Fenster zur Weltspitze 2021 News Deutschland News 2021 U+1F61C U+1F605 U+1F389 U+1F614

EUSPAls „Fenster nach Europa“ erbaute Zar Peter der Große St. Petersburg; die Gründer der European University at St. Petersburg (EUSP) schufen 1995 ein Fenster zur Weltspitze. Der Rektor der EUSP, Nikolaj Borisovich Vakhtin, sprach mit sciencegarden über die Folgen des sowjetischen Bildungssystems, Auswahlverfahren und die Vereinbarkeit von Exzellenzförderung und Studiengebühren.

sg: Nikolaj Borisovich, die EUSP als nicht-staatliche Hochschule rühmt sich ja, einen Ausbildungsweg zu beschreiten, der sich stark vom Bildungssystem in den staatlichen russischen Universitäten unterscheidet. Was ist denn an der EUSP so anders?

NBV: Zuerst einmal richten sich unsere Programme nur an Postgraduierte, das heißt an Interessenten, die mindestens schon den Bachelor in der Tasche haben. Zum anderen beschränkt sich die EUSP auf die Geisteswissenschaften. Wir bemühen uns, interdisziplinär zu arbeiten, laden renommierte Gastdozenten aus dem Ausland ein und bieten internationale Programme, auch in englischer Sprache, an.

sg: Auffällig an Ihren Curricula ist ja, daß alle Ph.D.-Programme auch einen Abschluß als M.A. beinhalten. Der M.A.-Abschnitt ist sehr verschult, die Doktoranden drücken die Hörsaalbank wie Erstsemester. Welchen Zweck verfolgt dies?

EUSPNBV: Die Geisteswissenschaften haben in der Sowjetzeit am meisten gelitten, da sie am stärksten von der Sowjetideologie kontaminiert wurden. Schauen Sie sich zum Beispiel die sowjetischen Wirtschaftswissenschaften an – die bestanden nur aus Worthülsen, wo doch jeder weiß, wie wichtig z. B. die Mathematik für die Ökonomie ist. Die ganze Soziologie war marxistisch ausgerichtet, den Historikern war die sowjetische Ideologie als Rahmen vorgegeben. Andere Fächer, die wir heute unterrichten, wurden gar nicht gelehrt, zum Beispiel Sozialanthropologie oder Soziolinguistik. Da sich die Situation im russischen Bildungssystem seit dem Zerfall der Sowjetunion nur langsam ändert, sind wir manchmal gezwungen, unsere Bewerber auf andere Forschungsansätze „umzuschulen“ oder sie von Null an zu unterrichten. Das geschieht, je nach Fachrichtung, in den ersten ein bis zwei Jahren des Promotionsstudiums. Wer dieses „Grundlagenstudium“ abschließt, bekommt sozusagen als Dreingabe noch einen M.A.-Titel der EUSP. Für viele russische Studenten ist das sehr interessant, weil sie so schon einmal über einen international anerkannten Abschluß verfügen. Lediglich die letzten ein bis eineinhalb Jahre stehen den Promovenden ausschließlich zum Verfassen der Dissertation zur Verfügung.

sg: Die Bewerber erwartet also viel Arbeit an der EUSP...

NBV: In der Tat. Wir fordern von unseren Schützlingen überdurchschnittlich viel, diese bekommen aber auch viel zurück: die Qualität der Dissertationen ist, sogar international gesehen, überdurchschnittlich hoch. Wir hatten bereits zweimal den Fall, daß bei der Disputation einer Ph.D.-Arbeit das Gremium meinte, die vorgelegte Dissertation entspräche einer Habilitationsschrift.

sg: All Ihre Studenten und Doktoranden müssen überdurchschnittlich motiviert sein. Wie kommt das?

NBV: Wir suchen unsere Studenten sehr sorgfältig aus. Wenn jemand an der EUSP studieren will, so muss er auf uns zukommen, sich bewerben – und er ist dann einem strengen Auswahlverfahren ausgesetzt.

sg: Wie lauft das Bewerbungsverfahren bei Ihnen ab?

