Oktober 2003

Eile mit Weile

Paradigmenwechsel im Zeitmanagement - von der Beschleunigung zur Entschleunigung, bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung. Wie ist das möglich? Eine Rezension.

Protestantische Arbeitsethik: Von Max Weber (1864-1920) beschriebene ethisch-religiöse Grundlage kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung, zu deren Hauptmerkmalen die Handlungsmotivation durch auf längere Fristen und Planung ausgerichtete „Bändigung“ und „Temperierung“ zählt.

In einer beschleunigten Welt sind Reflexionen über die Zeit en vogue und das Geschäft mit Zeitmanagementratgebern boomt. Gängige Suchmaschinen zeigen 66.200 deutschsprachige Einträge zum Stichwort „Zeitmanagement“, die Anzahl der Bücher zum Thema ist kaum überschaubar. Einer der bekanntesten Zeitmanagementratgeber ist Lothar J. Seiwerts. Sein Bestseller „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ liegt jetzt in der 8. aktualisierten Auflage vor - Grund genug, ein Zeitfenster zu öffnen und sich seine „sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität“ näher anzuschauen.

Lothar J. Seiwert: Wenn du es eilig hast, gehe langsamWährend frühere Zeitmanagementratgeber Beschleunigung und - damit einhergehend - Effizienzsteigerung propagierten, kam es in den vergangenen Jahren zu einer Trendwende. Heute lautet das Credo: „Gehe langsam, wenn du es eilig hast.“ Dies ist zunächst erstaunlich, denn obgleich die „Entdeckung der Langsamkeit“ seit Sten Nadolnys gleichnamigem Erfolgsroman zum geflügelten Wort wurde - und der Protagonist über mehr Lebensdurchblick verfügt als seine Mitmenschen -, bietet die Idee vom Leben in slow motion für die meisten von uns kaum eine Andockstelle für Effektivität und konventionellen Erfolg.

Sten Nadolny: Die Entdeckung der LangsamkeitSeiwert erkennt die Zeichen der Zeit - er spricht von „TimeShift“ - und stellt im ersten Teil seines Buches die rhetorische Frage: „Abschied vom Zeitmanagement?“ (Die Frage kann nicht ernstgemeint sein, denn auch Seiwert verdient mit dem Thema sein Geld!) Im Einführungskapitel geht es um den „Wertewandel im Zeitmanagement“, der Suche nach einer neuen Zeitkultur. Gemeint ist damit der Paradigmenwechsel von der Eile zur (guten) Weile. Zeitgenossen, die diesen Übergang vom Zeitnutzungsfetischismus zur graduellen Entschleunigung alltagsweltlicher Lebensführung bereits gemeistert und die Kreativität der Langsamkeit für sich entdeckt haben, werden verniedlichend Slobbies - slower but better working people - genannt. Sie erinnern an jene gegen den schnellen Strom der Zeit schwimmende gesellschaftliche Avantgarde, die der Aachener Soziologe Karl H. Hörning als „Zeitpioniere“ bezeichnet: „Zeitpioniere“ stellen eine relativ kleine gesellschaftliche Gruppe dar, die dem grassierenden Tempowahn den Kampf ansagt und die Insignien eines im herkömmlichen Sinne erfolgreichen Lebens - angesehener Beruf, voller Terminkalender, sattes Konto - bewusst eintauscht für ein Mehr an frei disponibler Zeit.

Dass es Menschen gibt, die leben, um zu arbeiten - sogenannte Workaholics -, wissen wir. Dass auch eine Alternativlebensweise existiert - arbeiten, um zu leben -, ist ebenfalls bekannt. Und dass letztere Option eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine ausgeglichene Work-Life-Balance, ein Leben im Lot, verspricht, stellt den Tenor von Seiwerts aktuellem Zeitratgeber dar. Zeitmanagement wird zum Lebensmanagement und erfährt auf diese Weise eine „Verganzheitlichung“: Arbeit ist nicht (mehr) alles, was zählt. Auch zu leben, will gelernt sein. Und trotzdem - dem Erfolg im Job sollen Seiwerts Zeittipps keinen Abbruch tun; deutlich wird seine primär arbeitsweltliche Orientierung, wenn es konkret an die „sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität“ geht.

Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des KapitalismusDiese Schritte nehmen im zweiten Teil des Buches jeweils ein Kapitel ein und reichen vom Übergeordneten zum eher Kleinschrittigen. Der Autor beginnt mit abstrakteren Themen wie Vision, Leitbild, Lebensziel und arbeitet sich durch bis zu Jahres-, Wochen- und Tageszielen und der Selbstdisziplin als tägliche Erfolgsbasis. Im letzten Schritt erscheint es, als mache Seiwert Anleihen bei der protestantische Arbeitsethik, beispielsweise wenn es darum geht, Arbeitspläne zu erstellen und diese konsequent zu absolvieren. Die präsentierten „Prioritäten-Matrizen“, mit A-, B- und C-Aufgaben von unterschiedlichen Dringlichkeits- und Wichtigkeitsgraden erinnern an die weitverbreitete Abhakmentalität und finden sich zudem in jedem Zeitmanagementbuch. Der von Seiwert selbst postulierten Ganzheitlichkeitsmentalität laufen diese Herangehensweisen allerdings entgegen. Insgesamt bietet die Lektüre dieses zweiten, umfangreichen Teil des Buches wenig Neues. Die meisten Leser wissen um die Wichtigkeit von Visionen und Prioritäten. Und dass der Job nicht alles ist, kann heute nicht mehr als revolutionäre Erkenntnis gefeiert werden.
 

Karl H. Hörning/Anette Gerhard/Matthias Michailow: ZeitpioniereDer dritte Teil des Buches aber enthält wirklich spannende Gedanken. Seiwert präsentiert sein sogenanntes „DISG-Persönlichkeitsmodell“ - vier Zeittypen, die unterschiedliche Zeitstrategien nahe legen. Anhand eines Selbsttests lässt sich herausfinden, zu welcher Zeit-Attitüde der Leser neigt. Dabei unterscheidet der Autor anschaulich zwischen einem dominanten Typ (D), dem initiativen Typ (I), dem stetigen Typ (S) und dem gewissenhaften Typ (G). Diese Idealtypen ergeben sich aus den Gegensatzpaaren extrovertiert versus introvertiert sowie menschen- versus sachorientiert: Dominante Charaktere zeigen ein aufgabenorientiertes und extravertiertes Verhalten; initiative Charaktere sind ebenfalls extravertiert, jedoch zugleich menschenorientiert; stetige Charaktere gelten als menschenorientiert, aber introvertiert; gewissenhafte Charaktere weisen ein introvertiertes und aufgabenorientiertes Verhalten auf. Die letzten beiden Charaktere sind Seiwert zufolge prädestiniert für den versierten Einsatz von Zeitplansystemen, wohingegen für die ersten zwei Charaktere die Lektüre von Zeitmanagementratgebern als zweckmäßige zeitliche Investition empfohlen wird. Erfreulicherweise bietet der Autor neben der bloßen Beschreibung dieser Typen auch - gegen Ende des Buches - praxisbezogene „Zeitstrategien für betroffene Zeittypen“.

Als vergeudete Zeit lassen sich die viereinhalb Stunden Lektüre - samt visuellem Genuss der liebenswürdigen Karikaturen - gewiss nicht ansehen. Das Ausmaß wirklich innovativer Empfehlungen hält sich zwar in Grenzen, doch selbst, wenn tatsächlich ein sozialer Wandel gen Entschleunigung zu konstatieren sein sollte, so ist dieser durchaus einer Beschreibung wert. Andererseits - Seiwert will sicherlich mehr als die Beschreibung dieser Trendwende. Er propagiert den Wandel und gibt Empfehlungen, ihn erfolgreich zu vollziehen. Ob ihm das gelingt?

Beitrag von Nadine M. Schöneck

Links zum Thema

  • Homepage der Coaching- und Consultingfirma „Seiwert-Institut GmbH“ in Heidelberg

Zur Person

Nadine M. Schöneck Sozialwissenschaftlerin, geboren 1975, studierte Sozialwissenschaften in Bochum, Austin/Texas und Oxford. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Inklusionsprofile“ und Doktorandin an der FernUniversität in Hagen. Ende Oktober wird sie auf dem Forum „Zeit-Kultur-Medien“ in Bonn (Bundeskunsthalle) der Körber-Stiftung zu hören sein.

Kontakt:

Literatur

  • Karl H. Hörning/Anette Gerhard/Matthias Michailow (1998): Zeitpioniere. Flexible Arbeitszeiten - neuer Lebensstil. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
  • Nadolny, Sten (1987): Die Entdeckung der Langsamkeit. Piper, München.
  • Lothar J. Seiwert (2003): Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Das neue Zeitmanagement in einer beschleunigten Welt. Sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität. Campus, Frankfurt am Main/New York (8. aktualisierte Auflage).
  • Weber, Max (2000): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Beltz Quadriga, Weinheim (3. Auflage).
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