Mehr Lachen!

Zornitsa KutlinaDenn gearbeitet wird in Deutschland schon genug, sagt die Bulgarin Zornitsa Kutlina. Sie hat in Deutschland studiert und promoviert zurzeit am Europäischen Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Insgesamt ist sie seit 10 Jahren in der Bundesrepublik und hat von der Arbeitsmoral der Deutschen viel gelernt. Im Gegenzug empfiehlt sie uns, das Leben mehr zu genießen.

sciencegarden: Seit wann bist du in Deutschland?

Zornitsa Kutlina: Ich bin 1997 zum Austauschstudium nach Münster gekommen und habe dort VWL studiert. Nach zweieinhalb Jahren Grundstudium bin wieder nach Bulgarien zurückgegangen, um dort das Hauptstudium fertig zu machen. Das ging wesentlich schneller, da ich parallel zum Grundstudium in Deutschland dort schon Klausuren geschrieben hatte. So konnte ich das VWL-Studium in Bulgarien dann zügig abschließen.

sg: Es hat dich aber wieder zurück nach Deutschland gezogen?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES)
wurde 1925 als politisches Vermächtnis des ersten demokratisch gewählten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert gegründet.
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ZK: Ja, ich habe mich 2001 an der RWTH Aachen für den Aufbaustudiengang Europastudien beworben und war damit 2004 fertig. Dann habe ich mich um eine Promotionsstelle beworben – erfolgreich! – und bin seit 2005 Doktorandin am Europäischen Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen in Wuppertal. Insgesamt bin ich nun also – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – seit 10 Jahren in Deutschland.

sg: Das spricht dafür, dass es dir hier ganz gut gefällt...

ZK: Ja, ich habe von Deutschland einen sehr positiven Eindruck! Das hängt aber sicher auch mit meiner Einstellung zusammen, immer etwas Neues erleben zu wollen. Es war total spannend, als Studentin in die deutsche Atmosphäre einzutauchen, in eine andere Welt, die sehr unterschiedlich zu der in Bulgarien ist – nicht schlecht, sondern anders. Ich wollte für mich einen Platz in dieser neuen Umgebung finden, mit Deutschen Umgang haben und meine Deutschkenntnisse verbessern.

sg: Wie war dein erster Eindruck von Deutschland? Haben sich deine Vorstellungen erfüllt?

ZK: Eigentlich hatte ich keine feste Vorstellung von dem Land, als ich nach Deutschland gekommen bin, vielleicht bin ich auch daher so positiv angetan. Ich habe alle Eindrücke einfach auf mich einwirken lassen und es hat einen sehr anregenden Gang genommen. Ich bin gerne in Deutschland.

sg: Du kanntest doch sicherlich einige Klischees über Deutschland und „die Deutschen“. Haben sich davon welche bestätigt oder sind wir doch ganz anders?

ZK: Es heißt immer, ihr Deutschen seid so organisiert und habt eine hohe Arbeitsmoral. Das mit der Arbeitsmoral stimmt auch wirklich, es ist ganz anders als in Bulgarien, wo alles viel südländischer ist. Dort arbeitet man, um zu leben. In Deutschland lebt man, um zu arbeiten. Das Organisationstalent hängt aber definitiv von der einzelnen Person ab, nicht von der Nationalität!

sg: Deutschland ist doch auch für seine Bürokratie berüchtigt. Hattest du damit Schwierigkeiten, z.B. auch an der Uni?

ZK: Nein, davon habe ich nicht so viel mitbekommen. In Bulgarien gibt es auch einige bürokratische Hürden zu bewältigen, vielleicht bin ich es gewohnt?! Ich habe mich mit anderen Bulgaren darüber ausgetauscht wo man sich krankenversichert und so weiter, das war aber alles völlig unproblematisch. Wirklich lästig waren nur die Formalitäten bei der Ausländerbehörde, wo ich immer mein Visum verlängern und Bescheinigungen vorlegen musste, bevor Bulgarien der EU beigetreten ist.

sg: Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, in Deutschland zu studieren?

ZK: Ich bin auf einer Dienstreise von Bulgarien aus in Münster gewesen und dort mit Bulgaren ins Gespräch gekommen. Sie sagten, das Studium sei in Deutschland wesentlich schwieriger als in Bulgarien. Das empfand ich als eine Herausforderung: Wenn es schwierig ist, in Deutschland erfolgreich zu studieren, dann muss ich es schaffen.

sg: Du hast vorhin erwähnt, dass du ein Stipendium hast. Wie bist du dazu gekommen?

ZK: Eine gute Bekannte hat mich schon während des Studiums darauf gebracht, mich um ein Stipendium zu bewerben. Viele andere meinten, das sei sehr schwierig, kaum jemand würde eines bekommen und man solle sich erst gar keine Hoffnung machen. Aber ich habe mir gedacht: „Wer nicht versucht, der nicht gewinnt!“ Also habe ich mir alle möglichen Stiftungen rausgesucht und geschaut, welche mir am besten gefällt – das war dann die Friedrich-Ebert-Stiftung. Mit deren Zielen und Wertvorstellungen konnte ich mich am ehesten identifizieren. Dort habe ich mich beworben und zuerst ein Graduiertenstipendium für mein Zweitstudium der Europastudien an der RWTH Aachen bekommen und anschließend auch ein Stipendium für meine Promotion.

sg: Warum hast du dich nach zwei Studiengängen noch zu einer Promotion entschlossen? Und warum wieder in Deutschland?

ZK: Ich komme aus einer Forscherfamilie, das lag mir wohl im Blut! Die Promotion in Deutschland und in Bulgarien lässt sich nicht wirklich vergleichen. In Bulgarien ist eine Promotion für viel, viel weniger Leute möglich. Die Promotionsstellen lassen sich wirklich an einer Hand abzählen. Das finde ich gut in Deutschland: Dass viel mehr Leute Zugang zur Promotion haben.

sg: Was hast du als nächstes vor und hat dir deine Zeit in Deutschland dafür etwas gebracht?

ZK: In Deutschland habe ich gelernt, keine Scheu vor hartem Arbeiten zu haben. Ich habe viele deutsche Freundinnen, die diesbezüglich mit einem guten Beispiel vorangegangen sind. In Bulgarien hätte man eher darüber gelästert. Hier ist das ganz normal, ja sogar positiv. Das fand ich überraschend. Ohne Fleiß kein Preis – und das ist wirklich gut. Der Fleiß macht den Erfolg aus. Man muss viel in eine Sache investieren, auch den Kampf gegen sich selbst gewinnen und der „Fleißkampf“ stellt einen auch zufrieden. Von daher habe ich von der deutschen Arbeitsmoral viel gelernt.
Als nächstes möchte ich in einer der Europäischen Institutionen in Brüssel arbeiten, beispielsweise in der Forschungsdirektion der Europäischen Kommission. Das ist mein nächster Traumjob. Aber wo ich einmal landen werde, das ist offen.

sg: Fällt dir zum Abschluss noch etwas ein?

ZK: Ihr Deutschen solltet mehr lachen! Und mehr Spaß am Leben haben. Oft beschweren sich die Leute hier, obwohl sie überhaupt kein Problem haben. Wirklich herzlich lachen und das Leben genießen, fällt den Leuten oft schwer.

sg: Vielen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg bei der Promotion!

Beitrag von Katrin Winke|mann
Bildquelle: Silke Sage

Links zum Thema

  • EIIW, Europäisches Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen
  • Europastudien, RWTH Aachen
  • Friedrich-Ebert-Stiftung
  • Kontakt zu Zornitsa Kutlina:

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Themen: Studieren in Deutschland
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