EUSPNBV: Da gibt es Unterschiede zwischen den russischsprachigen Programmen und dem englischsprachigen, da diese Programme auch unterschiedliche Personenkreise ansprechen. Das Master-Programm IMARS ist für Interessenten gedacht, die keine oder keine besonders guten Russischkenntnisse haben. Die Vorlesungen finden auf Englisch statt, werden aber von russischen Professoren gehalten. IMARS wird hauptsächlich von Westeuropäern und Amerikanern angenommen. Das ist ja ein ganz anderer Blickwinkel. Für dieses Programm ist die Auswahl nicht so streng. Hier reicht das ausgefüllte Antragsformular, eine Begründung, warum der Bewerber unbedingt an die EUSP möchte, und eine Notenübersicht. Eine Aufnahmeprüfung wird nicht gefordert. In diesem Jahr haben sich 26 Interessenten auf 20 Plätze beworben.

sg: Heißt das, ausländische Studenten können an der EUSP nicht promovieren?

NBV: Sie können schon promovieren, wenn sie das IMARS-Programm abgeschlossen und eine Magisterarbeit geschrieben haben. Aber viele ziehen es vor, nur einige Kurse aus dem Programm auszuwählen and dafür Credits zu bekommen, die an ihren Heimatuniversitäten angenommen werden.

sg: Und wie läuft die Auswahl für die russischen Programme?

NBV: Hier haben wir ein sehr strenges Verfahren. Alle Bewerber müssen neben einer Notenübersicht auch ein Motivationsschreiben und eine schriftliche Arbeit abgeben. Das kann die Bachelor-Arbeit sein, ein bereits veröffentlichter Artikel oder aber ein Text, der speziell für die Bewerbung geschrieben wurde – auf alle Fälle aber sollte daraus hervorgehen, für welches spezielle Fach sich der Bewerber interessiert und welche Ziele er verfolgt.

sg: Wie stellen Sie fest, ob diese Arbeit auch tatsächlich vom Bewerber kommt – es werden ja gerne Texte eingereicht, die nicht aus eigener Feder stammen...

NBV: Also, das ist relativ leicht festzustellen. Zum einen gibt es ja das Internet, und wenn jemand von dort abgekupfert hat, so lässt sich das mit einer Suchanfrage herausfinden. Außerdem laden wir fast alle Bewerber zu einem Gespräch ein. Wer seinen Text nicht selbst verfasst hat, kommt in diesem Gespräch schnell in Erklärungsnot, denn da nehmen wir alle Anwärter sehr genau unter die Lupe. Wer einen Titel nur um des Titels willen haben will, bewirbt sich sowieso nicht bei uns. Den kann er anderswo mit weniger Anstrengungen bekommen.

sg: Und wer das Gespräch erfolgreich hinter sich gebracht hat, ist angenommen?

EUSPNBV: Nein, so leicht ist das nicht. Es gibt auch noch eine Aufnahmeprüfung. Danach wird ein Rating aus allen drei Teilbereichen – Bewerbungsunterlagen, Gespräch und Prüfung – erstellt, und die Besten aus diesem Rating werden aufgenommen. Die ausschlaggebende Bedeutung bekommt dabei das Bewerbungsgespräch: da kommt schnell zutage, wer besser an die EUSP passt. In diesem Jahr kamen statistisch 2,1 Bewerber auf einen Studienplatz; normalerweise sind es 2,5-3 Anwärter.

sg: Deutsche Professoren können seit einiger Zeit ihre Studenten ebenfalls in einem Auswahlverfahren bestimmen. Die wenigsten aber nutzen diese Möglichkeit. Was raten Sie Ihren deutschen Kollegen?

NBV: Natürlich ist es ein Unterschied, ob man es mit Erstsemestern oder Doktoranden zu tun hat. Wir müssen Promovenden auswählen, und da ist es natürlich wichtig, dass wir uns die herauspicken, die ihre Doktorarbeit auch zu Ende führen. Außerdem arbeiten wir mit sehr kleinen Gruppen, da muss das Klima stimmen.

sg: Wie sieht denn die Quote Dozent:Student an der EUSP aus?

NBV: Das kann ich Ihnen nicht sagen, sonst gibt uns keine Stiftung mehr Geld! Nein, im Ernst: Ich habe momentan vier Promovenden und noch zwei weitere, die eigentlich schon fertig sind. In Seminaren liegt die Quote bei eins zu vier oder zu fünf, je nach Fach; auf eine Studiengruppe mit 10-15 Personen kommen 3-6 Dozenten.

sg: Wie finanziert sich das denn?

