Mai 2005

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Glaube - Liebe - HoffnungGebete und Erwägungen für die akademischen Stände. Professor Lindemann gibt Tipps, wie man gut durchs Studium kommt. Unser Beitrag zur Papstwahl.

„Ich bin die Rache Gottes“ steht auf dem Aufnäher, den eine Studentin an ihren Rucksack geheftet hat, daneben Sticker der „Sex Pistols“, des Kölner Doms und Jesus. Sie schlendert vor mir her, auf dem ersten, gigantisch großen Rheinauenflohmarkt des Jahres in Bonn. Von April bis Oktober zieht er jeden dritten Samstag des Monats die stilvoll verarmten Massen an, vor allem Studierende. Hier findet man für 1 Euro gute Bücher oder LPs, echte Militärklamotten und anderes schrilles Zeug.

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„Der Akademiker“
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Schon am ersten Bücherstand des Flohmarktes ein Glücksgriff. Sündhaft billig erwerbe ich Romane meines texanischen Triumphirates: Carson McCullers, William Faulkner und Patricia Highsmith. Auf Flohmärkten bleibt nichts unkommentiert, so erfahre ich durch Rückfragen des Händlers, dass in Deutschland der Erwerb anspruchsvoller Lektüre immer den Eindruck weckt, man sei Student oder arbeitsloser Geisteswissenschaftler. Da Texas sehr konservativ ist, drückt mir der Händler, er meint es gut, ein weiteres Buch in die Hand: „Der Akademiker. Gebete und Erwägungen für die akademischen Stände.“ Obwohl ich nicht arbeitslos und nicht konservativ bin, nehme ich es mit.

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„Morgengebet an Prüfungstagen“
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Zurück spaziere ich am Rhein entlang. Bei 10°C und Wind erwärme ich mich immer mehr für den kleinen Ratgeber. Er ist von 1917 für katholische Studierende. Daher gehöre ich durchaus zur Zielgruppe, auch wenn ich erst 1971 geboren bin und mein Studium hinter mir habe. Die katholische Kirche denkt in Jahrhunderten, betont Kardinal Ratzinger (jetzt Benedikt) immer, deshalb spiele der Zeitgeist keine Rolle. Das Büchlein hat 500 Seiten, ist aber nur 1 cm dick – Bibeldünndruck. Auf dem Titel ist „SH“ eingeprägt, was ich nicht verstehe, „SJ“, die Abkürzung für die „Schlauen Jungs“ der Jesuiten kann nicht gemeint sein. Im Vorwort wird dargelegt, dass es kein Gebetbuch für Studierende gebe, obwohl der junge Mensch doch „inmitten der Gefahren des Universitätslebens“ existiere und doch die größte „Hoffnung für Kirche und Vaterland“ darstelle, die „Blüte der Nation“. Ein wenig scheint sich doch geändert zu haben, Studierende werden nicht gerade wie Blüten behandelt, wohl eher wie Unkraut.

Das Thema der Prüfungsangst allerdings scheint überzeitlichen Charakter zu haben. Der Autor behandelt es etwas anders, Psychotherapien sind ihm fremd. Erleichterung verspricht das Kapitel „Morgengebet an Prüfungstagen“. Da man die Professoren 1917 noch nicht anbeten musste, konnte man seine Worte freimütig an Gott richten. Der Allmächtige wird gebeten um die Gaben der Weisheit und des Verstandes. Zu viele junge Männer werden das Gebet nicht genutzt haben, weil sie in den Schützengräben des ersten Weltkrieges lagen.

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„Standesgebete“
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Problematisch, früher wie heute, sind die Ferien. Prof. Lindemann weist darauf hin, dass die „Tage der Erholung nicht durch schwere Sünden entweiht“ werden sollten. Er meinte damit nicht Nachtschichten in Kneipen oder unbezahlte Praktika, sondern vor allem: Keine gefährliche Lektüre! Heute freut sich jeder Professor, wenn Studierende überhaupt lesen. In einer Zeit ohne Fernsehen allerdings, war Lesen keine Ausnahme. Es gab noch nicht gute und böse Medien, sondern nur gute und böse Bücher. Gut waren vor allem Fachbücher, natürlich nur die des eigenen Studiengebietes und katholische Literatur. Im Kapitel über „Aphorismen über Lektüre und Literatur“ (Infokasten 2) wird klar gesagt, was „ins Verderben führt“. Wer Schlechtes liest, erfasst auch das mit dem Verstand, es sickert ins Gedächtnis wie Gift – und dann ist es meist zu spät: „Auf dem Schreibtisch eines Studenten, der Selbstmord begangen hatte, fand man Schriften von Schopenhauer, Darwin, Häckel, Büchner, Nietzsche.“ Die Lektüre ist mit Bedacht zu wählen, auf die Verbotslisten der Kirche ist zu achten. Auch Fastfood ist zu vermeiden, denn „das hastige Durchblättern eines Buches fördert nicht das Wissen.“

