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Prof. Dr. Lars Clausen Erst wenn Katastrophen den Menschen erreichen, erzeugen sie Leid: Es handelt sich also um ein soziales Phänomen. Dennoch hat es lange gedauert, bis die soziologische Katastrophenforschung etabliert war. Ein Interview mit Prof. Dr. Lars Clausen, dem Leiter der Katastrophenforschungsstelle in Kiel.


Prof. Dr. Lars Clausen lehrte von 1970 bis 2000 am Institut für Soziologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ist dort seit Mitte letzten Jahres immer noch als Emeritus tätig. Er ist weiterhin der Leiter der Katastrophenforschungsstelle der einzigen Institution für soziologische Katastrophenforschung in Deutschland, der ersten soziologischen europaweit.

Dabei ist Lars Clausen nur durch einen Zufall zur Katastrophenforschung gekommen. Nach seinem Abitur in Hamburg studierte er zunächst Betriebswirtschaftslehre, lehnte jedoch als Diplom-Kaufmann ein lukratives Angebot aus der Wirtschaft ab und wandte sich der Soziologie an der Uni Münster unter Helmut Schelsky zu, was er, wie er sagt, nie bereut habe. 1964 ging Clausen für einige Jahre in die Entwicklungsländer-Soziologie, 1968 habilitierte er sich in Münster. 1970 wurde er dann auf eine Professur für Soziologie nach Kiel berufen.



sg: Wie kommt man als Soziologe zur Katastrophenschutz?

LC: Das liegt ziemlich genau 30 Jahre zurück. Damals wurde ich in den Beirat der sogenannten Schutzkommission berufen, die zwanzig Jahre zuvor vom Bundesinnenminister gegründet worden war. Eigentlich eine Runde von Naturwissenschaftlern. In der Schutzkommission saßen hochkarätige Wissenschaftler aus der Gruppe, die 1957 die sogenannte "Göttinger Erklärung" unterzeichnet hatten. Unter der "Göttinger-18" waren damals noch sehr viele deutsche Physik-Nobelpreisträger, sie protestierten gegen eine geplante Atombewaffnung der deutschen Bundeswehr. Die damalige Regierung unter Adenauer versuchte, die Wissenschaftler an den Staat heranzulocken, indem sie ihnen Gutachterstellen zuschob und Gutachterkommissionen gründete.

Doch dann wurde die Schutzkommission durch die hochkarätige Besetzung zunehmend unbequem. Irgendwann beschloss sie, dass sie auch Sozialwissenschaftler brauchte, weil es bei einem Atomkrieg ja nicht nur um Fall-Out, also verstrahlte Partikel in Regen und Schnee geht, oder um Schutzbauten und deren Stabilität. Irgend jemand verfiel auf mich, und wir machten Katastrophen zu unserem Thema.

Damals gab es dafür auch Forschungsgelder. Wir waren hier in Deutschland ja ganz am Anfang und von der Katastrophenforschung verstanden nur die Amerikaner ein bisschen was. Wir haben dann lange Forschungsprojekte betreut, etwa die schleswig-holsteinische Schneekatastrophe erforscht, bis daraus später (1987) die Katastrophenforschungsstelle geworden ist.

sg: Wie kommt es, dass vorher noch nichts in der Richtung eingerichtet worden ist?

LC: Da ist kein Geld drin. Eine solche Sache, die in der Entwicklung ist, braucht öffentliche Förderung oder Privatförderung. Die Privatwirtschaft ist an diesen Sachen gar nicht interessiert, weil sie versucht, ihre großen Unfallquellen möglichst in eigener Regie in den Griff zu bekommen. Der Bund gibt auch kein Geld, weil dann sofort - wie jede Regierung bisher annahm - die Beunruhigung der Bevölkerung viel größer wäre als der Wunsch, Maßnahmen zu bezahlen. Man hat uns niemals in der Forschung behindert, aber es gab Grenzfälle, bei denen man merkte, dass die Bundesregierung das nicht so gern hatte. Das geschah immer dann, wenn wir Vorschläge machten, die Selbstschutzkapazität der Bevölkerung zu aktivieren, denn das hätte bedeutet, dass die Bevölkerung von den Gefahren ins Bild gesetzt worden wäre.

sg: Hat sich heutzutage an der Einstellung der Politiker etwas geändert, gerade auch unter dem Einfluss von sozialen Bewegungen, der Grünen etwa?

LC: Nein. Der Katastrophenschutz gehörte früher zum Zivilschutz und dieser wiederum zur Verteidigungspolitik. Deswegen wurde uns immer vorgeworfen, wir machten Kriegsvorbereitung, wenn wir z.B. vorschlugen, wie man vor verseuchtem Regen warnt. Die etwas dünne Argumentationskette lautete: wir warnen - die Bevölkerung unternimmt etwas dagegen und glaubt, sie sei geschützt. Und das ermutige dann die Regierung, einen Atomkrieg durchzuführen.

sg: Mit welchen Leuten arbeiten Katastrophenforscher zusammen?