NBV: Wir werden von diversen Stiftungen unterstützt, vor allem Ford, MacArthur und HESP. Unsere ausländischen Studenten müssen Studiengebühren zahlen, je nach Fachrichtung zwischen 4000 und 8000 Dollar pro Jahr.

sg: Für ausländische Studierende mag das ja akzeptabel sein, aber für Russen ist eine solche Summe doch sicher sehr abschreckend.

EUSPNBV: Deshalb nennen wir in unseren Unterlagen für russische Bewerber auch einen reduzierten Satz von lediglich 1400 Dollar und fügen gleich hinzu, dass wir über ein sehr gutes Stipendiensystem verfügen. Die Höhe unserer Studiengebühren richtet sich danach, wieviel der Bewerber im Geldbeutel hat. Wenn der Geldbeutel völlig leer, aber sein Besitzer die Idealbesetzung für den Studienplatz ist, dann sind wir bereit, ihm finanziell unter die Arme zu greifen. Solche Leute müssen gar keine Studiengebühren zahlen und bekommen von uns noch dazu ein Stipendium für Wohnung und Lebensunterhalt. Das ist besonders wichtig für Doktoranden aus anderen, oft auch ärmeren, Regionen Russlands. Wer hingegen aus einer wohlhabenden Familie stammt, muss den vollen Satz zahlen.

sg: In Deutschland ist das Studium ja noch gebührenfrei. Haben Sie denn überhaupt deutsche Studierende, wenn diese hier an der EUSP Gebühren zahlen müssen?

NBV: Wir haben eine ganze Reihe Deutscher, die über das IMARS-Programm kommen. Wir kooperieren ja mit mehreren deutschen Unis, unter anderem mit der FU Berlin und der Uni Göttingen. Die deutschen Studierenden erhalten entweder ein DAAD-Stipendium oder werden von Stiftungen unterstützt. Von ihnen muss also niemand für die Studiengebühren selbst in die Tasche greifen.

sg: Ein Ziel Ihrer Universität ist ja, Multiplikatoren auszubilden, die ihr Wissen zurück in ihre Heimatregionen tragen. Andererseits geht aber ein gut Teil Ihrer Absolventen in die freie Wirtschaft. Wie praxisorientiert gestaltet sich unter diesen Umständen die Ausbildung an der EUSP?

NBV: Natürlich ist eine gewisse Orientierung an der Praxis notwendig, aber an dieser Stelle möchte ich mich für die Fundamentalwissenschaft aussprechen. Ihr Nutzen ist nicht sofort sichtbar, aber er ist unzweifelhaft vorhanden. Und ich sage Ihnen noch etwas: ein guter Fundamentalwissenschaftler wird auch immer in der Praxis leicht seinen Platz finden. Vielleicht muss er lernen, wie ein gewisses Anwendungsprogramm funktioniert, aber ihm wird das leicht fallen, weil er die großen Zusammenhänge kennt. Wer nur gelernt hat, das Anwendungsprogramm zu bedienen, ist dieser Flexibilität, dieser vielen Möglichkeiten beraubt.

sg: Nikolaj Borisovich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Sandra Birzer

Links zum Thema

  • Online Casino
  • Homepage der EUSP in Englisch und Russisch
  • Vertretung des DAAD in Rußland

Zur Person

Sandra Birzer ist sciencegarden-Redakteurin.

Kategorien

Themen: Hochschule | Osteuropa
Anzeigen
Anzeige
backprinttop

Newsfeeds

Online-Recherche

Suchmaschinen, Infos, Datenbanken » mehr

Rezensionen

Buchrezensionen der sg-Redaktion » mehr

Wettbewerbe

Forschungswettbewerbe in der Übersicht » mehr

Podcasts

Übersicht wissenschaftlicher Podcast-Angebote » mehr

Newsletter

anmelden
abmelden
?
Mitmachen

/e-politik.de/

Aktuelle Beiträge:

Raumfahrer.net

Aktuelle Beiträge:

Eureka! Science News

Aktuelle News:

Anzeigen



Anzeigen