Haltet ein, Kollegen!

Publikationszwang und Artikelflut sind zwei Seiten derselben Medaille: Unsinnige Vorgaben aus der Wirtschaft, zweifelhafte Qualitätskriterien und gestiegener Karrieredruck schaden dem hohen Ansehen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine Selbstbeschränkung tut Not.

Publish or Perish (veröffentliche oder stirb)! – so lautet das aus dem angelsächsischen Sprachraum importierte Karrieregebot Nr. 1 in der Wissenschaft. Berufungs- und Evaluationskommissionen schauen heute zuallererst auf die Menge der publizierten Monographien, Artikel und Aufsätze eines Kandidaten, bevor sie ihre Empfehlungen abgeben. Besonders für den Nachwuchs, inzwischen aber auch für fest etablierte Forscher, zählt deshalb immer häufiger allein die Anzahl der Veröffentlichungen und weniger ihre Qualität.

Die Zahl der Veröffentlichungen aber steigt beständig an, weil sich alle aus Sorge um ihre Karriere – wie beim Rattenrennen – manisch an das Publikationsgebot halten und jeden Gedanken gleich mehrfach veröffentlichen, dazu noch jede Menge Halbgares und Unausgegorenes. Hauptsache, es wird irgendwo gedruckt und verlängert die eigene Publikationsliste. Als Folge dessen schafft es heute kaum eine Kommission mehr, sich ein Urteil über die tatsächliche Qualität der entsprechenden Beiträge zu bilden. Allenfalls interessiert noch der Veröffentlichungsort: Eine Zeitschrift mit Peer-review-Verfahren, in der anerkannte Fachwissenschaftler die eingereichten Beiträge anonym begutachten, sollte es schon sein.

Christian Dries

Christian Dries

Doch die Zahl neuer Journals und Fachmagazine steigt ebenfalls an, von deren elektronischen Ablegern und Neugründungen im Netz ganz zu schweigen. Die unbeabsichtigte Nebenfolge: Je mehr Zeitschriften es als Auffangbecken für die steigende Masse an Beiträgen gibt, desto mehr Peer-Reviewer und Gutachter werden für die eingereichten Publikationsvorschläge gebraucht.
Weil jeder Forscher aber seinerseits an sieben Publikationen gleichzeitig schreibt, während er sechs Manuskripte zur Begutachtung auf dem Tisch hat, nimmt er die Peer-reviews nicht mehr richtig ernst. Schnell mal den blutleeren Aufsatz überfliegen und ein ebenso blutleeres Gutachten dazu schreiben und ab damit in die Druckerpresse, lautet die Devise.

Wir haben keine Zeit mehr, durchdachte Aufsätze zu schreiben, wir haben keine Ressourcen und keine Kriterien mehr, fundierte Gutachten zu verfassen und wir haben keine Gelegenheit mehr, zielgerichtet und systematisch zu rezipieren, was unsere Kollegen produzieren. Abgesehen davon, dass sich letzteres in vielen Fällen auch gar nicht lohnen würde, schließlich sehen sich ja alle gezwungen, halbfertige Projektideen und grob skizzierte Rohfassungen zu veröffentlichen. Am schwersten aber wiegt der Umstand, dass wir immer weniger Zeit und Muße haben, um das zu tun, wofür wir eigentlich bezahlt werden: Lehre und Forschung.

Hartmut Rosa

Hartmut Rosa

Lediglich für bürokratische Glasperlenspiele wie die Forschungsbilanz hat dieses ganze absurde Theater noch Sinn: Die Zahl der Publikationen, also der Output, steigt. Wunderbar! Nur: Nichts, aber auch gar nichts wird dadurch substantiell besser. Im Gegenteil. Publish and perish – publiziere und gehe dabei zugrunde, das ist die eigentliche Wirkung des eingangs zitierten Gebots.
Müssen wir all dies achselzuckend hinnehmen, weil das nun einmal der Gang der internationalen Wissenschaftsentwicklung ist; weil es alle so machen? Oder lässt sich etwas dagegen unternehmen? Aber natürlich! Das Heilmittel ist ebenso naheliegend wie einfach, kostet nichts und hat ausschließlich positive Nebeneffekte. Wir wollen es der geistes- und sozialwissenschaftlichen Wissenschaftlergemeinde, in der auch wir zu Hause sind, mit dem Aufruf zur kollektiv-verbindlichen Übernahme im Sinne eines Manifests vorschlagen:

