes im hinteren Abschnitt des Scheitellappens. Subjektiv werde nur noch Raumlosigkeit erlebt, was dann als Gefühl der Ewigkeit gedeutet wird.

Newberg und Kollegen sind davon überzeugt, dass Gott nur einen Weg in Ihren Kopf findet: nämlich durch die Nervenbahnen des Gehirns. Das menschliche Gehirn sei immer schon auf die Begegnung mit „transzendenten Mächten“ programmiert. Was ist mit denen, die sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnen? Ticken die einfach nur nicht richtig? Newberg und Kollegen geben sich optimistisch: Mit ihren Ergebnissen ließen sich nicht nur die Gegensätze zwischen Religion und Naturwissenschaft einebnen, sondern auch zwischen den Religionen, so dass wir es hier mit einem wie auch immer gearteten Einheitsbrei von Religion zu tun hätten und jeder Anspruch auf Exklusivität der eigenen Religion als defizitär abgetan wird.

Auffällig ist, dass in der „Neuro-Theologie“ Begriffe wie „religiös“, „spirituell“, „mystisch“, „Transzendenz“ und „Ewigkeit“ völlig undifferenziert gebraucht werden, so dass der begriffliche Genauigkeit liebende Philosoph oder Theologe hier nur erstaunt mit dem Kopf schütteln kann. Die experimentelle Basis der „neuro-theologischen“ Forschung ist äußerst dürftig – was ihre Aussagen relativiert.

Wer meint, er könne Religion naturwissenschaftlich erklären, muss sich grundsätzliche Erkenntnisgrenzen vor Augen führen lassen. Experimente sind generell nicht geeignet, Aussagen über einmalige Ereignisse zu machen, sollen sie doch jederzeit unter den gleichen Bedingungen wiederholbar sein. In unserer Welt gibt es viele Phänomene, die sich der naturwissenschaftlichen Methode entziehen. Kommen wir noch mal auf die „Pizza“ zurück. Wenn Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben eine Pizza essen, sind Ihre Hirnprozesse nicht experimentell analysierbar, denn beim zweiten Besuch in der Pizzeria liegt bereits ein Engramm, also ein anderer Gehirnzustand vor.

Die naturwissenschaftliche Methode ist richtig und wichtig, aber eben nicht die einzige Methode zur Welterschließung. Bei der Verwendung neurowissenschaftlicher Ergebnisse gilt es daher immer deren Grenzen und Möglichkeiten zu berücksichtigen! Was schon für die Pizza gilt, gilt umso mehr noch für Gott. Die Diskreditierung der Mystiker aller Religionen als „krankhaft“ ist nichts anderes, als der Versuch, sich im Namen der Wissenschaft ein ungeklärtes Phänomen vom Hals zu halten. Von der Hirnforschung werden wir wohl nicht erfahren, ob es einen Gott gibt oder nicht. Ein experimentell beherrschbarer und kontrollierbarer Gott wäre aber nicht Gott, sondern nur ein billiger Götze.

Beitrag von Marcus Knaup

Links zum Thema

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  • Gehirn und Geist. Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung. Nr. 7-8/ 2006. Thema: Angriff auf den Glauben. Wie Hirnforscher die Religion herausfordern.

Zur Person

Marcus Knaup ist katholischer Theologe und Philosoph. Er hat in Paderborn und Freiburg i. Br. studiert und arbeitet zur Zeit an einer Doktorarbeit in Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Zu seinen Studien- und Interessensschwerpunkten zählen Anthropologie, Philosophie des Geistes, Ethik, Naturphilosophie, Religionsphilosophie und Metaphysik.

Literatur

  • James Austin (2001): Zen and the Brain: toward an understanding of meditation and consciousness. Cambridge.
  • Ulrich Lüke (2006): Das Säugetier von Gottes Gnaden. Evolution, Bewusstsein, Freiheit. Freiburg/ Basel/ Wien.
  • Peter Neuner (Hrsg.) 2003: Naturalisierung des Geistes – Sprachlosigkeit der Theologie? Die Mind-Brain-Debatte und das christliche Menschenbild. Bamberg.
  • Andrew Newberg/Eugene D’ Aquili (1999): The Mystical Mind: Probing the Biology of Religious Experience. Minneapolis.
  • Andrew Newberg/Eugene D’Aquili/Vince Rause (2004): Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht. München/Zürich.

Kategorien

Themen: Psychologie | Religion
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