Februar 2002

Soldatenkörper News 2021 News Deutschland News U+1F605 U+1F64F U+263A U+1F60E

Soldaten in Reihe und GliedMogadischu, Somalia, Afghanistan. Deutschland erlebt eine Renaissance des Milit�rischen. Vier Berliner Studierende bearbeiten das Ph�nomen der Remilitarisierung filmisch.

Ein toter Soldat, verst�mmelt. Immer wieder taucht er auf. Immer begleitet vom Schlachtruf einer soldatischen Gel�bnisaufstellung. Immer wieder liegt er am Boden. Und er st�rt. Denn Soldaten sterben nicht. Jedenfalls nicht in der �ffentlichen Wahrnehmung. Das Bild des Soldaten taucht in den Medien kaum noch auf. Opfer des Krieges sind gemeinhin wehrlose Menschen, unschuldige Kinder oder Frauen, nicht jedoch Soldaten. Der Soldat tritt dem Opfer aber auch nicht als T�ter entgegen, sondern als rettender Helfer, zum Beispiel in einer Friedensmission. Ohnehin verschwinden Soldaten immer mehr aus der Kriegsberichterstattung, k�rperlose Kampfmittel treten in den Vordergrund.

Mit der Berliner Republik hat sich das Verh�ltnis der �ffentlichkeit zum Milit�r ge�ndert. Besonders deutlich wird das in Berlin, einer Stadt, in der es vierzig Jahre lang kein deutsches Milit�r gab und in der inzwischen wieder �ffentliche Rekrutengel�bnisse stattfinden.

Eines dieser �ffentlichen Gel�bnisse hat vier Berliner Studierende dazu angeregt, sich intensiv mit dem Thema Remilitarisierung zu besch�ftigen. Im Herbst 2000 bildeten Carolin Behrmann, Henrik Lebuhn, Markus Euskirchen und Stefan Klinker eine Arbeitsgruppe Milit�rrituale und forschten �ber die Auswirkungen von Ritualen. Nachdem sie mehreren Gel�bnissen beigewohnt hatten, wuchs bei ihnen der Wunsch, dieses filmisch zu dokumentieren. Inzwischen ist ein langer Dokumentarfilm mit dem Titel "... tapfer zu verteidigen ..." entstanden, der schon mehrfach erfolgreich an Universit�ten und bei Stiftungen gezeigt wurde. Ein Zwischenschritt dahin war ein siebenmin�tiger Kurzfilm, den die vier beim Deutschen Studienpreis einreichten.

found footage, engl.
gefundener Filmmeter. Vertreter der Found Footage Strömung verknüpfen bereits seit den dreißiger Jahren Geschichtserfahrungen aus Nachrichtensendungen und historischen Dokumentationen mit Beiträgen aus der Pop- und Medienkultur zu filmischen Hybridwesen.

Die vier kombinierten in guter alter found footage-Tradition Bilder aus Nachrichten, Kinofilmen und eigenen Aufnahmen in schneller Abfolge und ohne Kommentar. "Auf diese Weise stellen wir die alte Unterscheidung von Fiktion und Realit�t, Filmen und Dokumentarfilmen in Frage", sagt Henrik Lebuhn, einer der vier Filmer. Es entsteht dabei eine Ann�herung an das Thema "Soldatenk�rper" aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die allen bekannten Bilder von Zielfindungskameras an amerikanischen Raketen kommen dabei ebenso zum Einsatz wie Ausschnitte aus dem US-Film "Full Metal Jacket".

In vier Sequenzen zeigt der Film, mit welchen Ritualen beim Milit�r aus einzelnen K�rpern ein Gesamtk�rper geschaffen wird. Das reicht vom ersten Haarschneiden, bei dem der Rekrut erstmalig physisch an eine milit�rische Norm angepasst wird, �ber k�rperliche Bet�tigung bis zur physischen Ersch�pfung, in der sich individuelle Gewohnheiten und Bewegungsstile verlieren bis hin zum Gel�bniszeremoniell, in dem sich die Truppe erstmals als zusammengeh�rige Einheit, als ein K�rper, der �ffentlichkeit pr�sentiert.

Durch diese Rituale wird der individuelle zivile K�rper umgeformt zu einem milit�rischen K�rper. Gleichzeitig �ndern sich auch die moralischen Werte. Gilt f�r eine Zivilperson ein T�tungsverbot, zielt die milit�rische Ausbildung gerade darauf, ein T�tungs- und Sterbegebot zu installieren. Doch eben dieses T�ten und Sterben erscheint nicht in der �ffentlichen Wahrnehmung.

Es ist sogar so, dass in den Medien ein Bild vom k�rperlosen Krieg vermittelt wird. Soldaten verschwinden in gepanzerten Fahrzeugen, werden eins mit ihrer Waffe und verschwinden in ihr. Wird ein Kampfflugzeug abgeschossen, ist die menschliche Komponente lediglich die abstrakte Zahl der Insassen des zerst�rten Waffensystems. Gleitbomben liefern bei sog. chirurgischen Operationen Bilder bis kurz vor dem Einschlag, funktionieren aber nahezu automatisch und zeigen keine Personen. "Bilder von an Gleitbomben befestigten Kameras im Zielanflug auf einen feindlichen Panzer werden zum Emblem der anonymen Milit�rmacht auf beiden Seiten", betont Henrik Lebuhn.

Nicht ohne Grund ist die letzte Einstellung das Bild einer Zielbild�bertragung einer Lenkrakete, gefolgt vom Schlachtruf und einem schwarzen Bildschirm. Der verst�mmelte Soldat fehlt.

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Zur Person

  • Carolin Behrmann, 26, studiert Kunstgeschichte, Europ�ische Ethnologie, Kulturwissenschaften und Philosophie an der Humboldtuniversit�t in Berlin.
  • Henrik Lebuhn, 27, studiert Politische Wissenschaft und �ffentliches Recht an der Freien Universit�t Berlin. In Mexico City hat er �ber "Demokratisierungsporzesse in Lateinamerika" gearbeitet.
  • Stefan Klinker, 29, ist im Projekt für die Technik zuständig und studiert an der Hochschule der Künste in Berlin.
  • Markus Euskirchen, 28, promoviert als Politologe an der Freien Universität Berlin über Militärrituale.

Literatur

  • Monaco, James: Film verstehen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg: 2000. (Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien. Mit einer Einf�hrung in Multimedia.)
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