August 2001

Mein Doktor liegt im Briefkasten

*Seien wir doch einmal ehrlich - das Studium in Deutschland ist zäh wie Kaugummi, und nach der Doktorarbeit ist erst mal Haarwuchsmittel angesagt. Warum also nicht den steinigen Pfad zu hohen Ehren ein wenig schmerzfreier beschreiten?

Titelkauf - ohne Studium, auch für lebenserfahrene Laien" - so jedenfalls preisen zahlreiche "renommierte Unternehmen" ihren ahnungslosen Kunden ein angeblich völlig gesetzeskonformes Verfahren an, mit dem jede(r) nach Herzenslust in den Geldbeutel greifen und angeblich sogar Professor werden kann.

Wer in einer Internet-Suchmaschine unter dem Stichwort "Doktortitel" sucht, wird über 4000 mal fündig werden, und gleich an vorderster Stelle stehen meist die sogenannten "diploma mills" - zu Deutsch: Diplom-Mühlen, von denen es mehrere hundert Einträge allein im deutschsprachigen Internet gibt. Und wohl jeder dürfte wissen, was damit gemeint ist.

Ob Doktor rer. nat. oder Doctor of Business Studies, den ersehnten Titel gibt es oft schon für schlappe 16.000 Mark zu kaufen - inklusive Studienausweis, Studienbescheinigung, Dissertation in dreifacher beglaubigter Kopie, Fächer- und Notenübersicht. Auf Wunsch, zum Beispiel bei Ehrendoktorwürden, sogar mit Laudatio. Wen wundert es, dass auch "Criminal Law" nicht in der erlesenen Auswahl fehlen darf.

Dass diese Sache natürlich einen Haken haben muss, ist klar - doch für die ahnungslosen Kunden ist nirgends ersichtlich, dass sie beim Erwerb derartiger Titel möglicherweise gegen deutsches Recht verstoßen.

Wer es etwas legaler liebt, greift da lieber zu einem - wenn auch rostigen - Notnagel: Amerikanische und britische kirchliche Titel dürfen nämlich - leider - auch in Deutschland ganz legal geführt werden. Und die verschaffen ihren Besitzern möglicherweise genauso viel Renommee wie entsprechende akademische Titel. Obgleich natürlich ein "Doctor of Divinity" den ein oder anderen Atheisten schon stutzig machen könnte. Aber was soll's - Titel bleibt Titel, und wenn es obendrein auch noch eine Urkunde mit goldenem Siegel und eine Mütze "in NAVY-Blau" dazu gibt, dürften manche der Verlockung wohl kaum widerstehen können.

Wer sich lieber alles selbst organisieren möchte, bekommt für läppische dreihundert Mark eine Liste verschiedener amerikanischer Colleges zugeschickt; da könnte man schon fast vergessen, dass all diese Adressen ja eigentlich kostenlos im Internet zu finden wären. Nach dem Motto "mit Geld ist alles möglich" gehen jedoch viele Diplommühlenbesitzer erfolgreich auf Beutezug, um ihren titelwilligen Opfern den Sparstrumpf über den Kopf zu ziehen.

Doch die Schattenseite des kostspieligen Vergnügens ist nicht weit: Wer die Werbebroschüren der Anbieter aufmerksam liest, dem dürften einige Sätze sauer aufstoßen - wie zum Beispiel angebliche "Top-Degrees einer renommierten, privaten US-Universität." Wen wundert es, dass einige dieser angeblichen Universitäten in Wahrheit Briefkasten-Unis sind, die von in Deutschland lebenden Personen betrieben werden?

So jedenfalls urteilten die Richter am Verwaltungsgericht Koblenz (Nr. 70 124 / 98) in einem Urteil zu einem besonders Aufsehen erregenden Fall, in dem ein Mandant ein von einer nicht akkreditierten Pseudo-Universität ausgestelltes Abschlusszeugnis per Gerichtsbeschluss anerkennen lassen wollte. "Wer im Ausland einen akademischen Doktorgrad ohne Studienabschluss erworben hat, darf den Doktortitel in Deutschland offiziell nicht vor seinem Namen führen", so das in der Berliner Morgenpost vom 4.2.2001 zitierte Urteil der Richter.

Ein Glück nur, dass die meisten erfahrenen Personalchefs inzwischen die Übeltäter kennen, die ihren Kunden Diplom-, Doktor- oder Professortitel "verkaufen" möchten. So, wie es schon immer Menschen gab, die Ausweise fälschten, wird es wohl auch immer Leute geben, die dies mit akademischen Graden versuchen. Bleibt zu hoffen, dass unsere "echten" Doktoren ihren Stand durch Kompetenz und Qualifikation zu verteidigen wissen.

Beitrag von Christoph Scherber
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