LC: In Kiel etwa arbeiten wir mit einer Menge Geographen zusammen. Auch mit Geologen, mit Seismologen. Ein Beispiel: Wir haben einen schlummernden Vulkan in der Eifel, Maria Laach. Wenn der ausbricht, dann müsste man natürlich den Flughafen Frankfurt schließen, und das Neuwieder Becken wäre voller Lava. Sehen Sie sich das mal im Atlas an! Das wäre so ein Fall, bei dem man nur die Folgen lindern könnte, aber gar nicht so recht wüsste, wie man prophylaktisch vorgehen soll. Nebenbei: Katastrophen werden nur sehr ungern prophylaktisch angegangen, dazu würde ja auch gehören, Fachleute auszubilden. Dann kooperieren wir mit Hilfsorganisationen: Das Technische Hilfswerk, das Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst, da sitzen gelegentlich auch Soziologen und Politologen. Und viele Menschen, die unsere Arbeit ganz gut kennen, sind natürlich diejenigen aus der Dritten Welt

Ich habe mich auch darauf konzentriert, den deutschen Verwaltungen beizubringen, dass wir gute Arbeit leisten. Ein Kollege sagt immer, die Verwaltung sei dazu da, um Sachen zu verlangsamen, damit sie in Ordnung kommen, und im Katastrophenfall müsste die Verwaltung ja etwas beschleunigen. Dass die Feuerwehrleute inzwischen wissen, dass es uns gibt, das ist viel wichtiger, als dass der Bundesinnenminister immerfort auf uns guckt.

sg: Welches sind die namhaftesten Katastrophenforscher in anderen Ländern? Ist auch die deutsche bzw. europäische Forschungsstelle international bekannt?

LC: Also, dann und wann kommen die Katastrophenforscher zusammen, das sind dann immer dieselben aus den USA, Japan, Kanada, Finnland, Italien, Deutschland . - die kennt man schon alle. Sicherlich bedeutend sind Enrico Quarantelli und Gary Kreps in den Vereinigten Staaten.. Auch Wolf Dombrowsky, der zweite Mann der Katastrophenforschungsstelle in Kiel, ist sehr angesehen. Er ist jetzt Mitglied der Strahlenschutzkommission des Bundes, in der noch nie ein Soziologie war, weil die Regierung immer Berührungsangst hatte. Man kämpft dort leider den einsamen Kampf der Sozialwissenschaftler unter Leuten, die glauben, dass wir Spinner seien.

sg: Ist der Bereich des Katastrophenschutzes trotzdem für Nachwuchssoziologen lohnend?

LC: Ja, insofern, als dass es eine ganze Menge katastrophennaher Berufsbilder gibt. Sie können in der öffentlichen Verwaltung oder bei den Hilfsorganisationen etwas werden. Es gibt eine Katastrophenschutzschule des Bundes in Ahrweiler. Wir haben immer versucht, mit denen zusammen einen wissenschaftlichen Verbund zu bilden und in den einzelnen Ländern Aufbaustudien anzubieten, aber in meiner 30-jährigen Dienstzeit ist es mir nicht gelungen, ein Aufbaustudium im Katastrophenschutz für Akademiker aller Abschlüsse mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt zu entwickeln; denn ich halte diesen Schwerpunkt für wichtig, weil alle Nöte am Ende nur deshalb Nöte sind, weil sie das soziale Leben beeinträchtigen.

sg: Hat die Katastrophenforschung in Deutschland denn auch weiterhin eine Chance?

LC: Das ist ein Problem. Der Katastrophenschutz hing ja ursprünglich mit der Atombombe und deren Folgen zusammen. Mit der schwindenden Kriegsgefahr, die ja mit dem Ost-West-Konflikt zusammenhing, rückte der Katastrophenschutz stärker zurück in die Ländervollmacht. Das merken Sie daran, dass wir kein gutes flächendeckendes deutsches Warnsystem mehr haben, keine deutschen Hilfskrankenhäuser mehr und keine deutsche Arzneimittelbevorratung mehr. Im Grunde gibt es keinen richtigen Träger für einen deutschen Katastrophenschutz.

Dabei ist die Gefahr von Katastrophen ja keineswegs gebannt: chemische Katastrophen etwa, aber auch Zusammenbrüche, etwa des Internets, also alles, was flächendeckend die Bevölkerung unglücklich machen kann, um es populär auszudrücken. Der Bund zieht sich da weitgehend zurück. Das bedeutet: Eine Katastrophenforschungsstelle, die von der Wirtschaft nicht bezahlt wird und auch vom Bund nicht, muss, wie immer, Gelder hereingewinnen, von Projekt zu Projekt. Solange uns das gelingt, leben wir, und eines Tages sterben wir.

sg: Woran arbeiten Sie zur Zeit?

LC: Wir wollen versuchen, 2002 die Katastrophenforschung international zusammenzuführen, damit sie aus dem Windschatten eines dieser grässlich überfüllten Weltkongresse für Soziologie heraustreten kann. Dies kann auch gern auf die Nachbarwissenschaften übergreifen und auf die Braintanks der politischen Parteien. Ansonsten forschen wir weiter. Wir sind gerade dabei, einen flächendeckenden und fürs Publikum zugänglichen Schutzdatenatlas zu entwerfen. Grundgedanke ist, dass in Deutschland Behörden, Verbände, aber auch Einzelpersonen auf die schutzrelevanten Daten ihres Landes, Regierungsbezirkes, ihrer Gemeinde, runter bis zur Straße Zugriff haben.

Das Interview führte Katy Bock

Links zum Thema

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  • Forschungsprojekte und KFS-Publikationen: www.kfs.uni-kiel.de
  • Infos Prof. Dr. Lars Clausen: www.soziologie.uni-kiel.de/lc.html
  • Göttinger Erklärung

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Themen: Soziologie
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