Publish, don‘t perish – für eine kollektive Publikationsbeschränkung

Ab sofort verpflichtet sich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler, nicht mehr als drei Fachaufsätze pro Jahr und höchstens alle zwei Jahre eine Monographie zu publizieren. Dabei gelten als Aufsatz alle wissenschaftlichen Texte, die in einer gedruckten oder im Internet erscheinenden Fachzeitschrift veröffentlicht werden und dort dauerhaft zugänglich sind. Als wissenschaftliche Monographie gilt jede Veröffentlichung in einem der entsprechenden Fachverlage, in gedruckter wie elektronischer Form. Auch die jeweiligen disziplinären Fachverbände (DGS; DVPW etc.) übernehmen diese Richtlinie als für sich und ihre Mitglieder verbindlich.

Man stelle sich das Ergebnis dieses Moratoriums vor: Die drei Aufsätze wären ausgefeilt bis ins Detail, man hätte Zeit, sie vernünftig zu begutachten und zu lesen, es wäre wieder möglich, den Überblick über das eigene Fach und die Beteiligten zu behalten, ja es wäre wieder eine Freude, Zeitschriften und Sammelbände in die Hand zu nehmen. Die Gefahr, dass sich der neue Aufsatz des Kollegen als schlecht getarnte Variation des schon zuvor vier mal publizierten entpuppte, nähme rapide ab.
Autoren, Lektoren, Herausgeber und Verlage hätte wieder die Chance, das Geschriebene auf orthographische Mängel und Inkonsistenzen hin zu überprüfen – kurz: die Qualität des Veröffentlichten stiege sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite enorm an. Fachliche und fachübergreifende Diskussionen gewönnen an Kohärenz, und zumindest die Teildisziplinen ließen sich diskursiv insoweit wieder integrieren, dass man wüsste, wofür ein Kollege steht und plädiert. (Derzeit wissen wir das ja oft von uns selbst nicht mehr.) Und nicht zuletzt: Die Qualität von Forschung und Lehre stiege ebenfalls an, weil freie Zeitressourcen vermehrt in eben diese fließen könnten.

Der einzige, aber gerne zu verschmerzende Nachteil: Berufungs- und Evaluationskommissionen müssten in ihren Voten wieder die wirkliche Qualität der Forschung begutachten, da der quantitative Output kein kardinales Unterscheidungskriterium mehr abgäbe.
Selbst für die Fachzeitschriften und Verlage sind Einbußen kaum zu befürchten. Absatzrückgänge lassen sich zwar nicht ganz ausschließen, sind aber nach Marktgesichtspunkten eher unwahrscheinlich. Die insgesamt gestiegene Qualität müsste sich auch auf die Nachfrage auswirken. Das oft gehörte Argument, in Sammelbänden finde sich ja ohnehin nur gedanklicher Ausschuss, verlöre stante pede seine Triftigkeit. Sogar gegenüber der internationalen Konkurrenz lassen sich durch diese Strategie Wettbewerbsvorteile gewinnen: Bei internationalen Zeitschriften eingereichte Aufsätze aus Deutschland könnten sich schnell den Ruf erwerben, qualitativ hochwertig und sorgfältig verfasst zu sein!

Übrigens: Sollten sich liberale Bedenken gegen die hier vorgebrachte Variante der Selbstbeschränkung regen, ließe sich ein alternatives Szenario mit dem selben Ergebnis denken: Jede/r schreibt weiterhin so viel er oder sie mag, aber alle maßgebenden Kommissionen berücksichtigen nicht mehr als drei Aufsatzpublikationen pro Kalenderjahr und ein Buch im Zeitraum von zwei Jahren.
Wir alle, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Universitäten und Verlage, haben nichts zu verlieren als unsere selbst angelegten Ketten. Machen wir Schluss mit dem unsinnigen Rattenrennen. Beschränken wir uns selbst – zum Wohle aller Beteiligten: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller (Bundes-)Länder, schließt euch an!

Dieser Beitrag erschien – leicht gekürzt – unter dem Titel „Forscher, begrenzt eure Emissionen“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 06. Mai 2007.

Beitrag von Christian Dries und Hartmut Rosa

Links zum Thema

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  • Homepage des Lehrstuhls von Hartmut Rosa für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Zur Person

Christian Dries , Studienpreisträger 2003 und 2007, promoviert an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist Chefredakteur dieses Magazins.
Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Themen: Hochschule | Karriere
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