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„Verbot des Duells und der Mensur“
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Ob sich die kriegsbegeisterte Jugend von 1914 oder die engagierten, bücherverbrennenden NS-Studentenbünde 1933 dem Ratschlag „Alles recht und gut“ anschlossen, muss bezweifelt werden. Prof. Lindemann fügt dem noch hinzu: „Sei rücksichtsvoll“. Wichtig und ebenso alltagsfern ist das Sonderkapitel „Verbot des Duells und der Mensur“, in dem die Grundsätze der Nächsten- und Feindesliebe, das 5. Gebot, die staatliche Gesetzgebung, die Vernunft und die angedrohte Exkommunikation erläutert wurden. Heute kommt man ohne Duelle zwar bestens durch das Studium, dafür ist es an der Massenuni schwierig den Grundsatz „Achte dich selbst“ einzuhalten. „Laß dich nicht von der Menschenfurcht leiten“ ist in einem Hörsaal mit 1000 Leuten schwierig und angesichts feudaler Hochschulstrukturen ist eine Doktorandenzeit „frei von mürrischem Wesen“ schwer durchzuhalten. Noch schwieriger wird eine Hochschulkarriere nach den Grundsätzen „Sei kein Opportunist“, „Sei kein Pessimist“ oder „Sei rücksichtsvoll“ zu absolvieren sein; „Sei kein einseitiger Idealist“ ist dann endgültig der Hinweis, der einen von der Uni vertreiben müsste. Für den Psychohaushalt ist es allerdings zeitlos vorteilhaft „Ohne Hast und ohne Rast“ zu studieren.

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„Allgemeine Lebens-
grundsätze“
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Die Zeit spielt also doch eine gewisse Rolle, wenn es um Ratgeber geht. Aber je nach praktischer Politik des neuen Papstes Benedikt könnten manche alten Tipps wieder aktueller werden. Moralregeln zeugen oft davon, was sich Autoren wünschen – angesichts einer oft völlig gegenläufigen Realität. Die Zeit nach 1917, das „Zeitalter der Extreme“ fing gerade erst an, hat gezeigt, dass die Mehrheit der Studierenden sich leider nicht an die christlichen Grundsätze hielt. Christliche Regeln haben den Vorteil großer Einfachheit, über die 10 Gebote gibt es nicht viel zu diskutieren. Von Feindes- und Nächstenliebe war gesellschaftlich jedenfalls nicht viel zu spüren, als Martin Heidegger als neuer Rektor 1933 den Leitspruch „Dem ewigen Deutschtum“ an die Freiburger Universität meißeln ließ, umringt von grölender NS-Studentenschaft. Auch als nach 1968 viele offen für Stalin, Mao und den Marxismus demonstrierten, die „Mao-Bibel“ im Gepäck, stand es um moralische Anliegen schlecht.

Heute findet man nur noch Studentenratgeber, die zwar „Tipps und Tricks“ verraten, die aber natürlich keinen wirklichen „Rat geben“. Auf dem Büchermarkt boomen die Benimmbücher, die nur die Äußerlichkeiten thematisieren und zum alltäglichen Theaterspielen einladen. Orientierung oder Sinn vermitteln sie nicht. Was vom katholischen Ratgeber von 1917 noch bleibt ist der zeitlose Hinweis an Gläubige: „Vergiß nicht das Gebet“. Die Welt hat sich seither – zum Glück – sehr verändert, was nicht bedeutet, dass angehende Akademiker nicht auch Ratschläge aus Texten gebrauchen könnten. Einer zeitgemäßen Kirche jedenfalls muss man zutrauen können, dass sie solche sinnstiftenden Büchlein verfassen kann – auch für weltoffene Studierende. Nur ein kritischer Glaube kann Sinn stiften, nicht die Wissenschaft. Dafür sind Autoren nötig, die unzeitgemäßen Mut entwickeln. Aber es lohnt sich, immerhin sind wir die Rache Gottes…

Beitrag von Frank Berzbach

Zur Person

Dr. Frank Berzbach ist katholisch und liest gern, was er auf Flohmärkten findet. Er ist Chefredakteur von sciencegarden und arbeitet an der Universität Tübingen, an der auch Prof. Dr. Josef Ratzinger einst lehrte. Ratzinger hat heute einen anderen Job.

Literatur

  • Lindemann, Hub. (1917): Der Akademiker. Gebete und Erwägungen für die akademischen Stände, zunächst für Universitätsstudenten. Mit kirchlicher Druckerlaubnis. Dülmen i.W., A. Laumann'sche Buchhandlung. Verleger des heiligen Apostolischen Stuhles
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